19.11.12

Horror-Unfall auf A 5

Geisterfahrt ohne Abschiedsbrief – Ursache weiter unklar

Die Polizei hat nach dem Horror-Crash bei Offenburg eine zehnköpfige Ermittlungsgruppe gegründet. Es gibt noch viele Fragezeichen.

Foto: dapd

Truemmerteile liegen auf der A5 zwischen Lahr und Offenburg nach einem Unfall mit sechs Toten

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Offenburg. Am Tag nach dem Unfall eines Geisterfahrers mit sechs Toten konzentriert sich die Polizei auf das Umfeld des Unfallverursachers. Die Untersuchungen am Unfallort seien abgeschlossen, sagte ein Sprecher der Polizei am Montag im badischen Offenburg. Nun gehe es darum zu klären, warum der 20-Jährige auf der Autobahn in der falschen Richtung unterwegs war.

Um dies herauszufinden, werde das Leben des Mannes durchleuchtet. Daraus könnten Rückschlüsse auf ein mögliches Motiv, etwa bei einem Suizid, gezogen werden. Zudem werde nach Drogen- und Alkoholkonsum gefragt.

"Es ist ein Puzzle, das wir zusammensetzen müssen", sagte der Polizeisprecher. Es seien schwierige, umfassende und langwierige Ermittlungen. Am Montag gründete die Polizei eine zehn Beamten zählende Ermittlungsgruppe. Sie wird sich auf den Fall konzentrieren.

"Es gibt eine Vorgeschichte. Und dieser müssen wir jetzt nachgehen", sagte der Chef der Offenburger Polizei, Reinhard Renter, am Montag. Einzelheiten wollte er nicht nennen. Einen Abschiedsbrief habe der Falschfahrer nicht hinterlassen. "So einfach hat er es uns nicht gemacht." Er rechne damit, dass erst im kommenden Jahr ein Abschlussbericht vorgelegt werden könne. "In diesem Jahr wird das nichts mehr."

Der 20-Jährige aus dem badischen Ortenaukreis war am frühen Sonntagmorgen auf der Autobahn 5 bei Offenburg in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Er verursachte einen schweren Unfall, bei dem er und fünf weitere Menschen getötet wurden. Bei Folgeunfällen wurden Menschen verletzt, darunter eine 37-Jährige, die Erste Hilfe leisten wollte.

Der Wagen des Geisterfahrers stand völlig zertrümmert an der Leitplanke. Der junge Mann war sofort tot. Der Motorblock des Minivans, eines VW Touran, wurde bei der Kollision herausgerissen. Zwei junge Frauen und drei Männer wurden teilweise aus dem Wagen herauskatapultiert. Alle fünf starben sofort.

Eine Frau, die als Erste mit ihrem Auto zur Unfallstelle kam, wollte helfen und parkte ihren Wagen auf dem Standstreifen. Doch dann passierte das nächste Unglück: Ein Autofahrer übersah sie im Nebel und überrollte sie. Ein weiteres Fahrzeug prallte daraufhin in die ungesicherte Unfallstelle. Die Helferin kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus. Die Insassen der beiden anderen Autos wurden glücklicherweise nur leicht verletzt.

Erst gegen 8 Uhr, als die Morgensonne den wabernden Nebel durchdringt, wird den Feuerwehrmännern, den Helfern des Roten Kreuzes und den vier Notärzten das ganze Ausmaß des Unglücks bewusst. Die Leichen liegen über eine Strecke von etwa 100 Metern verstreut in einem dichten Teppich aus Fahrzeugteilen.

Zwei Sachverständige und eine Gerichtsmedizinerin stehen darin und versuchen, den Unfall zu rekonstruieren. Vor allem versuchen sie unter Hochdruck, die Identität der Getöteten und Schwerverletzten zu klären, um die Angehörigen verständigen zu können, sagt ein Polizeisprecher. Bis zum Nachmittag steht fest: Der Minivan wurde von einem 30-Jährigen gesteuert. Außer dem Fahrer kamen auch eine 23-jährige und eine 36-jährige Frau sowie zwei Männer im Alter von 26 und 27 Jahren ums Leben. Alle stammten aus dem Raum Emmendingen.

Die Besatzung eines Polizeihubschraubers versucht zweimal vergeblich, Übersichtsaufnahmen aus der Luft zu machen. Erst gegen 13 Uhr lichtet sich der Nebel und die Aufnahmen können gemacht werden.

Die A 5 ist stundenlang komplett gesperrt. Auch die nicht betroffene Gegenfahrbahn ist abgeriegelt, um mögliche Gaffer zu vermeiden. Mit ernsten Gesichtern stehen die Polizeibeamten auf der Fahrbahn und stellen sich die Frage nach dem Warum. Es kann sich keiner von ihnen an einen ähnlich schlimmen Unfall in der Gegend erinnern.

Allerdings hat es gerade in den vergangenen Wochen eine auffallende Häufung von schweren Unfällen gegeben, die durch Geisterfahrer verursacht wurden. Am 21. Oktober fuhr ein 24-Jähriger in Selbsttötungsabsicht in falscher Richtung auf der A 46 im Sauerland. Bei Meschede raste er in ein entgegenkommendes Auto mit vier Insassen, die auch alle starben.

Nur sechs Tage zuvor waren zwei Kinder und ihr 31 Jahre alter Vater beim Zusammenstoß mit einer Geisterfahrerin auf der A 1 bei Rivenich (Rheinland-Pfalz) getötet worden. Die 60-Jährige überlebte schwer verletzt. Und am 2. Oktober waren eine 31-Jährige sowie ihre beiden Töchter ums Leben gekommen, als die psychisch verwirrte Falschfahrerin auf der A 73 bei Bamberg in ein Auto prallte. Auch dessen Fahrer und Beifahrer, 25 beziehungsweise 54 Jahre alt, starben.

dpa/HA
Wie sich Geisterfahrten verhindern lassen
  • Zahl der Fälle

    Laut ADAC werden im Jahr bundesweit 2800 Fälle von Geisterfahrten gemeldet, davon 2000 auf Autobahnen. Die allermeisten gehen glimpflich aus. Geisterfahrer verursachten gerade einmal drei Prozent der tödlichen Unfälle auf Autobahnen. Nach Auskunft des Auto Club Europa (ACE) gibt es gegen Geisterfahrten keine Patentrezepte

  • Beschleunigte Kommunikation

    Bewährt hätte sich die beschleunigte Kommunikation, bei der z.B. der Verkehrsfunk Radiosendungen unterbricht und vor Falschfahrern warnt

  • Beschilderung

    Auf der technischen Seite ließe sich die Beschilderung weiter optimieren. So gebe es in Österreich und in vereinzelt in Bayern gelb-neon reflektierende Tafeln mit einem Handsymbol, das vor Falschfahrten warnt

  • Fahrerassistenzsysteme

    Neu in der Diskussion seien Fahrerassistenzsysteme, die akustisch und optisch signalisierten, wenn jemand falsch fährt und diese Warnungen auch an Radiostationen oder Polizeien weiterleiteten

  • Krallen

    Krallen in der Fahrbahn hält der ACE dagegen für unangemessen. Dazu müssten alle rund 2000 Autobahnauffahrten umgerüstet werden. Hinzu kämen die Raststättenauffahrten. Aufwand und Nutzen steht laut ACE in keinem vernünftigen Verhältnis, denn die Krallen würden einen vorsätzlichen Geisterfahrer nicht aufhalten. „Der nimmt sich dann die Bundesstraße.“ Außerdem würden durch Krallen Feuerwehr und Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindert

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