29.10.12

Moderator Jimmy Savile

Missbrauchsskandal erschüttert BBC - kein Ende in Sicht

Im Missbrauchskandal um den toten BBC-Moderator Jimmy Savile gibt es täglich neue Details. Jetzt wird ein ganzer Pädophilen-Ring befürchtet.

Foto: DAPD
Britain Jimmy Savile
Bei der Polizei und auch beim Sender BBC laufen inzwischen mehrere Untersuchungen zu den Vorwürfen

London. Es scheint ein Fall ins Bodenlose und ein Ende ist nicht in Sicht: Seit Wochen kommen im Kinderschänder-Skandal um den früheren BBC-Moderator Jimmy Savile fast täglich neue schockierende Details ans Licht. Das Thema verschwindet in Großbritannien nicht von den Titelseiten. 300 mutmaßliche Opfer haben sich bisher gemeldet, mehr als 400 Ermittlungsstränge werden verfolgt. Die Polizei sagt nichts Genaues. Doch neben dem 2011 verstorbenen Savile gibt es mittlerweile weitere Verdächtige. Manche sprechen bereits von einem ganzen Pädophilen-Ring. Am Wochenende wurde der 70er-Jahre-Popstar Gary Glitter festgenommen. Die BBC muss sich ihrer Vergangenheit stellen, noch in jüngerer Zeit sollen schwere Fehler passiert sein.

"Kann es wirklich sein, dass niemand wusste, was er getan hat?", fragte der Vorsitzende des BBC-Aufsichtsgremiums, Chris Patten, am Sonntag in der Zeitung "Mail on Sunday". "Haben manche die Augen vor kriminellen Handlungen verschlossen?" Genau das wollen auch die Briten wissen. Mittlerweile laufen bei der Polizei und auch beim Sender BBC mehrere Untersuchungen. Klare Aussagen gibt es derzeit noch nicht, dafür die Furcht davor, was noch alles passiert sein und welche weiteren Ausmaße der Fall noch annehmen könnte.

BBC-Generaldirektor George Entwistle versprach vor einem Parlamentsausschuss, jeden Stein umzudrehen. Doch die Kritik an der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt reißt trotzdem nicht ab.

Einst war Savile eine Art Volksheld. In den 60er und 70er Jahren wurde er als DJ und Moderator der BBC-Musiksendung "Top of the Pops" berühmt. Später präsentierte er dann die Familiensendung "Jim'll Fix It" – wöchentlich schaltete der Großteil der Nation ein. Savile machte sich außerdem als unermüdlicher Spendensammler einen Namen, besuchte Krankenhäuser und Schulen. Als er im vergangenen Jahr mit 84 Jahren starb, kamen Tausende zu seiner Beerdigung.

Dann ließ Anfang Oktober dieses Jahres eine TV-Dokumentation erstmals mutmaßliche Opfer von Savile sprechen. Der Skandal kam ins Rollen, die Nation war geschockt. Zwar habe Savile mit seinen hellblond gefärbten Haaren und seinen ausgefallenen, bunten Klamotten manchmal schon ein bisschen gruselig gewirkt, meinten auf einmal viele. Doch das hätte ihm niemand zugetraut: Über Jahrzehnte soll er vor allem junge Mädchen und einige Jungen sexuell missbraucht haben. Auch Vergewaltigung gehört zu den Vorwürfen.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass schon zu Saviles Lebzeiten mindestens sieben Missbrauchs-Fälle bei der Polizei gemeldet worden waren – doch unternommen wurde nichts. Eine Hilfsorganisation soll ihn von Spendensammel-Aktionen ausgeschlossen haben. Auch bei der BBC sollen manche über Saviles dunkle Seite Bescheid gewusst haben. Nicht selten wurde darauf in den vergangenen Wochen das Argument bemüht, die Zeiten seien damals einfach andere gewesen. Sexuelle Befreiung sei auf alte Machtstrukturen getroffen.

Genau diese angeblich andere "Kultur" am Arbeitsplatz und auch in der Gesellschaft insgesamt will die BBC nun in einer Untersuchung unter die Lupe nehmen. Auf den Prüfstand soll auch, ob heute alle nötigen Schutzmaßnahmen getroffen sind, damit so etwas nicht mehr passieren kann. Das allerdings lässt die Frage offen, warum in jüngster Zeit so oft Schweigen herrschte. Angeblich soll auch Entwistles Vorgänger Mark Thompson, der im November als Chef der "New York Times" antritt, etwas gewusst haben. Er weist dies zurück.

Während der Sender nach Antworten sucht, suchen die Ermittler vor allem nach Tätern. "Zu allererst muss jetzt festgestellt werden – und die Polizei untersucht das ganz klar – wer von den Involvierten noch lebt", sagte Justizminister Chris Grayling. Diese müssten für schuldig befunden und bestraft werden. "Das ist jetzt das Allerwichtigste."

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