15.10.12

Berlin-Alexanderplatz

20-Jähriger stirbt nach Attacke - Wowereit verurteilt Tat

Einen Tag nach dem brutalen Angriff am Alexanderplatz starb das Opfer. Innensenator Henkel will die Täter so lange wie möglich wegsperren.

Foto: DAPD
Opfer stirbt nach brutaler Pruegelattacke am Berliner Alexanderplatz
Blumen erinnern in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin an einen verstorbenen 20-Jährigen. Er wurde Opfer einer Gewaltattacke

Berlin. Wieder ein tödlicher Gewaltexzess in Berlin: Einen Tag nach einer brutalen Attacke am Alexanderplatz in Mitte ist ein 20-jähriges Opfer im Krankenhaus gestorben. "Der Mann ist am Montag um 14.35 Uhr seinen schweren Verletzungen erlegen", sagte eine Polizeisprecherin. Der Mann war am Sonntag gegen 4.00 Uhr nach einem Clubbesuch von mehreren Männern so schwer am Kopf verletzt worden, dass er vor Ort wiederbelebt werden musste. Gegen die flüchtigen Schläger wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft nun wegen Mordes ermittelt. Die Ermittlungsbehörden änderten am Montagabend wesentliche Angaben zur Person des Opfers, zur Zahl der Beteiligten und zum Tathergang.

Der 20-Jährige hatte mit Freunden den Geburtstag eines Bekannten in einem Club gefeiert. Sie mussten aber den Laden wegen ihres Alkoholpegels verlassen. Da ein betrunkener 25-Jähriger kaum noch gehfähig war, wollten ihm seine Begleiter ein Taxi rufen. Als ihm der 20-Jährige in der Rathausstraße vor einem geschlossenen Lokal einen Stuhl geben wollte, riss ein Unbekannter diesen wieder weg. Als der Helfer fragte, was dies solle, schlug ihn der Mann brutal nieder.

Weitere Schläger kamen hinzu und prügelten und traten auf den am Boden Liegenden ein. Als ein 29-jähriger Freund des Opfers, der mit einem weiteren Bekannten ein Taxi rufen wollte, zur Hilfe eilte, wurde er von der inzwischen auf sieben Köpfe angewachsenen Gruppe ebenfalls verletzt. Der 25-Jährige blieb unversehrt.

Zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, dass der sturzbetrunkene Mann zusammengeschlagen wurde. Nach weiteren Ermittlungen stellte sich heraus, dass es sich dabei um den 20-jährigen Helfer handelte. Wie die Polizei später ergänzte, gab es noch einen weiteren Mann, der vermutlich von der Tat selbst nichts mitbekam.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat den Tätern der tödlichen Gewaltattacke am Alexanderplatz den Kampf angesagt. "Die Ermittlungsbehörden werden alles tun, um diese abscheuliche Gewalttat aufzuklären und die Täter festzunehmen," wird der SPD-Politiker nach dem Tod des 20-jährigen Opfers in einer Mitteilung zitiert. Er rief alle Bürger, die Hinweise zum Verbrechen geben könnten, dazu auf, sich bei der Polizei zu melden. "Niemand darf wegschauen, wenn sie Zeugen solcher Taten werden." Berlin werde sich niemals mit brutaler und sinnloser Gewalt abfinden.

Innensenator Frank Henkel (CDU) kündigte an, alles dafür zu tun, um die Täter so lange wie möglich wegzusperren. "Hier ist eine rote Linie weit überschritten, wenn ein Mensch in unserer Stadt solch unfassbarer Gewalt ausgesetzt ist", sagte Henkel. Bei solch einer Tat dürfe es nicht die geringste Nachsicht geben. "Wer soviel Leid über andere bringt, der darf nicht daraufsetzen, dass Gesellschaft und Justiz Verständnis aufbringen."

"Wir ermitteln mit Hochdruck", hieß es bei der Polizei. Die Täter sind auf der Flucht. Geprüft werde, ob Überwachungskameras die Tat oder die Schläger gefilmt haben. Die Polizei überlegt, mehr Beamte rund um den Alexanderplatz auf Streife zu schicken. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisierte, dass in den vergangenen Jahren 4000 Stellen bei der Hauptstadt-Polizei gestrichen worden seien.

"Ich halte eine größere Polizeipräsenz für sehr wichtig, um das Sicherheitsgefühl zu stärken", sagte Henkel. "Aber wir müssen ehrlich sein: Auch wenn wir 20 000 Polizisten hätten, würden wir nur bedingt weiterkommen. Polizei und Justiz stehen am Ende einer langen Kette."

Politiker jeder Couleur zeigten sich von der Tat entsetzt. Der CDU-Innenexperte Peter Trapp sagte: "Wie abgestumpft und brutal muss man sein, wenn man einem völlig wehrlosen Menschen gegen den Kopf tritt." Grünen-Politiker Benedikt Lux sprach von einem traurigen Höhepunkt einer Serie von Gewalt.

Zuletzt schockierten mehrere Gewaltfälle am Alexanderplatz. So wurde dort jüngst ein 23-Jähriger grundlos niedergeschossen, nachdem er von einem Mann angepöbelt worden war. Der Alexanderplatz mit dem Fernsehturm – eines der wohl bekanntesten Wahrzeichen Berlins – zieht Scharen von Touristen an. Der Ort in der Hauptstadt ist einer der zentralen Verkehrsknotenpunkte mit S- und U-Bahn – tagsüber wie nachts. Der Platz gilt als Kriminalitätsbrennpunkt.

Der Chef des Berliner Tourismusverbandes Visit Berlin, Burkhard Kieker, sieht das Image Berlins nach den jüngsten Gewaltattacken nicht beschädigt. "Das sind Erscheinungen einer Großstadt", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Kieker sprach den Angehörigen des Opfers sein Mitgefühl aus.

Zwar wirkten harte Urteile abschreckend und seien zu begrüßen, sagte Henkel. Letztlich beginne das Problem aber in den Köpfen und im Wertegefüge der Bürger. "Bei einigen sind offenbar sämtliche zivilisatorischen Standards verloren gegangen. Das ist eine Herausforderung für uns alle."

"Das gesellschaftliche Ideal muss Friedfertigkeit sein", forderte SPD-Innenexperte Thomas Kleineidam. In einer immer gewaltbereiteren Gesellschaft müsse man sich verstärkt damit auseinandersetzen, warum gerade Jugendliche austicken. Was in Nachmittagsprogrammen im Fernsehen gezeigt werde, sei für ihn oft jugendgefährdend.

Henkel sprach sich erneut für eine "schonungslose Debatte über diese Gewaltspirale" aus. "Wir dürfen nicht die Augen vor diesem Problem verschließen und stillschweigend zusehen, wie sich Verrohung und Gefühlskälte in unserer Mitte breitmachen und Hemmschwellen sinken."

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