20.02.13

FC St. Pauli

Mit dem Mut der Verzweiflung gegen den drohenden Abstieg

FC St. Pauli schöpft ausgerechnet aus der Niederlage gegen Köln Zuversicht im Abstiegskampf. Bartels fällt gegen Frankfurt aus.

Von Nils Kemter
Foto: WITTERS/Witters Sport-Presse-Fotos
Fussball
St. Paulis Topstürmer Daniel Ginczek, 21, gab im Spiel gegen Köln fünf Torschüsse ab, blieb aber zum fünften Mal in Serie erfolglos

Hamburg. Der Ärger war auch am Tag danach noch nicht verraucht. Markus Thorandt hatte die Laufschuhe angezogen und wollte sich gemeinsam mit den Teamkollegen Fabian Boll, Marius Ebbers und Athletiktrainer Timo Rosenberg den Kopf frei joggen. 40 Minuten Laufen durch das Niendorfer Gehege gegen den Frust über St. Paulis 0:1-Niederlage im Duell mit dem 1. FC Köln und seinen Platzverweis nach nur 43 Minuten. Nach dem Studium der Fernsehbilder blieb der Innenverteidiger jedoch dabei: "Die Gelb-Rote Karte kann ich nicht nachvollziehen."

Schiedsrichter Manuel Gräfe hatte Thorandt nach nur drei Minuten mit der ersten Karte verwarnt, weil dieser Kölns Stürmer Stefan Maierhofer als letzter Mann an der Außenlinie zu Fall gebracht hatte. Die zweite Strafe nach ungleich weniger hartem Einsteigen bleibt für Thorandt aber rätselhaft. "Das ist für mich ein Allerweltsfoul gewesen. Da hätte ich mir mehr Fingerspitzengefühl gewünscht", sagte der 31-Jährige und lag damit auf Ballhöhe mit Trainer Michael Frontzeck, den jedoch vor allem der zweite Platzverweis gegen Thorandts Nebenmann Florian Mohr auf die Palme brachte.

"In einem intensiven Spiel jemanden für zwei unabsichtliche Fouls vom Platz zu stellen, ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten", wählte Frontzeck harte Worte in Richtung Gräfe. Trotz der neuerlichen Pleite, der Fortsetzung der akuten Torflaute und dem Verlust beider Stamm-Innenverteidiger versuchten sich St. Paulis Verantwortliche und Spieler ob des kämpferisch einwandfreien Auftritts Mut für die kommenden Aufgaben zu machen. Sportchef Rachid Azzouzi trat am Dienstagmorgen vor die Mannschaft und erklärte: "Wenn wir so auftreten wie gegen Köln, feiern wir auch wieder Erfolge." Die Situation sei immer noch komfortabel, weil man drei Punkte vor Dynamo Dresden (als Tabellen-16. auf dem Relegationsplatz) stehe und den Ausgang des Abstiegskampfes bei zwölf verbleibenden Partien selbst in der Hand habe.

Abstiegskampf rund ums Millerntor - das schien in der Winterpause in vielen Köpfen noch ein Tabuthema. Doch nach nur einem Treffer - dem Elfmeter von Florian Kringe beim 1:4 in Sandhausen - und nur zwei Punkten aus den fünf Rückrundenpartien rückt das Tabellenende immer näher. Verliert St. Pauli auch am Freitag im Heimspiel gegen die Überraschungsmannschaft FSV Frankfurt (18 Uhr im Liveticker auf abendblatt.de), droht Sonnabend der Fall auf Rang 16 - und in diesem Mai nur drei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga der Absturz in die Drittklassigkeit. "Ich habe hier schon früh gespürt, dass man im Umfeld glaubte, St. Pauli habe mit dem Tabellenkeller nichts zu tun, aber inzwischen sind wohl alle wach geworden", warnte Azzouzi. Verzweiflung klingt bereits durch, wenn der Sportchef über die Chancenauswertung seiner Profis spricht. "Es muss einfach mal ein Ding rein, wir brauchen im Spiel eine Führung, um Selbstbewusstsein zu tanken", bemüht er Durchhalteparolen.

Zwar zeigte das Team gegen Köln mit viel Einsatz und 50,7 Prozent gewonnener Zweikämpfe die geforderte Reaktion, dennoch waren spielerische Mängel erneut unübersehbar. Allein Jan-Philipp Kalla, Sebastian Schachten und Lennart Thy leisteten sich zusammen 45 Fehlpässe in den 90 Minuten. Kringe als Ballverteiler und Stratege im Mittelfeld sowie der eingewechselte Fabian Boll gaben den Angriffsbemühungen immerhin etwas Struktur.

Während Bolls gelungener Kurzeinsatz ein Hoffnungsschimmer für die kommenden Wochen war und er gegen Frankfurt schon wieder zur Startformation zählen könnte, hat sich die personelle Situation vor dem zweiten Heimspiel binnen fünf Tagen deutlich verschlechtert. Denn mit Mittelfeldmann Fin Bartels (Muskelfaserriss im Oberschenkel) fehlt Frontzeck eine weitere Konstante. In der Abwehrzentrale werden Christopher Avevor, der bereits während des Trainingslagers in der Innenverteidigung zum Einsatz kam, und Kalla das Kommando übernehmen. "Da ich meinen Spielerpass abgegeben und keinen Knorpel mehr habe, werde ich andere Lösungen finden müssen", hatte der frühere Linksverteidiger Frontzeck bereits mit einem gequälten Lächeln verkündet. Kalla hatte gegen Köln nach Thorandts Platzverweis in einer Dreierkette zentrale Aufgaben übernommen und bewies als bester Zweikämpfer (18 gewonnene Duelle) trotz nur 1,82 Meter Körpergröße Lufthoheit. Avevor ist ohnehin ausgebildeter Innenverteidiger.

Weil somit jedoch zwei Alternativen für die Außenverteidigerpositionen fehlen, muss Frontzeck auch im Mittelfeld umbauen. Möglich, dass Patrick Funk aus dem defensiven Mittelfeld in die Viererkette rückt, wo er auch in der vergangenen Saison bereits einige Einsätze hatte. Auch Kringe könnte diese Rolle übernehmen, dürfte aufgrund seiner Präsenz jedoch im Mittelfeld unverzichtbar sein. Um überhaupt Alternativen auf der Bank zu haben, wird Frontzeck in der kurzen Trainingswoche Nachwuchskräfte wie den Außenverteidiger Andrej Startsev testen.

Markus Thorandt wird am Freitag zum zweiten Mal in dieser Saison gesperrt einen Platz auf der Tribüne einnehmen müssen. "Doch wie die Mannschaft in Unterzahl alles gegeben hat, macht mir Mut für das Spiel", erklärte er nach der Laufeinheit.

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