02.02.13

FC St. Pauli

Jens Duve: "Ein großer Schritt nach vorn"

Der Vizepräsident und frühere Profispieler Jens Duve über die neue Gegengerade, den Umbruch und künftige Herausforderungen.

Von Carsten Harms und Nils Kemter
Foto: WITTERS/Witters Sport-Presse-Fotos
Fussball
Vizepräsident Jens Duve vom FC St. Pauli

Hamburg. An diesem Sonntag startet der FC St. Pauli mit dem Heimspiel gegen Energie Cottbus (13.30 Uhr hier im Liveticker) nicht nur ins Punktspieljahr 2013, sondern auch in eine neue Ära. Erstmals wird die neue Gegengerade voll nutzbar sein, mit knapp 28.000 Zuschauern wird ein Rekord für das Millerntor-Stadion aufgestellt. St. Paulis Vizepräsident Jens Duve, 50, der von 1988 bis 1991 für den Kiezclub in der Ersten Bundesliga spielte, spricht anlässlich des historischen Moments über seine Gefühle, Erinnerungen und Pläne.

Hamburger Abendblatt: Herr Duve, ist es für Sie ein Traum, dass jetzt die neue Gegengerade des Millerntor-Stadions eröffnet wird, oder empfinden Sie als "alter St. Paulianer" auch Trauer, dass der Charme des alten Stadions gewichen ist?

Jens Duve: Keine Frage, auch bei mir schlagen dabei zwei Herzen in der Brust. Ich fand das Stadion, wie es vor dem Bau der Gegengeraden war - also halb neu, halb alt - sehr charmant. Aber wir mussten reagieren, das alte Stadion war völlig marode. Wir hätten für die Gegengerade, die ja einst als Provisorium errichtet wurde, auch bald keine Nutzungsgenehmigung mehr erhalten. Ich finde, dass unser Stadionbau die gesamte Entwicklung des FC St. Pauli widerspiegelt: es geht Schritt für Schritt und solide voran. Insgesamt freue ich mich also auf die Eröffnung. Rund die Hälfte aller Zuschauer wird sich auf der Gegengeraden aufhalten. Das wird für uns ein großer Schritt nach vorn.

Im Vergleich zum alten Millerntor-Stadion gibt es ja schon länger auf der Süd- und der Haupttribüne Logen und Businessseats. Hat sich nicht schon längst der Charakter des Stadion verändert?

Duve: Es war eine große Frage, wie sich die Zuschauer auf der Haupttribüne entwickeln würden. Ich finde, dass das nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut gelungen ist. Inzwischen feuern sich die Fans auf der Süd- und der Haupttribüne gegenseitig an.

Welche Chance bietet so ein Schmuckkästchen mitten in der Stadt, was für eine deutsche Metropole fast einzigartig ist?

Duve: Der Begriff "Schmuckkästchen" gefällt mir nicht. Wir haben hier ja keine goldenen Wasserhähne oder sonstigen Luxus. Es ist ein vernünftiges, solides Stadion, das für unsere Zwecke ideal ist. Natürlich ist es ein großes Plus, dass wir mitten in der Stadt sind. Dies wollen wir verstärkt nutzen, unter der Woche Veranstaltungen ins Stadion zu holen, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Es haben ja schon einige Veranstaltungen von großen Firmen mit mehr als 1000 Personen stattgefunden. Aber der Fußball bleibt der Mittelpunkt.

Was ist sportlich in dieser verkorksten Saison realistisch noch zu erwarten?

Duve: Wir stecken im Umbruch, das ist nicht zu leugnen. Der Wechsel des Sportdirektors im Sommer und des Trainers im Herbst waren ja schon starke Veränderungen. Ich sehe aber seit der Verpflichtung von Michael Frontzeck als Trainer eine positive Entwicklung. Wir spielen besser, das wird sich auch in Toren und Punkten niederschlagen. Ich gehe fest davon aus, dass wir in dieser Saison einen einstelligen Tabellenplatz erreichen werden. Wir müssen aber jetzt zu Beginn der Runde sehen, dass wir den Abstand nach unten schnell vergrößern und mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben.

Zu den Stichworten Umbruch und St.-Pauli-Gefühl passen die jüngsten Personalentscheidungen, in der kommenden Saison nicht mehr mit den Vorzeige-St.-Paulianern Marius Ebbers und Florian Bruns zu planen. Geht das St.-Pauli-Gen im Team immer mehr verloren?

Duve: Die Situation, dass man langjährige Spieler verabschiedet, hat es immer wieder gegeben - bei uns ebenso wie bei anderen Vereinen. Die Mannschaft, die 1977 in die Bundesliga aufgestiegen ist, hat den Verein irgendwann ebenso verlassen wie meine Spielergeneration, die 1988 aufgestiegen ist und sich sogar drei Jahre in der Bundesliga gehalten hat. Doch der FC St. Pauli hat weitergelebt. Wenn wir ernsthaft einen Umbruch vollziehen und unsere Philosophie weiter verfolgen wollen, wird es immer so sein, dass der eine oder andere Spieler keinen neuen Vertag mehr bekommt. Auf der anderen Seite hätten wir einen Max Kruse gern behalten, der uns aber von sich aus verlassen hat. Und trotzdem ist die Vereinskultur nicht verloren gegangen. Ganz persönlich tut es mir für die beiden auch leid, weil es zwei tolle Jungs sind, die Korsettstangen dieser "goldenen Generation" der vergangenen Jahre waren. Das war auch bei Fabio Morena und Carsten Rothenbach so. Aber irgendwann trennt man sich. Nicht zuletzt wegen ihrer Verdienste hat unser Sportchef Rachid Azzouzi den Jungs jetzt auch so früh die Entscheidung mitgeteilt.

Sind künftig noch genügend Spieler im Team, die das St.-Pauli-Gen besitzen und weitergeben können? Reichen da Kapitän Fabian Boll und Benedikt Pliquett?

Duve: Wir haben ja auch Dennis Daube und Jan-Philipp Kalla, die es aus der eigenen Jugend zu den Profis geschafft haben und Vollblut-St.-Paulianer sind. Außerdem haben wir mit unseren Co-Trainern Timo Schultz, Thomas Meggle und Torwarttrainer Mathias Hain drei absolute Identifikationsfiguren. Aber es ist richtig, dass die neuen Spieler mit dem St.-Pauli-Gen infiziert werden müssen, damit sie es selbst dann auch weitergeben können. Ich sehe da schon sehr gute Ansätze zum Beispiel bei Philipp Tschauner oder Patrick Funk.

Inwiefern sind die haupt- und ehrenamtlichen Führungskräfte gefordert, die spezielle Vereinskultur zu vermitteln?

Duve: Wir müssen unsere Linie weiter verfolgen, langfristig wieder eine "goldene Generation" zu entwickeln. Wir versuchen dabei, Spieler aus der eigenen Jugend in das Profiteam zu führen. Dafür sind solche Maßnahmen ganz wichtig, wie wir sie im Trainingslager hatten. Michael Frontzeck hat drei junge Spieler aus der U17 und U19 mit nach Belek genommen, damit sie Profiluft schnuppern. Die drei haben zum Beispiel das St.-Pauli-Gen schon viel länger. Solche Jungs müssen nachrücken.

Die besten jungen Spieler der aktuellen Mannschaft sind von Erstligaclubs ausgeliehen. Wie groß ist die damit verbundene Gefahr, das Team eben doch nicht kontinuierlich entwickeln zu können?

Duve: In den vergangenen vier Jahren hatte der Verein kaum eine andere Wahl, als Spieler auszuleihen, weil viel Geld ins Stadion gesteckt worden ist. Hinzu kam, dass uns der Jugendbereich 2004, als wir in die Regionalliga abgestiegen waren und vor der Insolvenz standen, weggebrochen ist. Die Auswirkungen spüren wir heute. Künftig wollen wir das Mittel des Ausleihens auf ein Minimum reduzieren. Und wir wollen die aktuellen, wirklich sehr guten Leihspieler fest an uns binden. Künftig sollen aber auch mehr talentierte Spieler aus der Region zu uns kommen.

Womit können Sie diese in Konkurrenz zu den Erstligaclubs locken?

Duve: Wir haben den großen Vorteil, dass wir ein Ausbildungsverein sind. Bei uns ist für einen Jugendspieler oder einen jungen Amateur die Chance viel größer, ein Profispiel zu machen als bei Vereinen wie Dortmund, Werder oder dem HSV. Wir haben jetzt mit Sportchef Rachid Azzouzi und Trainer Michael Frontzeck an den entscheidenden Stellen zwei Verantwortliche, die genau diesen Weg mit uns gehen wollen. So wollen wir Spieler entwickeln, die bei uns entweder langjährige Leistungsträger werden oder die wir für viel Geld verkaufen können. Wir haben in den Jugendmannschaften in jedem Jahrgang sehr gute Spieler. Auch hier ist das neue Stadion ein wichtiger Aspekt, weil es ein großer Anreiz ist, hier aufzulaufen.

Ist es für den FC St. Pauli mittelfristig realistisch, sich wie der SC Freiburg oder der FSV Mainz 05 in der Bundesliga zu etablieren?

Duve: Es ist das Ziel des Präsidiums, eine solche Rolle wie diese beiden Vereine zu spielen. Allerdings haben beide einen Vorsprung von mehreren Jahren. Die beiden Clubs haben bewiesen, dass man sich durch jahrelange, kontinuierliche Arbeit in die Lage versetzt, die Bundesliga über mehrere Jahre sicher zu halten. Der FC St. Pauli ist zwar auch immer mal wieder aufgestiegen, aber das eigentliche Leben hat sich in der Zweiten Liga abgespielt. Wenn wir uns die Entwicklung von Freiburg und Mainz genau ansehen, erkennen wir, dass sie zunächst sehr viel in die eigene Jugendarbeit investiert haben und nun immer wieder eigene Nachwuchsspieler in den Profikader integrieren.

Was war Ihr prägendstes Erlebnis als Spieler im alten Millerntor-Stadion?

Duve: Bevor wir 1988 in die Bundesliga aufgestiegen sind, hatten wir 8000 bis 9000 Zuschauer im Schnitt. Dann ging es nach dem Aufstieg richtig los. Das erste Spiel haben wir hier noch verloren, aber gegen den VfB Stuttgart mit Jürgen Klinsmann, gegen den ich damals direkt gespielt habe, haben wir 2:1 gewonnen. Das Stadion war ausverkauft, die Leute sind noch lange stehen geblieben, wir haben etliche Ehrenrunden gedreht. Das war aus meiner Sicht der Urknall. Plötzlich wurde jedes Spiel zur Party. Wir sind auf einer Welle der Euphorie durch die Saison gesurft. Alle wollten zu uns, aber es gab kaum Karten. Im Grunde hat sich das bis heute so gehalten.

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