29.10.12

FC St. Pauli

3:2! Der Kapitän sorgte für die Wende am Millerntor

Fabian Boll trifft gegen Dresden zum 1:2, beschwört die Mannschaft und dreht nach sechs Partien ohne Sieg ein verloren geglaubtes Spiel.

Von Lutz Wöckener
Foto: DAPD
FC St. Pauli - SG Dynamo Dresden
Christopher Avevor (Mitte) feiert seinen Treffer zum 2:2 für den FC St. Pauli mit Markus Thorandt (links) und Fabian Boll, der das erste Tor erzielt hatte und wenig später den 3:2-Siegtreffer vorbereitete

Hamburg. Er rief sie alle zusammen, die Aufholjagd wurde kurzerhand zur Chefsache erklärt. Während die Kollegen bereits unter den lauten Anfeuerungsrufen der Fans zur Halbzeitpause in die Kabinen eilten, beorderte Fabian Boll alle Feldspieler für einen Schulterschluss an der Mittellinie wieder zurück. St. Paulis Mannschaft formierte sich zum Kreis. "Lasst euch nicht verrückt machen, ich habe hier schon ganz andere Spiele erlebt, und die Sichtverhältnisse spielen uns gleich in die Karten", prophezeite der Kapitän, der kurz zuvor überhaupt erst die Gesprächsgrundlage gelegt hatte. Ohne seinen Anschlusstreffer in der 45. Minute zum 1:2 gegen Dynamo Dresden hätte er sich im Kollegenkreis wohl der Lächerlichkeit preisgegeben. Doch sein Tor ließ den Glauben an eine Chance auf Punkte zurückkehren, und seine spontane Ansprache wirkte. Boll sollte recht behalten.

Der Kapitän sorgte höchstpersönlich für den Kurswechsel, an den angesichts der schauerlichen sportlichen Darbietung kaum einer der 21 045 Zuschauer am ausverkauften Millerntor mehr geglaubt hatte, und steuerte seine Crew doch noch in den Zielhafen. "Eigentlich war das ein Spiel, das wir 0:4 verlieren müssen. Die erste Halbzeit war absolute Grütze, mit Fehlpässen ohne Ende. Das darf uns nicht passieren. Insofern war Bollers Tor brutal wichtig", wusste Sebastian Schachten, der Boll den Ball in den Strafraum geflankt hatte. "Zu wenig, von allen", hatte Christopher Avevor gesehen, und selbst Michael Frontzecks Hoffnung auf die drei Punkte zum Heimdebüt war früh geschrumpft: "Wir waren bereits mausetot", gestand der Trainer später.

+++ Der Spielverlauf im Liveticker +++

Ungeordnet und unkonzentriert hatte seine Elf die Partie begonnen. Bereits nach zehn Minuten griff Frontzeck ein und signalisierte seinen Abwehrspielern eindringlich, die weiten, ungenau in die Spitze gedroschenen Bälle zu unterlassen. Doch ob hoch oder flach, in der Luft oder am Boden - St. Pauli leistete sich nach dem spielerischen Feuerwerk vom letzten Wochenende in Paderborn (1:1) ein Fehlpassfestival und hatte gegen die ersatzgeschwächten Dresdner, die ohne Kapitän Koch, dessen Vize Trojan und Abwehrchef Bregerie angetreten waren, immer wieder das Nachsehen. Besonders auf den Außenbahnen gelang dem Tabellenvorletzten nichts, Kevin Schindler und Akaki Gogia präsentierten sich als Ausfälle, während auf der Gegenseite der agile Ouali, zunächst auf der linken, später auf der rechten Außenbahn eingesetzt, nicht in den Griff zu bekommen war. Durch einfachen Doppelpass mit Jungwirth filetierte der 24-Jährige die rechte Abwehrseite der Hamburger und schob zur Führung ein (18.). Poté erhöhte zehn Minuten später nach vogelwildem Abwehrverhalten St. Paulis auf 2:0.

Ein Schützenfest bahnte sich an. Die entscheidende Frage schien, ob die noch um fünf Treffer bessere Tordifferenz auf Tabellenschlusslicht Duisburg bis zur 90. Minute halten würde. "Wir haben alles vermissen lassen, was wir uns vorgenommen hatten", sagte Florian Kringe, "und so richtig kann sich das auch keiner erklären, weshalb das so passiert ist." Immerhin gab der Mittelfeldspieler in der 39. Minute den ersten Torschuss ab und markierte drei Minuten darauf mit einem Kopfball auch die erste Torchance, zielte aus sechs Metern allerdings zu hoch. Lebenszeichen, denen Bolls Drehschuss und die Hoffnung auf die große Wende folgten.

Als Christopher Avevor keine vier Minuten nach Wiederanpfiff mit seinem ersten Treffer im St.-Pauli-Dress zum umjubelten Ausgleich einköpfte, war das Spiel endgültig ein anderes geworden. "Die Karten werden neu gemischt", stellte Stadionsprecher Rainer Wulff am Mikrofon glücklich fest. Das Kräfteverhältnis hatte sich verändert.

St. Pauli vermochte dem Spiel zwar weiter keinen Glanz zu verleihen, erkämpfte sich aber die Oberhand. Und wieder war es Boll, der das entscheidende Element beifügte. Mit einem sehenswerten Pass ermöglichte er Daniel Ginczeks Siegtor zum 3:2 (55.) und geriet damit am Ende auch noch in der Scorerliste zum Vorarbeiter. "So etwas ist natürlich geil. Es gibt nichts Geileres im Fußball, als ein Spiel zu drehen", freute sich Kringe nach sechs sieglosen Partien über die ganz besondere Note.

Fußball paradox: Nachdem die guten Auftritte gegen Union Berlin (2:2) und in Paderborn mit jeweils nur einem Punkt belohnt worden waren, genügten diesmal 45 kämpferische Minuten und eine gute Chancenverwertung, um den ersehnten Dreier zu landen. Die konsternierten Sachsen, bei denen Trainer Loose in der 72. Minute unverständlicherweise auch noch Ouali aus dem Spiel nahm, kamen nicht mehr zurück.

Um 15.23 Uhr reckte Frontzeck die Fäuste in die Luft, umarmte erst Torwarttrainer Mathias Hain, dann den Rest seines Funktionsteams. Kollektiver Druckabfall am Millerntor. "Das war immense Effizienz", freute sich Torschütze Avevor. Eine neue Qualität, die allerdings nur eingebracht werden konnte, da Boll erst das Tor und dann den richtigen Ton getroffen hatte. "Schön, wenn der Käpt'n recht behält", sagte der Mann des Tages und grinste: "Das stärkt die Glaubwürdigkeit."

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Fussball

St. Pauli gegen Dresden

Alles über Ihre Straße

Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftKrisenangstBörsen lassen die Träume der Euro-Zone platzen
  2. 2. AuslandKampf um KobaniUS-Militär wirft Waffen für Kurden-Kämpfer ab
  3. 3. DeutschlandSPD-Politiker Kahrs"Ich will wie ein Hetero behandelt werden"
  4. 4. AuslandSchwedenVersteckte sich das russische U-Boot im Öltanker?
  5. 5. Borussia DortmundSchlechter StartBVB-Statistiken – Einer Spitzenmannschaft unwürdig
Top-Videos
Baltimore
Wütende Lehrerin verprügelt Schülerin

Eskalation im Unterricht: An einer Highschool in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland hat sich eine Lehrerin eine wilde Prügelei mit einer…mehr »

Top Bildergalerien mehr
Bundesliga

HSV erkämpft sich Punkt gegen Hoffenheim

Hamburg

Sprayer "OZ" in buntem Sarg beerdigt

Moorwerder

Feuerwehr rettet Stute aus Graben

Basketball

Hamburg Towers siegen bei Heimspielpremiere

Hamburg Guide mehr
Weitere Dienste alle Dienste
Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr