23.02.13

Interview

Rafael van der Vaart: "Ich liebe Volksmusik"

Nach seinem 30. Geburtstag sprach Rafael van der Vaart über das Altern, Versteckspielen mit seinem Sohn und das HSV-Spiel gegen 96.

Von Florian Heil und Kai Schiller
Foto: WITTERS/Witters Sport Presse Fotos
Fussball
Rafael van der Vaart vergisst sein wahres Alter häufig

Hamburg. Am 11. Februar ist Rafael van der Vaart 30 Jahre alt geworden - für einen Fußballer ein kritisches Alter. Im Abendblatt-Gespräch über das Altern konnte der Niederländer vor dem Spiel des HSV bei Hannover 96 an diesem Sonnabend (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) aber durchaus überzeugen, dass man ihn noch lange nicht zum alten Eisen zählen sollte. Und der bewusst coole Handschlag zur Verabschiedung nach dem Gespräch zeigte, dass sich offenbar auch van der Vaart von seinen jungen Kollegen etwas abgeschaut hat.

Hamburger Abendblatt: Herr van der Vaart, als Sie vor knapp zwei Wochen 30 Jahre alt wurden, sagten Sie, dass Sie sich oft noch wie ein kleiner Junge fühlen. Wie meinten Sie das?

Rafael van der Vaart: Wenn man in einer Fußballmannschaft mit lauter 19- und 20-Jährigen spielt, vergisst man sein Alter häufig. Das finde ich aber gar nicht so schlimm, denn im Kopf bleibe ich dadurch jünger, als ich bin. Auch zu Hause bin ich manchmal noch ein kleiner Junge. Ich habe einen Riesenspaß dabei, wenn ich mit meinem sechsjährigen Sohn Damian in der Wohnung Verstecken spiele. Ich fühle mich dann wirklich nicht wie ein 30-Jähriger.

Sind die heutigen 20-Jährigen anders als Sie in dem Alter?

Van der Vaart: Playstation, Handys, iPads - das gab es in der Form wie heute ja damals gar nicht. Ich habe als Kind in meiner Freizeit auf der Straße Fußball gespielt und später als Jungprofi mit den Kollegen bei Ajax Amsterdam auf Auswärtsfahrten im Mannschaftsbus Karten oder Backgammon. Das spielt heute doch niemand mehr.

Können Sie denn mit der Musik der jungen Kollegen noch etwas anfangen?

Van der Vaart: Ich liebe holländische Musik, auch Volksmusik, das hören meine Kollegen natürlich nicht.

So altmodisch sind Sie doch gar nicht. Die moderne Kommunikation ist jedenfalls auch an Ihnen nicht vorübergegangen. Sie haben sowohl einen Account bei Facebook als auch bei Twitter.

Van der Vaart: Ehrlich gesagt kenne ich mich damit gar nicht so richtig aus. Ich habe Leute, die das für mich machen. Ich habe einfach keine Lust, der Welt mitzuteilen, dass ich jetzt gerade auf dem Weg zum Training bin, wie das Wetter ist oder dass ich jetzt gerade einen Kaffee trinke. Das interessiert doch auch niemanden. Schließlich will ich mich auf den Fußball konzentrieren. Aber wenn man so viele Fans hat, ist es heutzutage natürlich wichtig, dass man auch auf diesen Kanälen präsent ist. Deswegen habe ich da ein bisschen Hilfe.

Lesen Sie denn regelmäßig, was Ihre Fans dort schreiben?

Van der Vaart: In letzter Zeit nicht mehr so häufig, wenn ich ehrlich bin. Durch meine privaten Probleme bekam ich dort viel Kritik. Das wollte ich lieber ausblenden.

In den Medien wurde zuletzt nicht mehr ganz so viel über Sie und Ihre Frau Sylvie berichtet. Tut Ihnen die mediale Ruhe gut?

Van der Vaart: Ich genieße es, wenn ich mich voll auf Fußball konzentrieren kann. Wenn ich mich privat gut fühle, dann fühle ich mich auch auf dem Feld gut. So ein Tor wie gegen Gladbach kann man nur schießen, wenn man im Kopf frei ist. Und das bin ich endlich wieder.

Sie sind mit 30 ja noch nicht alt, machen Sie sich dennoch schon Gedanken über das Alter?

Van der Vaart: Als ich 19 oder 20 war, habe ich immer gedacht: Wow, der ist schon 30, das ist aber alt. Vielleicht denken die jungen Spieler das heute auch über mich. Aber ich denke, dass ich noch lange spielen will.

Wie lange?

Van der Vaart: Es gibt ja Leute, die sagen, man muss auf dem Höhepunkt seiner Karriere aufhören, damit der Respekt vorhanden bleibt. Aber ich denke, dass ich so lange Fußball spielen werde, wie ich eben Spaß daran habe, auch wenn ich meine Karriere in der Zweiten holländischen Liga ausklingen lasse. Fußball ist für mich Spaß - bei Real Madrid oder dem HSV genauso wie später vielleicht bei einem kleinen Verein.

Sie waren in der Vergangenheit schon des Öfteren von Verletzungen gebeutelt. Haben Sie keine Angst, dass die Wehwehchen im Alter zunehmen?

Van der Vaart: Die Leute sagen immer: Der van der Vaart ist dauernd verletzt. Dabei habe ich fast jede Saison über 20 Spiele gemacht. Ich fühle mich körperlich besser als mit 23, denn mittlerweile weiß ich, was mein Körper an Belastung vertragen kann. Früher bin ich im Training oft über die Grenze hinausgeschossen, heute trainiere ich bewusster.

Spüren Sie ihren Körper am Morgen nach einem Spiel heute mehr als früher?

Van der Vaart: Das lässt sich leider nicht verhindern. Mit Anfang 20 hätte ich fast jeden Tag 90 Minuten spielen können. Heute brauche ich die Erholung.

Dabei scheinen Sie so viel wie nie zuvor in den Spielen zu rennen. Sie laufen fast zwölf Kilometer im Schnitt pro Spiel.

Van der Vaart: Das war früher nicht anders. Ich bin schon immer viel unterwegs gewesen, nur früher gab es noch nicht diese ganzen Statistiken. Da ist das noch niemandem so aufgefallen. Außerdem kommt es immer auch auf die Mannschaft an: Mit Tottenham zum Beispiel waren wir fast immer das bessere Team. Dann lässt man eher den Ball und den Gegner laufen, statt selbst hin und her über den Platz zu rennen.

Waren Sie in jungen Jahren schneller?

Van der Vaart: Ich war ehrlich gesagt noch nie schnell. Wichtiger ist jedoch die Handlungsschnelligkeit auf dem Platz. Auf meiner Position muss ich schnell denken können. Zudem bin ich nach meiner Verletzung jetzt auch von der Fitness her wieder bei 100 Prozent.

Die Bundesligisten setzen immer mehr auf junge Spieler. Gibt es im Profifußball heutzutage einen Jugendwahn?

Van der Vaart: Ich glaube, dass junge Spieler in Holland optimal aufgehoben sind. Die Liga ist nicht so stark, dass sie nur auf der Bank versauern. Ich war mit 18 schon Torjäger bei Ajax in der ersten Mannschaft und mit 21 Jahren Kapitän. Dadurch bin ich gereift. Das ist in der Bundesliga kaum möglich.

Raten Sie jungen Spielern also, sich in schwächeren Ligen die nötige Reife zu holen?

Van der Vaart: Nur bedingt. Englische Clubs kaufen sich oft Talente und verleihen sie gleich wieder: zwei Monate dahin, ein halbes Jahr dorthin. Das ist für deren Entwicklung sicherlich auch nicht optimal. Ein gutes Beispiel ist auch Heung Min Son. Für ihn wäre es sicherlich besser, bei uns zu bleiben, anstatt nach einer guten Saison schon nervös zu werden und zu einem ganz großen Club zu wechseln. Aber ich glaube auch nicht, dass er sich ernsthaft mit einem Wechsel beschäftigt.

Hat er Sie schon mal nach Ihrem ehemaligen Club Tottenham Hotspur gefragt? Die Engländer sollen ja Interesse an ihm haben.

Van der Vaart: Das habe ich auch gelesen. Aber gefragt hat er mich nicht. Ich würde ihm auch raten, erst mal in Hamburg zu bleiben. Nicht nur, weil das gut für den HSV und damit auch für mich wäre. Sondern vor allem auch, weil es gut für ihn wäre.

Eins der größten HSV-Talente, Jonathan Tah, trainiert im Alter von 17 Jahren jetzt einmal in der Woche mit den Profis. Ist das nicht zu früh?

Van der Vaart: Auf keinen Fall, das müsste sogar noch forciert werden. Zumal ich selten einen Kicker in dem Alter gesehen habe, der so groß ist und solch eine Statur hat. Er sieht schon jetzt wie Jeffrey Bruma aus. Ich weiß nicht, was die Kinder in Deutschland so zu essen bekommen, aber die Bratwurst hier muss es in sich haben.

Welche Richtung wollen Sie nach der aktiven Karriere einschlagen?

Van der Vaart: Ich habe auf jeden Fall vor, den Trainerschein zu machen, um vorbereitet zu sein. Wenn dann ein gutes Angebot kommt, in diesen Job reinzuschnuppern, zum Beispiel vom HSV, wäre das natürlich ideal.

Schauen Sie mal in die ferne Zukunft: Wenn Sie mit 80 Jahren auf Ihrer Terrasse sitzen, was wäre Ihnen dann wichtig, was Sie im Leben erreicht haben wollen?

Van der Vaart: Dann möchte ich mit meiner Frau, meinen Kindern und der ganzen Familie zusammensitzen und sagen können, dass meine Liebsten und ich ein gesundes und glückliches Leben gehabt haben. Ich bin ein Familienmensch, das ist mir viel wichtiger als irgendein Statussymbol.

Zurück aus der Zukunft in die Gegenwart: An diesem Sonnabend spielen Sie gegen Hannover. Wie gegen Mönchengladbach haben Sie für diese Partie erneut ein Tor prophezeit.

Van der Vaart: Das darf man alles nicht so ernst nehmen. Vor dem Dortmund-Spiel fragte mich ein Journalist, wie es denn ausgehen würde. Ich sagte, wir gewinnen 4:0. Das hat er nicht mal aufgeschrieben, weil er es zu Recht für einen Scherz gehalten hat. Dann haben wir aber tatsächlich 4:1 gewonnen. Manchmal muss man einfach mal einen raushauen. Dann habt ihr doch auch eine gute Geschichte.

Dann hauen Sie noch einen raus: Wie geht das Spiel gegen Hannover aus?

Van der Vaart: Wir gewinnen 2:1.

Haben Sie denn generell ein Gefühl vor dem Spiel, ob es gut ausgeht oder nicht?

Van der Vaart: Ein Gefühl habe ich immer, aber es hat mich auch schon betrogen. Es gab Wochen, da dachte ich, wir haben super trainiert und am Wochenende trotzdem ganz schlecht gespielt.

Woran liegt das?

Van der Vaart: Das ist für mich auch schwer zu erklären. Es gibt einfach Mannschaften wie Frankfurt zum Beispiel, die haben gegen uns eine Super-Taktik gewählt, gut gespielt und uns einfach nicht zur Entfaltung kommen lassen. Da haben wir es dann noch schwer.

Hannover hat dem HSV das Leben im Hinspiel auch schwer gemacht, trotz des 1:0-Erfolgs.

Van der Vaart: Ja, die waren sogar besser als wir. Aber damals waren wir noch eine ganz andere Mannschaft, hatten Angst, vor der großen Jubiläumsgala auf einem Abstiegsplatz zu stehen. Damals haben unsere Gegner noch über uns gelacht, heute nehmen sie uns ernst.

Wie ernst muss man den HSV im Kampf ums europäische Geschäft nehmen?

Van der Vaart: Oh, das ist eine gefährliche Frage. Europa sollte ja bei uns besser keiner in den Mund nehmen. Aber ganz ehrlich: Wenn wir so spielen wie gegen Frankfurt, dann schaffen wir es nicht. Wenn wir so spielen wie gegen Dortmund, dann schaffen wir es.

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