Regionalliga

Altona 93 wagt das große Abenteuer

Die Adolf-Jäger-Kampfbahn ist die Heimspielstätte von Altona 93

Foto: TayDucLam / Witters

Die Adolf-Jäger-Kampfbahn ist die Heimspielstätte von Altona 93

An der traditionsreichen Adolf-Jäger-Kampfbahn will der Club in der Regionalliga zur Nummer drei in Hamburg aufsteigen.

Hamburg.  Die Gewissheit kam am Montag um 17.22 Uhr. Der Norddeutsche Fußball-Verband (NFV) erteilte Oberligist Altona 93 die Lizenz für die Regionalliga Nord. Eine erfolgreiche Teilnahme an der Aufstiegsrunde vorausgesetzt, wagt der Verein den Sprung ins Halbprofitum, um hinter dem HSV und dem FC St. Pauli die dritte Kraft im Hamburger Fußball zu werden. Die Heimspiele darf Altona – zur Freude aller Fans und Fußball-Nostalgiker – in seinem Kultstadion Adolf-Jäger-Kampfbahn (AJK) austragen. Im Abendblatt erklären Trainer Berkan Algan und Manager Andreas Klobedanz, wie der Verein das "Abenteuer Regionalliga" angehen will.

Stadion: Die Adolf-Jäger-Kampfbahn lebt. Der NFV machte Altona zur Auflage, die in ihrer Ursprünglichkeit so charmante Fußballstätte bis zum Saisonstart regionalligatauglich umzurüsten. Kosten: 30.000 bis 50.000 Euro. "Ich war selbst überrascht, wie wenig Aufwand nötig ist. Die Auflagen sind aber auch gesenkt worden", sagt Manager Klobedanz. Der hintere Teil der Tribüne und ein Teil des angrenzenden Stehplatzbereichs werden für Gästefans reserviert, Zäune für die Fantrennung eingezogen. Im Bereich der Stehplätze auf der Gegengeraden, wo sich die stimmgewaltigen Anhänger Altonas versammeln, sind keine Blöcke geplant. "Wir grenzen nur das Spielfeld entlang der Seitenlinie und auch hinter den Toren mit einem 2,20 Meter hohen Zaun von den Fans ab", sagt Klobedanz. Die Anhänger sollen kein Käfiggefühl bekommen. Flutlicht wird nicht benötigt, die Heimspiele finden sonntags um 14 Uhr statt. Alle Umbaumaßnahmen beginnen unmittelbar nach einer erfolgreichen Aufstiegsrunde.

Politisch ist die Bescheinigung der Regionalligatauglichkeit der Adolf-Jäger-Kampfbahn für Altona 93 ein Coup. Der Verein, der selbst jahrelang kommunizierte, an der AJK keinen Regionalligafußball spielen zu können, verkaufte sein Stadion 2007 für 11,25 Millionen an den Altonaer Spar- und Bauverein und Behrendt Wohnungsbau. Für heutige Verhältnisse ein Spottpreis. Der Kaufvertrag tritt in Kraft, wenn Altona 93 und der Bezirk Altona sich auf eine Ausweichfläche für ein neues Stadion geeinigt haben. Diesen Plänen müssen 75 Prozent der Mitglieder von Altona 93 zustimmen. Die Verhandlungen mit dem Bezirk über ein neues Stadion an der Memellandallee stecken jedoch in einer Sackgasse. Der Club will keine Freimachungskosten von zwei Millionen Euro für die Erschließung der Fläche an der Memellandallee zahlen, bemängelt auch die hohe Erbpacht. Über die Ergebnisse der Anfang November in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie schweigt der Verein öffentlich noch immer. Vergangenen Dienstag wurden die Mitglieder informiert.

Regionalligafußball an der AJK ist nun ein kluger, politischer Schachzug. Der Verein entkoppelt sein sportliches Ziel Regionalliga von der Stadionfrage und gewinnt Unabhängigkeit in den Verhandlungen mit dem Bezirk. Einigen sich die beiden Parteien nicht, könnte der AJK, für Trainer Algan "das schönste Stadion Hamburgs", ein viel längeres Leben beschert sein als gedacht. Im Extremfall könnte Altona 93, das kein Rücktrittsrecht vom Verkauf der Adolf-Jäger-Kampfbahn besitzt, nach Abendblatt-Informationen nach Rückzahlung eines bereits geflossenen Vorschusses von rund 200.000 Euro den bis 2037 gültigen Vertrag auslaufen lassen. Der Verein strebt dies nicht an. Doch seine Verhandlungsposition mit dem Bezirk hat er enorm verbessert.

Etat/Sponsoren: "Unser Etat liegt bei etwa 300.000 Euro und ist unabhängig von einem eventuellen Sieg im Pokalfinale gegen Norderstedt", erklärt Klobedanz. Altona kalkuliert mit einem Schnitt von 850 Zuschauern (aktuell 750). Die zweite Einnahmesäule sind die Sponsoren. Der nach wie vor als Werbepartner finanziell engagierte Präsident Dirk Barthel erlebte den Regionalligaausflug 2008/09 als Desaster. Mit Schulden in sechsstelliger Höhe, lange ein Klotz am Bein des Clubs, stieg Altona sofort wieder ab.

Zum Glücksfall entwickelte sich in dieser Saison die Partnerschaft mit Perlwitz Armaturen als Sponsor. Die Macher Christian und Mike Perlwitz sponserten zehn Jahre lang den SV Lurup, arbeiteten dort in der vergangenen Saison mit Manager Andreas Klobedanz und Trainer Berkan Algan zusammen. Als das Duo Klobedanz/Algan bei Altona anheuerte, sagten auch sie zu. So hat Altona die Power, um nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Der Vereine müsse bei den Perlwitz-Brüdern zudem keine Profilneurosen befürchten. "Wir können uns hundertprozentig aufeinander verlassen. Der Aufstieg ist kein wirtschaftliches Risiko", sagt Manager Klobedanz.

Kader/Sportliche Perspektive: Coach Algan führte Altona von Rang 17 am fünften Spieltag in die Spitzengruppe der Oberliga. Der früher als Enfant terrible geltende Spieler mit großer Altona-Vergangenheit ist gelassener geworden. Sein Selbstbewusstsein hat dabei nicht gelitten. "Mein Kader würde ohne Neuzugänge in der Regionalliga die Klasse halten." Eine Aussage, die anzuzweifeln ist. Noch wirkt Altona nicht stabil genug für den schnelleren, technisch anspruchsvolleren Fußball in der Regionalliga. Auf dem Transfermarkt sieht sich der Club für die Innenverteidigung, den Sturm und das zentrale Mittelfeld gleichermaßen um.

Großes Interesse besteht an Victorias Mittelfeldspieler Dennis Thiessen, 25, der über Regionalligaerfahrung verfügt. Seine Verpflichtung wäre ein starkes Signal. Gelingt der Pokalsieg, würden weitere Mittel für Verstärkungen frei. Die zweite Mannschaft (Kreisliga) wird zur U23 umfunktioniert und soll in höhere Gefilde klettern, um einen guten Unterbau zu ermöglichen. Zudem will sich der Verein als Ausbildungsverein etablieren. "Wir wollen eine Plattform für junge Talente werden", sagt Algan.

Bevor das Projekt so richtig an den Start gehen kann, warnt Klobedanz vor der schweren Aufstiegsrunde. Nach jetzigem Stand trifft Altona 93 am 1. Juni zu Hause auf den SV Eichede aus Schleswig-Holstein, auf neutralem Platz am 4. Juni auf den Bremer SV und am 7. Juni auswärts auf den 1. FC Germania Egestorf-Langreder aus Niedersachsen. Platz eins oder zwei in der Vierergruppe bedeutet den Aufstieg. "Ich bin überzeugt, wir packen das. Die Fans werden uns Kraft geben und uns tragen", sagt Algan. Zunächst in der Aufstiegsrunde. Und danach, so hofft es der Trainer, in der Regionalliga Nord.

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