09.02.13

Löst die Wüsten-WM eine Sport-Revolution aus?

Eine Verlegung des Turniers 2022 in Katar in den Winter könnte weitreichende Konsequenzen für viele andere Ligen haben. Experten regen vier Monate Fußballpause an

Von Björn Jensen

Hamburg. Karl-Heinz Rummenigge war die Begeisterung anzuhören, als er am vergangenen Mittwoch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der European Club Association (ECA), der Vereinigung von Europas Fußballklubs, in Doha die Anstrengungen der Organisatoren der WM 2022 lobte. "Die Welt kann mit einer fantastischen WM in Katar rechnen", sagte der Vorstandsvorsitzende des deutschen Rekordmeisters Bayern München. Eine Frage lässt jedoch weiterhin Spielraum für hitzige Diskussionen: Zu welcher Jahreszeit wird die WM ausgetragen?

Weil im Sommer im Wüstenstaat Katar extreme Hitze herrscht, fordern namhafte Funktionäre, darunter Michel Platini als Chef des Europaverbands Uefa oder Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), eine Verlegung des Weltturniers in den Winter. Welche Folgen das für den Terminkalender der Bundesliga hätte, ist nicht abzusehen. Philip Cordes, Geschäftsführer des Hamburger Sportvermarkters Ufa Sports, der unter anderem den Zweitligisten FC St. Pauli betreut, möchte deshalb eine Debatte anstoßen, die den gesamten deutschen Sportmarkt revolutionieren könnte.

Der 46-Jährige plädiert dafür, den Kalender der Fußball-Bundesliga dauerhaft umzustellen und die Saison von März bis Oktober auszutragen. Seit der Gründung der Bundesliga 1963 wird von Mitte August bis Mitte Mai gespielt, mit einer vier- bis sechswöchigen Winterpause und einer doppelt so langen Pause im Sommer, die alle zwei Jahre mit Europa- oder Weltmeisterschaften überbrückt wird. "Es ist fragwürdig, warum die Sommermonate nicht genutzt werden, um die Menschen bei gutem Wetter ins Stadion zu locken", sagt Cordes. "Eine Verlegung der Katar-WM würde die Chance bieten, dieses Thema grundlegend zu überdenken."

Der Hauptgrund seiner Überlegung ist ein noch gewichtigerer. Cordes glaubt, dass durch eine viermonatige Spielpause im Winter die traditionellen Hallensportarten Handball, Basketball, Eishockey und Volleyball, die bei Olympischen Spielen den Kern der Teamwettbewerbe stellen, eine dringend notwendige Aufwertung erfahren würden. "Der Fußball hat eine Allmachtstellung, die derzeit alle anderen Sportarten überlagert", sagt er. "Wenn wir vier Monate keinen Spielbetrieb im Fußball hätten, würde die Aufmerksamkeit für den anderen Sport steigen, er würde für das Fernsehen und die Sponsoren wieder interessanter und erhielte dadurch die Möglichkeit, sich besser zu finanzieren, als es derzeit möglich ist."

Wie dominant der Fußball ist, zeigen die Umsatzzahlen der stärksten fünf Bundesligen im Vergleich. Eishockey (86,2 Millionen Euro), Handball (86,1), Basketball (76,9) und Volleyball (9,6) erwirtschaften gemeinsam nur ein Zehntel des Umsatzes von 2,08 Milliarden, den die Fußball-Bundesliga für die Spielzeit 2011/12 auswies. Zudem hat die Omnipräsenz des Profifußballs im TV Auswirkungen auf die Zuschauerzahlen anderer Sportarten - auch auf den Amateurfußball. Kein Wunder also, dass die Hamburger Erstligaclubs der Idee viel Sympathie entgegenbringen.

"Für uns als Hallensportart wäre das super. Die Zeit, in der die Fußball-Bundesliga ruht, ist bei uns deutlich zuschauerträchtiger. Wenn der Fokus auf dem Fußball liegt, bleibt uns weniger Aufmerksamkeit", sagt Christoph Wendt, Geschäftsführer der Handballer des HSV Hamburg. Helmut von Soosten, Cheftrainer und Manager der Bundesliga-Volleyballerinnen des VT Aurubis, sieht in einer Steigerung der TV-Präsenz große Chancen. "In Verhandlungen mit Sponsoren ist TV-Präsenz ein entscheidendes Kriterium. Derzeit können wir da nichts bieten. Wenn der Fußball vier Monate Pause machte, während unser Spielbetrieb in vollem Gange ist, wäre das sicher ein großer Schritt, um Sponsoren von einem Engagement bei uns zu überzeugen."

Wie angespannt die finanzielle Situation in vielen Ligen außerhalb des Fußballs ist, lässt sich an Hamburgs aktuellen Topclubs aufzeigen. Den Volleyballerinnen droht in der kommenden Saison wegen des teilweisen Rückzugs der namensgebenden Kupferhütte Aurubis eine Kürzung des 900.000-Euro-Etats um rund ein Drittel. Die HSV-Handballer sind weiter vom Unterstützungswillen ihres früheren Präsidenten und heutigen Hauptsponsors Andreas Rudolph abhängig. Die Hamburg Freezers aus der Deutschen Eishockey-Liga verursachen Jahr für Jahr einen Verlust von zwei bis drei Millionen Euro auf dem Konto ihres Eigners Anschutz Entertainment Group.

"Wir werden viele Erfolge, die derzeit noch möglich sind, in einigen Jahren nicht mehr erleben, weil sie nicht finanzierbar sind, wenn die Macht des Fußballs und die Gelder, die dort in Spielergehälter fließen, Dimensionen erreichen, die der normale Bürger nicht mehr akzeptiert", sagt Cordes, der auch die gesamtgesellschaftliche Komponente beachtet wissen will. "Ich liebe den Fußball, aber wir müssen dafür kämpfen, dass die Vielfalt des Sports in Deutschland nicht verloren geht."

Michael Pfad hat für derlei Überlegungen eine Menge Sympathie. Der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga hat als Freezers-Chef bis Oktober 2012 für dieses Anliegen gekämpft und festgestellt, dass es auch in Hamburg keine Grundsolidarität zwischen den Sportarten gibt. Er weiß aus der vergeblichen Suche nach einem Hauptsponsor, wie "fußballgläubig" Unternehmen sind. "Sie lassen sich von den Mediadaten leiten und von der Einstellung, die Masse der Kunden bedienen zu müssen, ohne zu bedenken, welche Chancen die Nische bietet."

Pfad stört, dass der Quotendruck, unter dem die Fernsehsender stehen, dazu geführt hat, dass selbst die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihrem umfassenden Informationsauftrag nicht mehr nachkämen. "Der Fußball ist in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit so stark, dass er alles überstrahlt. Die vielen kleinen Trommeln werden nicht mehr gehört, weil die große Pauke dauerhaft schlägt", sagt er. Die von Cordes angeregte Fußballpause, glaubt Pfad, "wäre der Durchbruch für den bunten Sport, es würde eine neue Sportkultur entstehen, weil die Aufmerksamkeit immens steigen würde."

Die Entscheider bei den Sendern sehen das nicht so. Olaf Schröder, Chefredakteur beim Spartensender Sport1, der unter anderem die Liverechte an der Handball- und Basketball-Bundesliga hält, sieht in einer Verknappung der Ware Fußball sogar eher eine Gefahr für den anderen Sport. "Es gibt eine Grenze für Sportkonsum, und wenn man den Fußball auf acht Monate begrenzt, wird der Fokus darauf noch stärker werden", sagt er. Die anderen Sportarten profitierten vielmehr davon, im Sog des Fußballs mitschwimmen zu können. "Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass im Fall einer Verlegung der Fußballsaison dann Sommersportarten wie Motorrad, Schwimmen, Rudern oder Leichtathletik leiden würden."

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz stößt sich vor allem am oft wiederholten Vorwurf, ARD und ZDF würden ihrer Informationspflicht nicht nachkommen. "Wir haben 2012 insgesamt 650 Stunden Sport im ZDF gezeigt, davon entfielen trotz der EM nur 17 Prozent auf den Fußball. Wir haben über 60 verschiedene Sportarten berichtet. Deshalb kann ich nicht erkennen, dass der Fußball den anderen Sport erdrücken würde." Axel Balkausky, Sportkoordinator der ARD, unterstreicht das. "Uns wurde kürzlich bei einem Treffen mit Vertretern der kleineren Sportarten bescheinigt, dass wir ausgewogen berichten. Das Erste und die dritten Programme hatten 2012 rund 100 verschiedene Sportarten im Programm, Fußball machte 28 Prozent aus."

Dass der Ligenbetrieb in olympischen Kernsportarten wenig Beachtung findet, liege laut Gruschwitz einerseits daran, "dass sich das deutsche Publikum auf Fußball festgelegt hat", andererseits aber auch an mangelnder Professionalität anderer Ligen hinsichtlich der Vermarktung. Immerhin habe man in der laufenden Saison eine Möglichkeit gefunden, in Formaten wie "Sportschau" (ARD) oder "Sportreportage" (ZDF) verstärkt auf Ligaspiele anderer Sportarten einzugehen, nachdem diese sich bereit erklärt hatten, Ansetzungen ihrer Topspiele besser zu koordinieren.

Von einem Modell wie in den USA, wo die Spielpläne der vier wichtigsten Ligen NFL (Football), NBA (Basketball), MLB (Baseball) und NHL (Eishockey) gestaffelt werden, um sich nicht gegenseitig Aufmerksamkeit abzugraben, sei man in Deutschland allerdings weit entfernt. "Das US-System ist aber auch gar nicht übertragbar, weil die vier Ligen dort nahezu gleichrangig sind, in Deutschland aber der Fußball alles dominiert", sagt Gruschwitz.

Gleichwohl halten alle Beteiligten die Diskussion über den Umgang mit einer möglichen WM-Verlegung für immens wichtig, und die Vertreter des Profifußballs zeigen sich offener gegenüber Cordes' Anregungen, als mancher glauben mag. "Natürlich müssen wir schauen, wo der Vorteil für den Fußball läge, wenn man einen so tiefen Eingriff tätigen würde. Aber wir sind uns unserer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst", sagt Michael Meeske, Geschäftsführer des FC St. Pauli. Carl Jarchow, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV, hat selbst oft das Gefühl, "dass es eigentlich nicht sinnvoll ist, mit dem Spielbetrieb aufzuhören, wenn das Wetter schön wird".

Die Nachfrage der Konsumenten regele den Markt, "aber wir sollten uns immer Gedanken darüber machen, wie wir uns auch anderen Sportarten gegenüber solidarisch verhalten können", sagt Jarchow. Karl-Heinz Rummenigge, würde eine Kalenderumstellung ebenso befürworten wie Paul Jäger, Geschäftsführer von Fortuna Düsseldorf. Der sagt: "Man muss die WM in Katar als Chance begreifen, um neue Erfahrungen zu sammeln. Wir sollten einfach ausprobieren, welche Auswirkungen es hat, im Sommer durchzuspielen."

Das größte Problem ist eine einheitliche Terminierung in ganz Europa. "Wenn wir nur in Deutschland die Saison verlegen, aber die internationalen Wettbewerbe im Winter weiterlaufen, ist das eine Wettbewerbsverzerrung, die kein Fußballclub hinnehmen wird", sagt Michael Pfad. Aus diesem Grund glaubt auch ZDF-Sportchef Gruschwitz nicht an eine Umsetzbarkeit von Cordes' Vision. "Vier Monate Verzicht auf Live-Fußball ist unmöglich, weil immer irgendwo Fußball gespielt wird", sagt er.

Cordes weiß, dass angesichts der Übermacht des Fußballs seine Ideen kaum umsetzbar erscheinen. Die Debatte darüber hält er aber für unerlässlich. "Alle, die nicht Fußball sind, müssen sich Gedanken machen, wo sie in fünf Jahren stehen, wenn sich nichts ändert. Deshalb sollten alle gemeinsam überlegen, was die beste Lösung ist."

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