26.01.13

Jürgen Brähmer

"Ich bin nicht mehr der Knastboxer"

Früherer Halbschwergewichts-Weltmeister spricht über seinen Neuanfang, Kindererziehung und Ex-Promoter Kohl.

Von Björn Jensen
Foto: pa/Photowende
Jürgen Brähmer
Jürgen Brähmer, 34, war von 2009 bis 2011 WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht. Er gewann 38 seiner bisherigen 40 Profiboxkämpfe

Güstrow. An die Trainingsjacke mit dem Rückenaufdruck "Team Sauerland" muss man sich noch gewöhnen. Der Mensch, der in ihr steckt, ist allerdings der geblieben, der er vor dem Wechsel vom Universum-Stall zum Berliner Sauerland-Team im August 2012 war. Im Gespräch am Rande des Trainingslagers in der Sportschule Güstrow zeigt sich der frühere Halbschwergewichts-Weltmeister Jürgen Brähmer, der am 2. Februar in Berlin eine WM-Ausscheidung gegen seinen Stallkollegen Eduard Gutknecht bestreitet, offen, nachdenklich und angriffslustig und weicht auch Fragen nach seiner Vergangenheit nicht aus - unter anderem war er wegen Körperverletzung in Haft.

Hamburger Abendblatt: Herr Brähmer, wie fühlt es sich an, im reifen Boxeralter von 34 Jahren einen Neustart zu wagen?

Jürgen Brähmer: Für mich ist es eine schöne Erfahrung, noch einmal neu durchstarten zu können. Wenn man die vergangenen vier Jahre aus sportlicher Sicht betrachtet, dann muss ich doch zugeben, dass es verschenkte Jahre waren. Deshalb bin ich froh, dass ich jetzt noch einmal die Chance habe, richtig anzugreifen. Ich ärgere mich allerdings darüber, dass ich diesen Schritt nicht früher gegangen bin.

Sie haben den Absprung doch rechtzeitig geschafft. Sie haben unter Firmengründer Klaus-Peter Kohl sehr gut verdient und auch von dessen Nachfolger Waldemar Kluch als einer von wenigen Ihr Geld bekommen, wie man hört.

Brähmer: Kluch hat tatsächlich alle Absprachen, die wir hatten, eingehalten. Dennoch wusste ich schnell, dass das nicht gut gehen konnte mit seinen vielen Versprechungen. Das Problem war aber schon unter Kohl entstanden, denn ich habe schon vor meiner letzten WM-Titelverteidigung im April 2010 in Hamburg gegen Mariano Plotinsky gespürt, dass es bergab geht. Plötzlich wurden finanzielle Absprachen nicht eingehalten. Da hätte ich schon Zähne zeigen und gehen sollen. Aber ich wollte die gute Beziehung zu Herrn Kohl nicht riskieren. Wenn ich sehe, dass wir heute gar keinen Kontakt mehr haben, muss ich sagen: Schlimmer hätte es damals auch nicht kommen können. Das, was mich am meisten wurmt, ist, dass ich meinen Titel verloren habe, ohne sportlich etwas dafür zu können.

Wieso das? Immerhin haben Sie im Januar 2011 die Titelvereinigung mit Beibut Shumenov in Kasachstan und im Mai 2011 eine Titelverteidigung in England gegen Nathan Cleverly abgesagt. Offiziell, weil Sie krank beziehungsweise verletzt waren. Was war der echte Grund?

Brähmer: Es sind verschiedene Absprachen nicht eingehalten worden. Ich hatte das Gefühl, dass Kohl und sein Schwiegersohn Dietmar Poszwa nur noch Geld aus dem Laden ziehen wollten. Eine Woche vor dem Kampf, wo sie dachten, dass ich keinen Rückzieher mehr machen würde, hieß es plötzlich, dass weniger Geld da sei und ich nicht das bekommen könne, was abgemacht war. Ich hatte mir nach dem Plotinsky-Kampf aber geschworen, dass ich nie mehr in den Ring steige, wenn nicht das gehalten wird, was versprochen war. Aber Herr Kohl ist ein Schlitzohr, er hat es geschafft, immer wieder Hoffnung bei mir zu wecken, obwohl mein Verstand gesagt hat, dass es zu Ende ist.

Ihr Verhältnis zu Kohl war immer ein besonderes, er hat in Ihnen einen Sohn gesehen. Wie stehen Sie zu ihm?

Brähmer: Da gibt es eine private und eine geschäftliche Seite. Ich habe sehr hohen Respekt vor dem, was er aufgebaut hat. Ich hatte viele Jahre eine Superzeit, bin sehr gut mit ihm gefahren und habe sehr viel von ihm gelernt. Deshalb werde ich jetzt nicht sagen, dass er ein Arsch ist. Ich bin allerdings schon enttäuscht darüber, dass die letzten Jahre so schlecht gelaufen sind. Und ich hatte ihm nicht zugetraut, dass er am Ende versuchen würde, so viel Geld wie möglich aus dem sterbenden Unternehmen zu ziehen. Er hätte 2009, beim 25-jährigen Bestehen, Schluss machen sollen. Das wäre ein würdiger Abgang gewesen.

Warum meinen Sie, dass Sauerland das Beste für Sie ist?

Brähmer: Weil Sauerland der stabilste Partner für mich ist, um in den Jahren, die mir noch bleiben, mein Potenzial auszuschöpfen. Das erste Treffen mit Wilfried Sauerland hat den Ausschlag für meine Wahl gegeben. Danach war für mich klar, dass ich mit ihm zusammenarbeiten kann. Eine Woche später habe ich mich dann mit seinem Sohn Kalle getroffen, und auch das Gespräch war sehr positiv. Er ist ein ganz anderer Typ als die junge Universum-Garde von damals. Er lebt den Sport, ist voll bei der Sache und will aktiv mitarbeiten, um das Unternehmen voranzubringen. Aber am meisten beeindruckt hat mich sein akkurates Büro. Ich achte sehr auf solche Nebensächlichkeiten, bin ein Ordnungsfanatiker, auch wenn man mir das nicht zutraut.

Sie werden ja häufiger unterschätzt, viele halten Sie wegen Ihrer Knast-Vergangenheit für den Prototyp des dummen Boxers. Wieso lässt Sie das so kalt?

Brähmer: Weil es mich nicht interessiert, was Menschen von mir halten, die mich nicht kennen. Ich bin ein konsequenter Typ und mache deutlich, was mir passt und was nicht. Ich erwarte nicht, dass jemand, zu dem ich nicht nett bin, nett zu mir ist, das gilt aber auch andersherum. Und weil Sie das Thema Knast ansprachen: Ich spüre in vielen Gesprächen, dass das Vergangenheit ist. Ich habe für meine Vergehen gebüßt und den Neuanfang geschafft.

Sie sind aufs Land gezogen, haben eine Tochter. Wie viel von dem Jürgen Brähmer, der Sie waren, als Sie im Gefängnis saßen, steckt noch in Ihnen?

Brähmer: Ich habe mich über die Jahre schon extrem verändert. Vieles von dem, was mich jetzt interessiert, war mir damals völlig egal. Die vergangenen vier Jahre haben viel dazu beigetragen. In dieser Zeit habe ich unheimlich viel über alles nachgedacht.

Hat die Geburt Ihrer Tochter Jasmin vor neun Monaten dazu geführt, dass Sie das Leben anders sehen?

Brähmer: Auf jeden Fall. Ich hätte früher nie gedacht, dass mir etwas so nah gehen könnte wie die derzeitige Trennung von meiner Tochter. Ich muss meine ganze Disziplin aufbringen, um nicht jeden Abend das Trainingslager zu verlassen und zu ihr zu fahren. Ich möchte am liebsten jeden Tag ihres Aufwachsens miterleben und empfinde es als unglaublich hart, es nicht zu können.

Spüren Sie, dass es Menschen gibt, die Ihnen wegen Ihrer Vergangenheit nicht zutrauen, ein Kind erziehen zu können?

Brähmer: Überhaupt nicht, und dazu gibt es auch keinen Anlass. Ich möchte auch kein strenger Vater sein, sondern meine Tochter ihre Entwicklung machen lassen, wie sie sie machen will.

Glauben Sie, dass Sie mit einem Jungen genauso entspannt umgehen würden? Oder wären Sie strenger in dem Wissen um Ihre eigene Erfahrung, dass Jungs oft gröberen Unfug anstellen als Mädchen?

Brähmer: Ich glaube, dass ich genauso entspannt mit einem Sohn wäre, denn ich weiß ja, dass der in einem anderen Umfeld aufwachsen würde als ich, und deshalb gar nicht auf die schiefe Bahn geraten würde. Ich bin der Überzeugung, dass das Elternhaus entscheidend ist für die Entwicklung der Kinder. Danach versuche ich zu handeln.

Was ist Ihr realistisches Ziel für Ihre Zeit bei Sauerland?

Brähmer: Ganz klar: Ich will noch einmal Weltmeister werden. Dazu muss ich am 2. Februar in Berlin gegen Eduard Gutknecht gewinnen. Im Training sehe ich, dass ich mithalten und sogar noch einen draufpacken kann. Deshalb glaube ich, dass er mich nicht besiegen kann, wenn ich gut in Schuss bin. Seine vergangenen Kämpfe waren nicht gerade überragend.

Und wenn Sie verlieren?

Brähmer: Dann ist das so. Mein Vertrag ist davon nicht abhängig. Ich habe für mehrere Jahre unterschrieben und will so lange boxen, wie es geht. Dass ich kein Wandervogel bin, ist ja bekannt.

In Ihrer Trainingsgruppe sind Sie der Älteste, Sie geben laut Trainer Karsten Röwer viel Erfahrung an die jungen Talente in der Gruppe weiter. Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann auch als Trainer oder Manager zu arbeiten?

Brähmer: Das werde ich mit Sicherheit nicht ausschließen. Ich merke ja, dass die jungen Boxer nicht nur mit sportlichen, sondern auch mit geschäftlichen Fragen zu mir kommen. Ich denke schon, dass ich da einiges weitergeben kann. Aber momentan verschwende ich noch keinen Gedanken an das, was nach meiner Karriere kommt. Jetzt zählt nur eins: wieder Weltmeister werden.

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