07.01.13

Gewalt im Sport

Dem Fußball laufen die Schiedsrichter davon

Innerhalb eines Jahres hat der DFB fast 2500 Schiedsrichter verloren. Fehlender Respekt und tätliche Angriffe sind alarmierend.

Foto: WITTERS/Witters Sport-Presse-Fotos
Fussball
Schiedsrichter werden auch im Profisport oft bedrängt

Köln. Beschimpfungen, Pöbeleien und Gewalt: Der teilweise frustrierende Alltag deutscher Fußball-Schiedsrichter führt langsam, aber sicher zu einem Nachwuchsproblem. Schon jetzt müssen ganze Ligen auf Kreisebene ohne Schiedsrichter auskommen, die gut 76.000 Unparteiischen in Deutschland reichen längst nicht mehr.

"Über 95 Prozent des deutschen Fußballs spielen sich auf Kreisebene ab. Da gibt es ganz klar Nachwuchsprobleme, wir können Spiele nicht besetzen", sagte Lehrwart Lutz Wagner vom Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Exakt 76.019 Schiedsrichter waren im Januar 2012 beim DFB registriert, das sind 2436 weniger als im Vorjahr und gleich 5353 weniger als Anfang 2006. Zwar wurden im vergangenen Jahr noch mehr als 8000 neue Schiedsrichter ausgebildet, aber immer mehr legen ihre Pfeife zur Seite.

Die Ausstiegsgründe sind zwar ganz unterschiedlich: Alter, Umzug, Familie, Beruf oder Studium spielen entscheidende Rollen. Fest steht aber auch: "Ein großer Hauptgrund ist, dass viele sagen, sie kommen mit den Zuständen auf dem Platz und dem Verhalten der Beteiligten nicht zurecht. Dieser Prozentsatz ist viel zu hoch", sagt Wagner. Von denen, die aufhörten, gebe jeder Dritte Aspekte wie Beschimpfungen als Grund an.

Auch in den 21 Landesverbänden wird das nicht erst seit dem tödlichen Übergriff auf einen Linienrichter in den Niederlanden Anfang Dezember so wahrgenommen. "Die Gewinnung von neuen Schiedsrichtern ist nicht das Problem. Das Problem ist, sie für den Fußball zu erhalten", sagt Bernd Domurat, Schiedsrichter-Lehrwart im Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV). Die Hemmschwelle bei Spielern, Eltern oder Zuschauern, gegen den Schiedsrichter vorzugehen, sei gesunken. "Und die Vorfälle werden öffentlicher", sagt Domurat.

Werbung für den Schiri-Job ist das nicht. Bei einer aktuellen Befragung der Uni Tübingen von 2600 Schiedsrichtern in Württemberg gaben 54,6 Prozent an, oft, fast immer oder manchmal auf dem Platz beleidigt zu werden. 32 Prozent sagten, sie würden selten von Spielern, Trainern oder Zuschauern beleidigt. 17,3 Prozent sind bereits tätlich angegriffen worden.

Die Dunkelziffer ist noch gar nicht eingerechnet. Im Bayerischen Landesverband, mit etwa 16.000 Schiedsrichtern der größte im DFB, wurden in den vergangenen beiden Jahren bereits 100 bis 200 weniger Schiedsrichter ausgebildet als aufhörten. Vor allem bei den 20- bis 40-Jährigen, also denjenigen, die eigentlich im besten Alter sind, fehlt es an Quantität.

Dabei unternehmen DFB und Landesverbände einiges, um ihre Schiedsrichter zu unterstützen. Bewährt hat sich das Prinzip des Paten, eines älteren Begleiters, der dem Nachwuchs auch das Auftreten auf und neben dem Platz sowie korrektes Verhalten in Konflikten vermitteln soll. "Aber der Vorfall in den Niederlanden hat uns bestärkt in der Ansicht, dass alle Beteiligten gefordert sind, am gegenseitigen Respekt zu arbeiten." Vor allem die Vereine sehen die Schiedsrichter-Obleute dabei in der Pflicht.

Eine bessere Bezahlung - auf Kreisebene liegt der Satz bei 10 bis 20 Euro - könne die Nachwuchssituation dagegen nicht verbessern. "Die Bezahlung drückt eine gewisse Wertschätzung aus. Sie ist ein Anreiz, aber die Qualität der Schiedsrichter wird dadurch nicht besser und wir lösen damit auch keine Probleme", sagt Wagner.

Stattdessen setzen die Landesverbände im Kampf um die Schiedsrichter mittlerweile auf Projekte wie Online-Ausbildung, variableren Umgang mit der Mindestzahl zu pfeifender Spiele oder altersunabhängige Förderung. Auch die Kommunikation mit den Klubs soll verbessert werden.

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