10.03.12

Skigebiete

Der Luxus der Einsamkeit in Norwegen

Kvitfjell in Norwegen gehört zum Skigebiet Lillehammer, 1994 Austragungsort der Olympischen Winterspiele - Party und Trubel gibt es hier nicht.

Von Karsten Kammholz
Foto: Kvitfjell
Wer in dieser Region Ski läuft, schätzt die Stille der Hänge – es gibt einige tiefschwarze Pisten, die für die Olympiade erschlossen wurden, und auch reichlich Kilometer für Genussfahrer
Wer in dieser Region Ski läuft, schätzt die Stille der Hänge – es gibt einige tiefschwarze Pisten, die für die Olympiade erschlossen wurden, und auch reichlich Kilometer für Genussfahrer

Auf der sanfteren Westseite im Skigebiet von Kvitfjell hat Knut-Arne seine Bestimmung gefunden. Gut 100 Meter vor der Talstation des Sessellifts hat der Mittvierziger am Rande des Skihangs ein Ensemble aus historischen Hütten gebaut. Im frühen 19. Jahrhundert standen die massiven Holzbauten einige Kilometer weiter weg in diesem Land des endlosen Waldes. In Norwegen lässt man alte Hütten nicht verfallen. Man baut sie ab und errichtet sie frisch restauriert wieder an einem neuen Ort.

Knut-Arne hat es auch so gemacht. Vor neun Jahren fand der Restaurantchef am Hang den perfekten Ort für seine historischen Hütten, und weil er noch eine weitere brauchte, stellte er nach Vorbild der anderen noch einen Holzneubau dazu. Fertig war sein Skicafé Tyri-Hans: rechts das Restaurant mit Außengrill, links die Pizzeria, die Knut-Arne nur an Wochenenden öffnet. Innerhalb der Woche kommen zu wenig Skifahrer nach Kvitfjell. Das Gebiet hätte Platz für mehr Gäste. Auch Knut-Arne könnte mehr verdienen. Doch in Norwegen muss man nicht wachsen, um groß zu sein. Dazu später mehr.

Wir sitzen beisammen im Tyri-Hans bei einem überdimensionierten Seafood-Sandwich mit Kaviar. Einige der Gäste haben ihre Skischuhe ausgezogen und vor den Kamin gelegt. Das Feuer knistert, draußen herrschen Minusgrade. Knut-Arne schaut sich um und lächelt breit. Sein Mund ist fast nie geschlossen. Wenn er nicht lacht, redet er ohne Pause. Dabei funkeln seine hellblauen Augen. Knut-Arne ist ein begeisterter Mensch. Er preist seine Speisen, die seiner Meinung nach ebenso zügig wie Fast-Food zubereitet werden, aber "richtig gutes Qualitätsessen" sind. Man kann nur zustimmen. Alles schnell und trotzdem edel hinzubekommen sei das Geheimnis seines Erfolgs, verkündet er. Apropos Geheimnis. "Ich weiß, du bist Journalist", sagt er. "Ich weiß auch, dass wir Leute wie dich brauchen, damit viele Menschen erfahren, wie schön es hier ist. Aber ..." Knut-Arnes Lächeln wirkt nun etwas angespannt. Er blickt sich um. Was er jetzt zu sagen hat, sollen lieber nicht alle Ohren zu hören bekommen: "Eigentlich soll es hier so bleiben, wie es ist."

So, wie es zurzeit in Kvitfjell und den umliegenden Skiorten der Region Lillehammers ist, so ist es in den meisten Skigebieten der Alpen schon lange nicht mehr. Das fängt bei den Liftanlagen an, wo es selbst an Wochenenden nur ganz selten Wartezeiten gibt, und endet beim Après-Ski, das für die meisten Norweger ein Fremdwort ist. Wer die Party in Kvitfjell braucht, kann sie - wenn überhaupt - auf einer Hütte an den Osthängen haben. Doch die macht meist schon um 18 Uhr zu, damit keiner zu spät zum Abendessen kommt. Man will hier anders sein, 2000 Kilometer nördlich des Alpenkamms und nur drei Autostunden entfernt von der Hauptstadt Oslo. Dabei wissen die Norweger, dass sie mit den Skiregionen der Alpen in vielerlei Hinsicht mithalten können.

Die Saison geht bis Ende April. Schneesicherheit gibt es auch ohne Schneekanonen, die nur vereinzelt eingesetzt werden. Das liegt am kontinental geprägten Klima, das das Skifahren vom November bis in den Frühling ermöglicht. Weder gibt es hier Fönwinde, noch kann der warme Nordatlantikstrom das Klima in der Lillehammer-Region beeinflussen. Wo die milden Einflüsse fehlen, hat es die Kälte leicht. Aber Minusgrade im zweistelligen Bereich sind im März und April nicht mehr zu erwarten. Dann, so sagen die Einheimischen, macht ihnen der Wintersport am meisten Spaß. Der Schnee ist im Frühjahr noch in Massen da, die Sonne scheint kräftig, die Tage sind wieder länger und die Temperaturen steigen auch mal über den Gefrierpunkt.

Noch immer gilt Norwegen als ein Fest für Langläufer. Das Loipensystem verbindet Hunderte von Streckenkilometern miteinander. Sie ziehen sich durch die Wälder, über baumfreie Hochplateaus und bieten immer wieder ein Endlospanorama über die sanften Hügel, das einem den Atem raubt.

Mit den Hügeln ist das aber so eine Sache in den alpinen Skigebieten von Kvitfjell und Hafjell. Von Weitem wirken sie nicht allzu spektakulär. Dass sie schon bei knapp 200 Höhenmetern beginnen und bei gut 1000 Höhenmetern enden, wirkt auf Alpenkenner nicht gerade Ehrfurcht einflößend. Doch die für die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer neu erschlossenen Gebiete weisen tiefschwarze Pisten auf, denen sich besser nur die Könner nähern sollten. Wer sich in Kvitfjell entscheidet, die Talabfahrt zu nehmen, muss wissen, was er tut. Der Zielhang weist ein Gefälle von 64 Prozent auf. Die Olympia-Abfahrt verzeiht keine Fehler. Dafür bieten die restlichen der 31 Pistenkilometer und die meisten der 40 Pistenkilometer in Hafjell Freude für Genussfahrer. Für Anfänger gibt es viele blaue und grüne Pisten, die besonders Familien mit kleinen Kindern nutzen.

Familienfreundlichkeit wird großgeschrieben, und daran hat auch Vibeke ihren Anteil. Die 26-Jährige ist eine von vielen Saisonkräften, die für die Wintermonate von Oslo nach Kvitfjell kommen, um in kurzer Zeit gutes Geld zu verdienen. Vibeke ist Activity Manager in Kvitfjell. In diesem Amt hat sie sich etwas einfallen lassen, das sich in Norwegen herumgesprochen hat. Für die kleinen Skifahrer hat Vibeke die Junior Skipatruljen gegründet. Wer sich zur "Patrouille" anmeldet, bekommt ein Walkie-Talkie in die Hand, ein rotes Trikot übergestreift und ein kleines Notfallset mit Pflastern um den Arm gebunden. "Die Kinder lernen so, auf der Piste Verantwortung zu übernehmen", sagt Vibeke. "Sie fahren vorsichtiger und helfen einander."

Mehrere Fernsehteams haben Vibekes Kinder-Skipatrouille schon begleitet. Der Zuspruch ist enorm, jeden Tag melden sich neue Kinder an. Und wer als Skipatrouille in Kvitfjell unterwegs ist, bekommt in den Restaurants zehn Prozent Rabatt auf eine heiße Schokolade. Das wiederum erfreut das Portemonnaie der Eltern. Norwegen ist und bleibt ein teurer Spaß. Der Luxus, den der Urlauber für sein Geld bekommt, lässt sich nicht in Pistenkilometern messen. Es ist die Stille der Hänge, die das Gefühl von Exklusivität herstellt. Es ist der fesselnde Blick ins Gudbrandstal auf den zugefrorenen Losna-See. Es ist das Naturerlebnis, das entsteht, wenn man bewusst auf Trubel und Party verzichtet. Es sind die stets freundlichen Menschen, die in jedem Gast ein ganz eigenes Norwegen-Gefühl hervorrufen.

Der Ehrgeiz, etwas Besonderes zu schaffen und es anders zu machen als andere Länder und Regionen, scheint die Norweger zu vereinen - zumindest wenn es ums Skifahren geht. Da ist Vibeke mit ihrer Kinder-Skipatrouille, da ist Knut-Arne mit seinem Fastfood-Edelrestaurant direkt an der Piste. Und dann ist da auch Arnfinn. Eine gute Autostunde von Kvitfjell entfernt, im Familienskigebiet von Sjusjøen, betreibt Arnfinn unweit der Bergstation des einzigen Sessellifts seine Waffelbar. Er serviert auch eigene Pizzakreationen, aber seine Spezialität sind die in Norwegen so beliebten Skillingsbolle - Zimtbrötchen.

Auch Arnfinn gehört zu den mitteilsameren Norwegern. Er versteht zwar, wenn man mit ihm englisch spricht, aber selbst antwortet er lieber auf Norwegisch, und das in einem Redefluss, der Übersetzern ein Höchstmaß an Konzentration abverlangt. In seiner offenen Küche wirbelt Arnfinn zwischen Pizzaofen, Waffeleisen und dem Rührteig für seine Zimtbrötchen umher. Dabei redet er wie ein Wasserfall. Der Blondschopf mit den hellblauen Augen erzählt, dass er ein bisschen so ist wie seine Mutter. Sie liebe es, Dinge zu verschenken, sagt er. Und er habe festgestellt: "Es ist schöner zu schenken, als Geld zu verdienen."

Wir probieren seine Pizza, trinken heiße Schokolade und bekommen zum Nachtisch ein Zimtbrötchen mit Zuckerguss. Als Arnfinn sieht, dass es uns schmeckt, legt er strahlend eine Tüte mit acht weiteren Zimtbrötchen auf den Tisch. Wir dürfen nicht ablehnen, auch wenn es ungewiss ist, ob er an uns überhaupt etwas verdient hat oder nicht. Ihm ist das nicht wichtig.

Mit einer Plastiktüte voll Zimtbrötchen geht es zurück auf die Piste. Knut-Arne, der spitzfindige Restaurantchef aus Kvitfjell, hat schon Recht. Eigentlich sollte alles so bleiben, wie es ist.

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