Museum muss Ende 2011 schließen

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Stader Rat kündigt dem Technik- und Verkehrsmuseum. Gutachten über die Bestände der Sammlung ist vernichtend

Stade. Das Technik- und Verkehrsmuseum muss bis Ende 2011 sein Domizil räumen. Mit großer Mehrheit hat der Rat der Stadt Stade dem Museumsverein die Kündigung für das Vereinsgelände an der Freiburger Straße ausgesprochen. Nur Dieter-Theodor Bohlmann, Kurator des Museumsvereins und CDU-Ratsmitglied, sowie der Grünen-Politiker Ulrich Hemke stimmten nicht für die Kündigung. Damit kann die Stadt Stade mit einem Verkauf des Museumsgeländes planen, um seinen Haushalt zu konsolidieren.

Hemke empfahl, die Kündigung und die Optionen für das Museum erneut in den Fachausschüssen zu beraten, wenn alle Gutachten vorlägen. Er erklärte, dass der Rat, wenn alle Fakten auf dem Tisch lägen, durchaus das Recht habe und davon auch Gebrauch machen sollte, seine im Jahr 2009 getroffene Entscheidung zur Veräußerung des Grundstücks rückgängig zu machen.

Bohlmann drängte ebenfalls dazu, den Beschluss rückgängig zu machen. Er beklagte sich zudem darüber, dass die Arbeit des Museums und die ehrenamtliche Tätigkeit herabgewürdigt werde. "Die Stadt hat das Museum damals gewollt, sie kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen", so Bohlmann. Es entstehe der Eindruck, dass die Stadt bestimmen wolle, wie es mit dem Museum weitergehen solle, doch das Museum habe hier ein Mitspracherecht.

Manfred Schulz (SPD) wies die Kritik Bohlmanns zurück. Der Vorwurf der Herabwürdigung ehrenamtlicher Tätigkeit sei ungerechtfertigt und gehe ins Leere, da die Stadt seit Jahren zahlreiche Vereine in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit unterstütze. Deutliche Kritik musste sich der Museumsverein auch von SPD-Fraktionschef Klaus Quiatkowsky anhören. Die Beschlussvorlage sei klar gewesen, als der Rat dem Konsolidierungspaket im vergangenen Jahr zugestimmt hatte. "Vom Verein hat es seit dem Beschluss keine Bewegung geben, sondern eine totale Verweigerungshaltung", so Quiatkowsky. "Immer nur Maximalforderungen zu stellen, ist keine Grundlage für eine erfolgreiche Diskussion."

Kristina Kilian-Klinge (CDU) erklärte, dass eine Abkehr von dem einmal gefassten Beschluss nur möglich gewesen wäre, wenn sich die Haushaltslage deutlich verbessert hätte, was aber nicht eingetreten sei. "Wir stehen vor einer verdammt ernsten Finanzlage in dieser Stadt", sagte Kilian-Klinge, zudem solle sich der Verein bei seinen Forderungen mäßigen. "Dem Verein mache ich vor allem den Vorwurf, dass er ein Jahr hat verstreichen lassen, ohne etwas zu unternehmen", so die CDU-Politikerin. Damit sei viel wertvolle Zeit, um die Zukunft des Museums zu planen, vergeudet worden.

Auch Uwe Merkens (Grüne) erklärte, dass es der Stadt an Geld mangele und daher keine Alternative zur Kündigung bestehe. Er appellierte an den Verein, sich endlich mit an den Verhandlungstisch zu setzen, um die Zukunft des Museums vernünftig zu gestalten.

Inzwischen ist das erste von vier in Auftrag gegebenen Gutachten bei der Stadtverwaltung eingetroffen. Das Fazit des Gutachtens ist für den Museumsverein ein Desaster. Der vom Deutschen Museumsverband eingeschaltete Sachverständige Wolfram Bäumer lobt das Museumsgebäude für seine konservatorischen Fähigkeiten, die Arbeit des Vereins sei aber alles andere als konzeptionell sinnvoll und nachvollziehbar. Bohlmann zufolge gibt es durchaus ein Museumskonzept, dieses sei aber dem Vereinsvorsitzenden Walter Müller nicht bekannt und auch dem Gutachter sei das angebliche Museumskonzept nicht vorgelegt worden. Ein Informationspapier, das dem Gutachter statt dessen zugesendet wurde und vom Kurator als "Konzept für das TuVM" bezeichnet wird, enthalte keine nachvollziehbaren Aussagen zum Thema des Museums, seiner Relevanz, seiner thematischen Abgrenzung und seinem didaktischen Konzept. Es seien "nur plakative Forderungen ausformuliert und Objekte gelistet, die unverzichtbar seien". Ohne ein Museumskonzept, so Bäumer, sei die vom Verein reklamierte Unverzichtbarkeit der Objekte jedoch nicht nachvollziehbar.

Es sei weder erkennbar, welche Objekte zu welchem Zweck gesammelt worden seien, welchen Stellenwert sie in der Sammlung hätten und ob sie planmäßig in die Ausstellung auf genommen wurden. Auch der gezielte weitere Erwerb von Sammlungsstücken sei nicht skizziert. Die Quellenlage für eine Bewertung der Objekte wird als "sehr schlecht" bezeichnet, da die Sammlungsbestände nie dokumentiert und inventarisiert worden seien und auch die Herkunft vieler Sammlungsgegenstände unbekannt sei.. Die Mitglieder des Trägervereins seien zudem "nicht motiviert, dieses Defizit zu lindern". Einige Aussagen des Vereins zu den vorhandenen Ausstellungsstücken hätten sich bei einer genaueren Prüfung als nicht zutreffend herausgestellt und mussten von dem Sachverständigen in Teilen korrigiert werden.

Im Ergebnis seien von den bisher 383 überprüften Ausstellungsstücken 79 für eine zukünftige Ausstellung oder eine Einlagerung in einem Magazin zu gebrauchen. 119 Objekte sollten für ein künftiges Museumskonzept eingehender hinsichtlich einer Abgabe oder einer Magazinierung überprüft werden. Für 185 Objekte sowie mehrere Objektgruppen und -konvolute wird von dem Gutachter eine Abgabe empfohlen, denn bei diesen Objekten handle es sich um industriell gefertigte Massenprodukte, die zwar zeitweise auch in Stade genutzt wurden, ansonsten aber keinen Bezug zur Region aufweisen würden.

Die unterschiedliche Auffassung des Vereins wird vor allem in einer emotionalen Bindung der Vereinsmitglieder zu den Objekten vermutet. "Den Mitgliedern des Trägervereins gilt jedes technische Objekt (...) als wertvoll, das für den Wirtschaftskreislauf entbehrlich geworden ist und nicht allzu weit nach Stade transportiert werden musste", so das Gutachten. Für eine rationale Bewertung der Bestände sei dies aber ungeeignet.

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