05.02.13

Segelschiff

"Gorch Fock" muss sich erstmals wieder auf Atlantik bewähren

Erstmals seit dem tödlichen Unglück, ist das Segelschulschiff wieder in See gestochen. Woche der Wahrheit für Schiff und Offiziersanwärter.

Von Matthias Hoenig
Foto: dpa
Segelschulschiff Gorch Fock läuft aus
Das Segelschulschiff "Gorch Fock"

Las Palmas/Kiel. Schon beim Auslaufen aus dem Hafen von Las Palmas setzte die "Gorch Fock" Segel. Der elegante weiße Dreimaster bot am Dienstag wieder einen majestätischen Anblick. Doch die Windjammer-Idylle trügt: Zwei Jahre lang wurde der tödliche Sturz einer Kadettin aufgearbeitet, Ausbildung und Takelage sicherer gemacht. Erstmals wieder sind Kadetten auf See, um das Segelhandwerk in den bis zu 45 Meter hohen Masten zu lernen. Es ist die große Bewährungsprobe – nicht nur für die Männer und Frauen, die Offiziere werden wollen. Auch das neue Konzept und damit die Zukunft des Ausbildungsschiffs stehen auf dem Prüfstand.

Rückblende: Im November 2010 stürzt eine 25-jährige Kadettin bei der Ausbildung im Hafen der brasilianischen Stadt Salvador de Bahia aus der Takelage. Vorwürfe werden laut über Schikanen, Überforderung von Kadetten. Der Kommandant muss gehen. Es ist der vierte Todesfall seit 1998, sechs gab es laut "Spiegel-online" insgesamt in der Geschichte der 1958 in Dienst gestellten Bark.

Rund 15.000 Offizier- und Unteroffizieranwärter erhielten bei 160 Ausbildungsfahrten maritimen Schliff. Praktisch jeder Marineoffizier war auf der "Gorch Fock", musste den inneren Schweinehund in der Takelage überwinden oder in den reihenweise über- und nebeneinander angebrachten Hängematten unter Deck schlafen.

Ist ein Segelschulschiff überhaupt noch zeitgemäß? Computer zu bedienen sei auf modernen Schiffen wichtiger als Segel setzen zu können, argumentierten Kritiker. Experten verwiesen darauf, dass fast alle wichtigen Marinen weltweit Segelschulschiffe haben. Es geht um Grenzerfahrungen, Kameradschaft, Teamgeist und den Kampf mit den Naturgewalten Wind und Wasser.

Nach dem Todessturz wurde am neuen Ausbildungskonzept gefeilt. Es geht um mehr Sicherheit und eine bessere Menschenführung. In der Marineschule Flensburg-Mürwik wurde für über eine Million Euro ein 28 Meter hoher Übungsmast an Land errichtet. Sogar der neue Kommandant Helge Risch übte, ging mit gutem Beispiel voran. Die Takelage erhielt zusätzliche Sicherungen. So können sich Kadetten in den Rahen in eine lange Stahlstrebe einklinken und sichern. Sicherungsmöglichkeiten wurden zudem zwischen den Plattformen in den Masten geschaffen, wenn ein Crew-Mitglied quasi über Kopf weiter hinauf muss in die Takelage. Die Ausbilder sind jetzt psychologisch besser geschult, und es gibt einen Kadetten-Offizier für deren Nöte.

"Ich selber fühl mich wohl da oben", sagte die Kadettin Lara Sönnichsen am Dienstag im "ZDF-Morgenmagazin". "Es ist schon eine Portion Respekt dabei, ich denke es ist auch sehr wichtig." Und die früheren Unfälle? "Anfangs hat man sich natürlich seine Gedanken gemacht. Aber spätestens mit dem ersten Schritt hier an Bord war das alles verflogen. Die Stimmung ist gut, und man hat soviel zu tun, dass man gar nicht groß zum Nachdenken kommt."

Über die Gefühlswelten an Bord sagte Militärseelsorger Michael Gmelch: "Es gibt einige, die Unfälle und schlechte Zeiten miterlebt haben, da ist das Thema "der Traum von einem Schiff" zu einem Trauma geworden." Viele Menschen seien auch ungerecht behandelt, verletzt worden. "Aber für die neuen Offizieranwärter und -anwärterinnen ist das mit Sicherheit kaum ein Thema."

Der Aspekt Führung hat für Kommandant Risch große Bedeutung. "Ich glaube daran, dass man zunächst einmal Menschen mögen muss, um Menschen führen und ausbilden zu können." Die Stammbesatzung solle den 96 Kadetten vermitteln: "Wir sind für euch da, wir freuen uns, dass ihr hier seid." Und die Botschaft müsse sein: "Alles, was wir tun, tun wir, damit ihr eine gute und sichere Ausbildung bekommt."

Für die insgesamt 220 Offiziersanwärter der Crew VII/2012 - aufgeteilt in zwei Törns – führt die Route über die Häfen Horta (Azoren, Portugal), Lissabon und Funchal (Madeira, Portugal) nach London. Vor der Überfahrt von Kiel nach Las Palmas zunächst mit der Stammbesatzung betonte Risch: "Die Gefährdung für die Soldaten, die sich in der Takelage bewegen, ist erheblich reduziert worden – was nicht heißt, dass es risikolos ist." Eine risikolose Takelage gebe es nicht "und wird es vielleicht auch nie geben".

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