Pinneberg
17.12.12

Marderhund

Auf dem Vormarsch: Raubtier mit Migrationshintergrund

Der Marderhund breitet sich in Schleswig-Holstein aus – und bereitet Jägern große Sorge. Landesweit wurden 1145 Tiere getötet.

Von Bernd-Olaf Struppek
Foto: Bernd-Olaf Struppek
Jäger Klaus Brandt hat einen Marderhund erlegt
Jäger Klaus Brandt hat einen Marderhund erlegt

Ein tierischer Einwanderer erobert, still und leise, den Norden. Der Marderhund (lat. Nyctereutes procyonoides), der auch Enok genannt wird, strebt von Osten kommend scheinbar unaufhaltsam gen Nordwesten. Im jüngst vorgestellten Jahresbericht Jagd und Artenschutz des schleswig-holsteinischen Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume ist nachzulesen, dass der Marderhund weiter auf dem Vormarsch ist.

Als Beleg gilt die sogenannte Jagdstrecke: In der Jagdsaison 2011/2012 wurden landesweit 1145 der Tiere geschossen beziehungsweise im Straßenverkehr getötet (Fallwild), davon 23 im Kreis Pinneberg. Das entspricht im Land einem Plus von 36 Prozent gegenüber der Vorsaison.

Als Vergleich dazu hatte die Jagdstrecke für den Marderhund im Jahr 2005 in Schleswig-Holstein nur 203 Tiere umfasst. Keine andere Jagdstrecke steigt, prozentual betrachtet, derart stark an. Das Kieler Umweltministerium kommt in seinem aktuellen Bericht zum Schluss: "Beim Marderhund schreitet die Besiedlung von Südosten ausgehend weiter voran. Waschbär und Marderhund können für Vogel- und Niederwildarten zur Bedrohung werden." Eine Regulierung des Bestandes durch Bejagung sei deshalb erforderlich.

Aus Jägersicht ist der Einwanderer, der ursprünglich aus dem fernen Sibirien und anderen Teilen Nordostasiens stammt, ein sehr unbeliebter Neubürger Schleswig-Holsteins. "Es gilt, diese invasive Art, die sich bei uns mit Macht etabliert, möglichst einzugrenzen", sagt Hans-Albrecht Hewicker, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Pinneberg. Der Enok, der zur Familie der hundeartigen Raubtiere gehört, bis zu 70 Zentimeter lang und zehn Kilogramm schwer wird und aussieht wie ein übergroßer, etwas moppeliger Waschbär - mit dem er jedoch nicht verwandt ist - stelle vor allem für am Boden brütende Vogelarten eine zusätzliche Belastung dar. Die Bestände dieser Vogelarten seien wegen der Verkleinerung ihrer Lebensräume durch den Menschen ohnehin stark rückgängig.

"Ich bewundere diese Tiere, weil sie sich so anpassen können", sagt Jäger Klaus Brandt aus Seeth-Ekholt. Er hat ein besonders eindrucksvolles Exemplar eines Marderhundes geschossen und präparieren lassen. Brandt findet, der Enok sei ein ausgesprochen schönes Tier. "Aber er ist eben in unserer Landschaft schädlich."

Im Kreis Pinneberg hat sich die 23 Tiere umfassende Jagdstrecke 2011/2012 gegenüber der Vorsaison fast verdoppelt. Weiter ansteigend ist die Marderhund-Jagdstrecke auch im Kreis Stormarn. 176 Tiere zählten die dortigen Jäger in der Saison 2011/2012 (2010/2011 = 132). "Der Marderhund ist ein Problem für die heimischen Wildtiere, das Friedwild wird zurückgedrängt", sagt Hans-Joachim Herrmann, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Stormarn. "Er ist ein Konkurrent für uns." Selbst, wenn die Waidmänner im Norden wollten, dass es dem Allesfresser verstärkt an den pelzigen Kragen geht - der Marderhund ist schwer zu kriegen. "Die Bejagung ist schwierig", sagt Hans-Joachim Herrmann. Sein Amtskollege aus dem Kreis Pinneberg stimmt der Einschätzung zu. "Wir Jäger müssen erst lernen, wie diese Art zu bejagen ist", so Hans-Albrecht Hewicker. "Wir werden ihn aus Schleswig-Holstein nicht wieder verschwinden lassen können."

Der Marderhund zählt wie Waschbär und Mink zu den in hiesigen Breiten ursprünglich nicht vorkommenden Arten, den sogenannten Neozoen. Der Enok wurde zur kommerziellen Pelzgewinnung in den 1920er-Jahren aus Fernost in den westlichen Teil der damaligen Sowjetunion gebracht. Die Legende besagt, dass Josef Stalin sich persönlich dafür eingesetzt habe, weil der Pelz des Marderhundes, dem kalte Witterung so gar nichts anhaben kann, bestens als Innenfutter für Fliegerjacken von Kampfpiloten geeignet gewesen sei. Die Tierart wanderte auf kurzen Beinen gen Westen, breitete sich über das Baltikum und Nordeuropa aus. Vor 50 Jahren wurden in Deutschland die ersten Marderhunde geschossen. Hauptverbreitungsgebiete sind Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, wobei in letztgenanntem Bundesland die Zahlen, wohl vor allem wegen Krankheiten im Bestand wie der Staupe, zuletzt rückläufig waren.

Ganz anders in Schleswig-Holstein, wo 1974 der erste tote Marderhund gefunden und ab 1990 die Tiere bejagt wurden. Selbst in Richtung Elbmündung und Nordsee steigen die Jagdstrecken kontinuierlich an. Die Jäger im Kreis Steinburg zählten zuletzt 26 (+ 12) Marderhunde, die im Kreis Dithmarschen 48 (+15) Tiere. Die größte Jagdstrecke meldete in der vergangenen Jagdsaison die Kreisjägerschaft Herzogtum Lauenburg, wo 386 Marderhunde geschossen beziehungsweise durch Autos getötet wurden.

"Die deutliche Steigerung war zu erwarten und wird sich weiter fortsetzen", sagt Hans-Albrecht Hewicker aus dem Kreis Pinneberg. Er hat ausgerechnet, dass sich der Marderhund mit einem Tempo von annähernd 30 Kilometern pro Jahr in Schleswig-Holstein vorarbeitet. Einzig auf den Nordseeinseln und Halligen ist er noch nicht gelandet. Natürliche Feinde hat der Marderhund in der norddeutschen Tiefebene nicht. Höchstens, dass ein Uhu einmal einen Welpen schlägt. Die ganz große Stärke des Enok ist seine Anpassungsfähigkeit. Passenderweise wird das Tier in der japanischen Fabel unter dem Namen "Tanuki" als Meister der Verkleidung verehrt.

Die Reproduktionsrate des Marderhundes ist sehr hoch. Die Tiere, die häufig Fuchs- oder Dachsbauten in Beschlag nehmen und in kalten Wintern Ruhe halten, ziehen von April an im Durchschnitt sechs bis zehn Welpen groß. Die erwachsenen Tiere haben eine starke, lebenslange Bindung zueinander. Die Marderhunde leben in einer derart tief gehenden Partnerschaft, dass sie nicht selten zusammen in den Tod gehen. Wo ein Marderhund ist, ist auch ein zweiter, wissen Jäger. "Selbst, wenn ein Schuss gefallen ist und ein Marderhund geschossen wurde, kommt der Partner, um nachzugucken", sagt Experte Hewicker. Verwiesen wird auch darauf, dass der Marderhund den gefährlichen Fuchsbandwurm und die Hundestaupe übertragen kann.

Der Zoologe Dr. Peter Borkenhagen kann die Aufregung manches Jägers wegen des tierischen Einwanderers nicht verstehen. "Die Situation ist völlig undramatisch", sagt der Kieler. Er hat ein Buch über die Neozoen geschrieben. Es bestehe keinerlei Handlungsbedarf, den Bestand des Marderhundes künstlich einzudämmen, sagt Borkenhagen, der sich auch im Naturschutzbund in der Landeshauptstadt engagiert. Der Zoologe untersucht die Mageninhalte getöteter Marderhunde. Für das heimische Niederwild sei das Vorhandensein des Allesfressers völlig unbedenklich. Der Marderhund, eher ein Sammler denn ein Jäger, greife in der Regel Beutetiere maximal in der Größe von Mäusen und Maulwürfen an. Im Sommer ernähre er sich von Pflanzen wie Mais und Früchten. Anders als beim Namensvetter, dem Steinmarder, stehen Autokabel nicht auf dem Speiseplan.

Für gefährdete Bodenbrüter stelle der Enok ebenfalls keine besondere Gefahr dar. "Was für diese Vögel wirklich bedrohlich ist, sind die Landwirtschaft und die Zerstörung von Lebensräumen durch den Menschen." Dort, wo vom Aussterben gefährdete Vogelarten besonderen Schutz bedürften, kann laut Borkenhagen mit Elektrozäunen gearbeitet werden. Borkenhagen schlägt vor, den Marderhund als "Mitglied der Tiergesellschaft mit Migrationshintergrund" zu akzeptieren: "Wir werden ihn nicht aus unserem Land wegkriegen, selbst, wenn wir uns auf den Kopf stellen."

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