Norderstedt
21.02.13

Standortschließung Norderstedt

Lufthansa-Schock: Per E-Mail Schluss gemacht

Schock für die Region. Der Lufthansa-Standort Norderstedt wird bis 2017 aufgelöst. Die Arbeit wird künftig in andere Ländern ausgelagert.

Von Hans-Eckart Jaeger
Foto: Hans-Eckart Jaeger
Lufthansa Norderstedt Streik
Protest am Schützenwall: Etwa 400 Mitarbeiter haben am Mittwoch gegen die Schließung des Standortes Norderstedt protestiert

Norderstedt. Es waren Momente, die Simone Menne so schnell nicht vergessen wird. 400 Mitarbeiter der Lufthansa Revenue Services GmbH (LRS) hatten der aus Frankfurt am Main angereisten Lufthansa-Finanzchefin in der überfüllten Kantine des Verwaltungsgebäudes am Schützenwall eindrucksvoll ihre Empörung auf die Nachricht des Tages gezeigt. Der LRS-Standort Norderstedt wird bis zum Jahre 2017 aufgelöst.

Simone Menne, einst LRS-Geschäftsführerin in Norderstedt, wollte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erklären, warum es für sie keine berufliche Zukunft bei Revenue Services mehr gibt. Doch zuhören wollten die empörten Mitarbeiter nicht mehr, sie wollten agieren. Das hatten sie zuvor untereinander vereinbart.

Als die Finanzchefin mit ihrem Vortrag begann, stand die Hälfte der Belegschaft von ihren Plätzen auf und verließ den Raum. Draußen machten einige mit roten Trillerpfeifen Lärm, sie buhten die ungeliebte Lufthansa-Vorstandsfrau erbarmungslos aus. So sah ihr Protest aus.

Fassungslos schaute Simone Menne zu, wie sich die Kantine nach und nach leerte. "Ich fühle mit euch, ich kann nachvollziehen, wenn eure Motivation und auch die Leistungen sinken sollten", rief sie den Mitarbeitern nach. Am Schluss holte sie ein Taschentuch hervor und trocknete ihre Tränen.

"Ich habe kein Mitleid mit ihr", sagte LRS-Betriebsratsvorsitzender Klaus Kahlcke. Sein Alternativkonzept auf Streckung des Abbaus von Arbeitsplätzen über einen Zeitraum von elf Jahren hatte kein Echo gefunden. "Der Vorstand hat seine Hausaufgaben nicht gemacht", behauptete Kahlcke.

Die Proteste gingen weiter, als Simone Menne die Kantine verließ und zu Besprechungen mit der Geschäftsführung in den 7. Stock fuhr. Mitarbeiter folgten und legten ihre mit Lichtbildern und Eintrittsdatum versehenen Firmenausweise vor die Tür. Als Simone Menne aus dem Zimmer herauskam, musste sie über die Mitarbeiter-Ausweise "klettern".

Das Aus wurde bereits am Dienstag unter anderem über Facebook verbreitet

Hintergrund der ungewöhnlichen Aktion: Die Mitarbeiter waren nicht, wie ursprünglich geplant, als Erste über das Ergebnis der Lufthansa-Vorstandssitzung am Vortag informiert worden. Das Aus für den Standort Norderstedt war schon am Dienstagabend über die Nachrichtenagenturen und über Facebook verbreitet worden.

Schnell schickte LRS-Geschäftsführer Reinhard Schäfer eine E-Mail an die Belegschaft hinterher. "Aus rechtlichen Gründen mussten wir den Finanzmarkt bereits heute direkt nach der Vorstandssitzung informieren", heißt es darin.

Heidemarie Rath, seit 1976 im Unternehmen und heute im Ticket-Abrechnungswesen bei LRS tätig, hatte die Mail am späten Abend erhalten. "Um 20.41 Uhr bin ich per E-Mail rausgeworfen worden", klagte sie bei der Demo.

"Der Vorstand der Lufthansa Group hat heute Nachmittag seine Planungen zum Thema GLOBE konkretisiert", heißt es in der Mail. "Es ist geplant, Aufgaben und Prozesse aus den Bereichen Finance, HR und Einkauf in einem Unternehmensverbund (Global Business Services, GBS) an Standorten im In- und Ausland zu bündeln. Der überwiegende Teil der von diesen Bereichen wahrgenommenen Aufgaben können deutlich kostengünstiger durch die neue GBS erbracht werden." Das bedeutet: Die Arbeit wird künftig in Ländern wie Polen und Indien erledigt.

Nicht nur bei den Mitarbeitern rief diese Mitteilung große Empörung hervor. Auch die Norderstedter Spitzenpolitiker mit Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote und den Fraktionsvorsitzenden Gert Leiteritz (CDU), Jürgen Lange (SPD), Klaus-Peter Schroeder (FDP) und Miro Berbig (Die Linke) zeigten Solidarität und beteiligten sich an der Protestkundgebung, die am Mittwoch um 8.30 Uhr vor dem LRS-Verwaltungsgebäude am Schützenwall begann.

"Ich bin wütend über das, was hier passiert", wetterte Grote. "Ein Unternehmen, das gerade immens große Gewinne gemeldet hat, darf nicht so mit seinen Mitarbeitern umgehen. Hier geht es offensichtlich im Sinne der Aktionäre ausschließlich um eine Reduzierung der Belegschaft und die Maximierung der Gewinne. Von dieser Entscheidung sind nicht nur 350 Mitarbeiter betroffen. Dahinter stehen auch Familienangehörige, Ehefrauen und Kinder. Und es geht um das Image des Standortes Norderstedt."

Auch Oberbürgermeister Grote war von den Meldungen im Radio überrascht worden. Am frühen Abend hatte er im Rathaus die Mitglieder der Stadtvertretung um sich geschart und über mögliche Hilfsmaßnahmen diskutiert. Einstimmung wurde Grote als Sprecher bei Verhandlungen mit der Lufthansa bestimmt. Da war die Entscheidung in der Frankfurter Konzernzentrale aber längst gefallen.

Betriebsrat Kahlcke kündigte innerbetriebliche Gespräche an

"Das Konzernergebnis ist geprägt von positiven Einmaleffekten aus dem Verkauf unserer Anteile an Amadeus", heißt es in der E-Mail an die Belegschaft. "Das darf uns nicht darüber hinweg täuschen, dass unser operatives Ergebnis bei Weitem nicht ausreicht, um die für unsere Zukunft notwendigen Investitionen zu tätigen. Die Investitionen in moderne und effiziente Flugzeuge und Produkte für unsere Kunden, die wir jetzt anstoßen, kosten viel Geld."

Zum Schluss heißt es in der von Simone Menne und Reinhard Schäfer unterzeichneten E-Mail: "Uns ist bewusst, dass wir mit den aktuellen Nachrichten eine hohe Betroffenheit auslösen und tief in Ihre Lebenssituation eingreifen." "Dafür können wir uns nichts kaufen", meinten LRS-Mitarbeiterin Susanne Mehrmann, seit 1986 im Unternehmen, und Martina Baron, die seit mehr als 30 Jahren dabei ist.

LRS-Betriebsrat Kahlcke kündigte für die nächsten Wochen innerbetriebliche Gespräche und für den 6. März eine Sitzung des Wirtschaftsausschusses an: "Wir gehen offensiv vor, wir lassen uns nicht alles gefallen." Arne von Spreckelsen von der Gewerkschaft Ver.di hatte schon am frühen Morgen der vor dem Schlagbaum angetretenen Belegschaft zugerufen: "Kämpft weiter!"

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