Norderstedt
15.12.12

Norderstedt

Warum steigt der Strompreis so stark?

Wie teuer wird Strom noch, und ist Energie dann noch bezahlbar? Bürger diskutierten mit Leitern der Stadtwerke über kräftigen Tarifsprung.

Von Michael Schick
Foto: dapd
Verbraucherbund: Stromkonzerne kassieren 2,1 Milliarden Euro zu viel
Die Preise steigen, da dürfte der Blick auf den Stromzähler so manchem Bürger Sorgenfalten ins Gesicht treiben

Norderstedt. Warum steigt der Strompreis für den Sondertarif McWatt stärker als beim Grundversorger-Tarif? Wie teuer wird der Strom noch, und ist Energie dann noch bezahlbar? Warum kaufen die Stadtwerke Ökostrom aus Österreich, obwohl der norddeutsche Wind quasi vor der Tür bläst? Die Bürger hatten viele Fragen an die drei Leiter der Norderstedter Stadtwerke. Jens Seedorff, Theo Weirich und Axel Gengelbach gaben ihren Kunden die Chance, ihrem Ärger und Unverständnis über den zum Teil kräftigen Anstieg des Strompreises zum neuen Jahr Luft zu machen.

Da ging es um Zahlen und deren unterschiedliche Interpretation. "Warum muss ich für den McWatt zusätzlich zur Tariferhöhung für den Grundversorger-Tarif jetzt nochmals 1,79 Cent pro Kilowattstunde mehr zahlen?", wollte einer wissen. Seedorff rechnete und schüttelte den Kopf. Da muss ein Rechenfehler vorliegen. Die McWatt-Kunden werden mit 0,28 Cent pro Kilowattstunde mehr belastet", sagte der Kaufmann. Und das wiederum sei dem etwas höheren Einkaufspreis geschuldet.

Nächstes Stichwort Stromeinkauf. Der Strom an der Leipziger Börse sinke, wieso steigen dann die Tarife? Das, so Weirich, sei der Energiewende geschuldet. Die vom Bund verfügten Umlagen und Abgaben, die weder die Stadtwerke noch die Stadt beeinflussen können, steigen zum neuen Jahr um 25 Prozent. Im Einzelnen sind das die Umlage für die Kraft-Wärme-Kopplung (Blockheizkraftwerke), die Offshore-Haftungsumlage für den Ausbau der Windkraftanlagen im Meer, die sogenannte §19-StromNEV-Umlage, die Großkunden ent- und die Privatkunden belastet, die Umlage den Energieeinspeisegesetzes (EEG), die zum Januar um 47 Prozent anzieht, und die Entgelte für die Nutzung des Stromnetzes.

"Hinzu kommt noch, dass wir den Strom immer in kleinen Häppchen zwei bis drei Jahre eher einkaufen, als er verbraucht wird. So können wir Preisschwankungen ausgleichen und unseren Kunden Preissicherheit garantieren", sagte Seedorff. Zudem müssten die Stadtwerke als Grundversorger sicherstellen, dass auch Kunden anderer, insolventer Anbieter jederzeit Elektrizität bekommen. Könnten die Werke den Strom, den sie schon vor Jahren gekauft haben, zum heutigen Preis beziehen, würden die Tarife um nur sechs bis acht Prozent steigen - diese Spanne hatten Verbraucherschützer für ausreichend erklärt. In Norderstedt müssten den Kunden nun Preissprünge bis zu 19 Prozent verkraften.

"Wenn ich durch einen Wechsel 90 Euro im Jahr sparen kann, warum soll ich dann bei den Stadtwerken bleiben?", wollte ein langjähriger Kunde wissen. "Weil sie bei uns Service bekommen. Wir bemühen uns, unsere Kunden gut zu betreuen, was sicher hier und da noch verbessert werden kann", sagte Weirich. Andere Anbieter investierten in der Regel nicht in Norderstedt. Die Stadtwerke gäben in den nächsten Jahren Millionen aus, um die Energiewende lokal zu gestalten und zum Klimaschutz beizutragen. Geplant sei, jedes Jahr ein bis zwei weitere Blockheizkraftwerke zu bauen und so die Stadt unabhängiger von den großen Energieversorgern zu machen. Langfristig sollen die Norderstedter durch einen optimal gesteuerten Verbrauch und sparsame Geräte 35 Prozent Storm sparen. 25 Prozent wollen die Stadtwerke produzieren, 50 Prozent sollen zugekauft werden.

"Der Gewinn der Stadtwerke fließt an die Stadt, die wiederum damit Projekte für das Gemeinwohl wie das Arriba-Bad finanziert", sagte Seedorff. Das Bad fahre jedes Jahr ein Defizit von 1,5 bis 1,7 Millionen Euro ein. "Schwimmbäder lassen sich einfach nicht wirtschaftlich betreiben", sagte Seedorff.

Außerdem sicherten die Kunden nicht nur 260 Arbeitsplätze beim örtlichen Versorger. Sie tragen auch dazu bei, dass jedes Jahr Jugendliche ausgebildet werden. Aktuell steigen 45 junge Männer und Frauen bei den Stadtwerken ein.

Strompreiserhöhung? Sonderkündigungsrecht nutzen
Strompreiserhöhung? Sonderkündigungsrecht nutzen
Für Verträge mit dem Energieversorger gelten bestimmte Kündigungsfristen. Bei den Grundversorgern betrage diese Frist zwei Wochen, erläutert Horst-Ulrich Frank von der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern in Rostock.
Bei anderen Anbietern müssten sich Kunden an die vertraglich vereinbarte Kündigungsfrist halten. Ausnahme: Bei einer Preiserhöhung dürfe der Vertrag in der Regel innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntgabe der Erhöhung gekündigt werden.
Strom- und Gaskunden in Deutschland müssen möglicherweise mit einer zusätzlicher Preiserhöhung rechnen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht hob am Mittwoch (6. Juni) die von der Bundesnetzagentur festgesetzten Entgelte für die Nutzung der Strom- und Gasnetze auf. Die Netzagentur müsse höhere Ansätze berücksichtigen, so die Richter. Diese Kosten können die Unternehmen an die Kunden weiterreichen.
Preissteigerungen müssten die Stromversorger sechs Wochen vorher ankündigen, erklärt Frank. Die Lieferanten müssten nicht begründen, warum sie die Preise anheben – "aber in der Regel wollen sie ja die Schuld von sich weisen", erläutert Frank. So würde oft auf eine Erhöhung der Netzentgelte oder auch höhere Steuern verwiesen.
Allerdings schließen manche Versorger ein Sonderkündigungsrecht aus, wenn Abgaben wie Netzentgelte steigen. Rechtlich sei das aber umstritten, betont Frank.
Denn bei Netzentgelten hätten die Versorger Spielraum. Manche geben höhere Abgaben nicht sofort an ihre Kunden weiter, andere verzichten ganz darauf.
Hier lohne sich ein Blick in die Geschäftsbedingungen, wo das Sonderkündigungsrecht beschrieben wird. (dpa)
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