03.12.12

Klinikum Bremen-Mitte

Frühchen-Skandal: "Eine ganze Latte von Mängeln"

Fehler auf allen Ebenen, aber kein Hauptverantwortlicher: Zu diesem Ergebnis kam der Untersuchungsausschuss. Keimquelle weiter unklar.

Foto: dpa
Klinikum-Mitte in Bremen
Der Untersuchungsausschuss stellte am Montag die Ergebnisse vor

Bremen. Viele schwere Fehler seien gemacht worden, doch wer die Hauptverantwortung für den Keim-Skandal im Klinikum Bremen-Mitte trägt, sei nicht zu klären – zu diesem Ergebnis kam der Parlamentarische Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft, der am Montag seinen Abschlussbericht vorstellte. "Wir haben am Ende des Tages eine ganze Latte von Mängeln, aber keinen Hauptverantwortlichen", sagte der stellvertretende Vorsitzende, Björn Fecker (Grüne). Woher die gefährlichen Keime kamen, konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Die Intensivstation für Neugeborene habe oft zu wenig Pflegepersonal gehabt, heißt es in dem Bericht. Das Reinigungspersonal sei schlecht qualifiziert gewesen. Der Keimausbruch sei wegen mangelhafter Dokumentation zu spät erkannt und das Gesundheitsamt zu spät informiert worden. Das Gesundheitsamt habe die Einhaltung von Hygienestandards in den bremischen Krankenhäusern nicht überprüft.

Auch das Hygiene- und Ausbruchsmanagement im Klinikum und im Krankenhausverbund war nach Überzeugung der Ausschussmitglieder mangelhaft. Es habe strukturelle Probleme bei der Behörde für Bildung, Wissenschaft und Gesundheit sowie beim Gesundheitsamt Bremen gegeben. Unter anderem habe der Krankenhaushygieniker an dem Klinikum nicht die erforderliche ärztliche Qualifikation gehabt, kritisierten die Abgeordneten.

Der Chefarzt der Kinderklinik wurde entlassen und kehrte nach einem Arbeitsgerichtsprozess inzwischen an seinen Arbeitsplatz zurück. Der Chef des Klinkverbundes musste gehen. Gesundheitssenatorin Renate-Jürgens-Pieper (SPD) wurde zweimal im Ausschuss befragt. Sie wies jede persönliche Verantwortung zurück. Vor wenigen Tagen kündigte sie ihren Rücktritt an, allerdings im Streit Geld für das Schulressort, das sie ebenfalls verantworte.

Der Ausschuss versuchte mehr als ein Jahr lang in 34 öffentlichen Beweisaufnahmen und zahlreichen weiteren Sitzungen, die Quelle des Keims und Verbesserungsmöglichkeiten zu finden. Die Vorsitzende Antje Grotheer bezifferte die Gesamtkosten des Ausschusses mit rund einer Millionen Euro.

CDU und Linke fügten dem mehr als 330 Seiten umfassende Bericht umfangreiche Minderheitenvoten an. Unter anderem fordert die CDU einen anderen Ressortzuschnitt im Senat. Gesundheit müsse an Soziales angegliedert werden und nicht, wie jetzt von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) geplant, als eigenständiges Ressort geführt werden, forderte der Abgeordnete Rainer Bensch.

Die Linken fordern, deutlich mehr Geld für die Krankenhäuser auszugeben. Das Hauptproblem sei Personalmangel. "Wir gehen davon aus, dass die Todesfälle mit hoher Wahrscheinlichkeit vermeidbar gewesen wären", sagte die Abgeordnete Claudia Bernhard. Den Sanierungskurs des Senats für den Klinikverbund nannte sie "brachial, ungeordnet, unverantwortlich".

Chronologie: Der Frühchen-Skandal in Bremen

30. April 2011: Der multiresistente Keim wird erstmals auf der Intensivstation für frühgeborene Babys entdeckt.

8. August 2011: Ein Frühchen stirbt an der Infektion. Im August und im September wird der Erreger bei weiteren Babys nachgewiesen.

7. September 2011: Die Klinikleitung informiert das Bremer Gesundheitsamt.

16./27. Oktober 2011: Zwei weitere Kinder sterben.

1. November 2011: Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) wird informiert, das Robert Koch-Institut (RKI) eingeschaltet.

7. November 2011: Die Klinik startet mit der Desinfektion der betroffenen Intensivstation. 15 Babys werden verlegt.

18. November 2011: Die Bürgerschaft in Bremen setzt einstimmig einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein.

20. Dezember 2011: Ein Untersuchungsbericht von Staatsrat Matthias Stauch ergibt: Auf der Frühchenstation wurde schlampig dokumentiert, Meldepflichten wurden missachtet.

9. Januar 2012: Die Klinik eröffnet die Frühchenstation wieder.

 23. Februar 2012: Wieder werden Darmkeime bei Frühchen nachgewiesen. Am Folgetag ergeht in der Station ein Aufnahme-Stop.

29. Februar 2012: Zwei Frühchen sterben an Blutvergiftung.

8. Juni 2012: Als eine Quelle für die tödlichen Infektionen gerät ein Automat zur Herstellung von Desinfektionslösung in Verdacht.

17. Juli und 11. Oktober 2012: Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper wird vom Untersuchungsausschuss befragt. Sie weist jede persönliche Verantwortung von sich und kritisiert einen Gutachter.

3. Dezember 2012: Der Untersuchungsausschuss veröffentlicht seinen Abschlussbericht. (dpa)

(dpa/abendblatt.de)
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