17.11.12

Kreis Pinneberg "Politik ist im Grunde Frauensache"

Von Matthias Popien und Bernd-Olaf Struppek
Urte Steinberg Bürgermeisterwahl Pinneberg 2012

Foto: Claudia Eicke-Diekmann

Die neue Verwaltungschefin Urte Steinberg markiert einen Trend: Im Kreis Pinneberg gibt es schon mehr weibliche als männliche Bürgermeister.

Pinneberg. Im Kreis Pinneberg sind sie schon in der Mehrheit: Sechs von elf hauptamtlichen Bürgermeistern sind weiblich. In Schleswig-Holstein werden immer mehr Stadtverwaltungen von Frauen geleitet. Am vergangenen Sonntag kamen gleich zwei hinzu. Susanne Gaschke gewann die Oberbürgermeisterwahl in Kiel, Urte Steinberg siegte in der Stadt Pinneberg.

Bärbel Thiemann überrascht das überhaupt nicht. 18 Jahre lang war sie ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde Neuendeich. Im Frühjahr trat die 71-Jährige zurück. Heute sagt die erste Bürgermeisterin im Kreis Pinneberg: "Politik ist im Grunde Frauensache." Männer marschierten frontal auf ein Ziel zu. "Frauen versuchen hingegen zu harmonisieren und so viele Menschen wie möglich zu überzeugen", findet die "Mutter aller Bürgermeisterinnen". Sind Frauen also die besseren Führungskräfte?

Wissenschaftlich belegbar sei das nicht, sagt Marion Knaths. Die Hamburgerin hat früher selbst in Führungspositionen gearbeitet, unter anderem beim Versandhauskonzern Otto. Mit ihrer Firma Sheboss hilft sie seit Jahren Unternehmern dabei, mehr Frauen auf Chefsessel zu hieven. "Die Studien zeigen alle, dass es beim Führungsstil keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt", sagt Knaths. "Der Kernunterschied besteht in der Zusammenarbeit mit den Kollegen, da sind Frauen gut." Nicht so gut seien sie hingegen, wenn es darum ginge, Ranghöhere auf ihre Leistungen aufmerksam zu machen. "Das kriegen Männer einfach besser hin", so Knaths. Unter anderem deshalb zögen Frauen bei Beförderungen immer noch viel zu oft den Kürzeren.

Knaths widerspricht auch der weit verbreiteten Ansicht, Frauen seien einfühlsamer. "Das ist ein Stereotyp", sagt sie. "Die individuelle Ausprägung ist wichtig, nicht das Geschlecht."

Kristin Alheit kann das nur bestätigen. Die Vorgängerin von Urte Steinberg ist seit der Landtagswahl im Mai Sozialministerin in Schleswig-Holstein. "Führungsstil ist vor allem eine Frage der persönlichen Entscheidung - für Frauen und Männer gleichermaßen", sagt sie. "Nach meiner Wahrnehmung kommt Frauen in Führungspositionen aber häufig die Fähigkeit zugute, sehr kommunikativ und offen auf Menschen zuzugehen. Weshalb Frauen bei Direktwahlen - wo Bürgernähe neben Durchsetzungsvermögen und Führungsstärke immer wichtiger wird - erfreulich gute Chancen haben zu gewinnen. Und, wie man an Kiel sieht, ist dies auch nicht nur auf das Hamburger Umland beschränkt."

Susanne Gaschke, 45, und Urte Steinberg, 54, haben mit ihren kommunikativen Fähigkeiten klare Erfolge erzielt. Gaschke bekam in Kiel 54,09 Prozent der Stimmen, Steinberg in Pinneberg sogar satte 57,5 Prozent. Die neue Bürgermeisterin sagt: "Ob wir etwas besser machen, kann ich nicht sagen." Fest stehe, dass generell mehr Frauen der Generationen der 40- bis 55-Jährigen Führungsverantwortung übernehmen wollten, ob in der Politik oder in der Wirtschaft. Angetreten war Urte Steinberg bei der Bürgermeisterwahl gegen zwei Frauen - und nur einen Mann.

In Pinnebergs Nachbarkommune Rellingen folgte die parteilose Anja Radtke, 48, im Jahr 2010 dem heutigen Landrat Oliver Scholz, CDU, als Bürgermeisterin nach. In Uetersen regiert seit 2009 die 54 Jahre alte SPD-Frau Andrea Hansen, in der Stadt Schenefeld seit 2005 deren Genossin Christiane Küchenhof, 44. In Halstenbek haben die Bürger soeben Linda Hoß-Rickmann, 59, zum zweiten Mal ins Amt gewählt. Sie setzte sich gegen eine Herausforderin durch. Männliche Bewerber gab es nicht.

Dienstälteste hauptamtliche Bürgermeisterin im Kreis Pinneberg ist Brigitte Fronzek. Die heute 60 Jahre alte Juristin mit SPD-Parteibuch leitet seit 1996 die Geschicke der Verwaltung von Elmshorn, mit fast 50 000 Einwohnern die größte Stadt des Kreises. Die Gruppe der Bürgermeisterinnen gilt als untereinander gut vernetzt. Es gibt einen regen Austausch, erfolgreiche Wahlkampfstrategien wurden von anderen Frauen übernommen.

Und was sagen die Männer zur Frauenpower? In Tornesch, wo annähernd 60 Prozent der Rathausmitarbeiter weiblich sind, sitzt der dienstälteste Bürgermeister des Kreises Pinneberg. Roland Krügel, 60, leitet seit 26 Jahren die Verwaltung. "Ich stehe unter Artenschutz", sagt Krügel lachend. Als er angefangen habe, sei die Ratsversammlung eine reine Männerrunde gewesen, so der CDU-Politiker. Diese Zeiten wünscht sich Krügel nicht zurück: "Ich arbeite gerne mit Frauen zusammen, es ist ein angenehmerer Umgang." Der Pinneberger SPD-Vorsitzende Herbert Hoffmann, 65, der während seiner jahrzehntelangen politischen Arbeit zunächst drei Männer und dann Kristin Alheit als Verwaltungschefin erlebt hat, bescheinigt Frauen besondere Fähigkeiten. "Sie gehen anders an die Dinge heran, versuchen, möglichst viele Menschen mitzunehmen." Es falle ihnen einfach leichter, auf andere zuzugehen.

Dass es trotz solcher Lobeshymnen immer noch zu wenig Frauen in Führungspositionen gibt, ist unbestritten. Die Faktenlage ist eindeutig - zumindest in der Privatwirtschaft. Seit 2011 gibt es den Women-on-board-Index, der mit Unterstützung des Bundesfamilienministeriums misst, wie viele Frauen in den Aufsichtsräten und in den Vorständen der börsennotierten Unternehmen sitzen. Mit Stand im Mai 2012 waren 224 von insgesamt 1625 Aufsichtsratsmitgliedern weiblich. Das entspricht einem Anteil von nur 13,78 Prozent. In den Vorständen - also dort, wo die eigentlichen unternehmerischen Entscheidungen getroffen werden - sieht es noch viel schlechter aus. Von 655 Vorstandsmitgliedern sind 24 weiblich. Das sind gerade einmal 3,66 Prozent.

Für die Leitungspositionen in öffentlichen Verwaltungen gibt es einen solchen Index nicht. Ein Blick auf die Mitgliederliste der Vereinigung der hauptamtlichen Bürgermeister und Landräte in Schleswig-Holstein zeigt allerdings, dass dort nur neun von 49 Verwaltungschefs einen weiblichen Vornamen tragen. Aber das ändert sich nun ja. Susanne Gaschke könnte demnächst der Vereinigung beitreten, Urte Steinberg ebenfalls. Dann wären es elf von 51.