Manaus

Umweltschädliche Wasserkraft

Staudämme zur Stromgewinnung zerstören den Amazonas, kritisieren Forscher

Manaus. Strom durch Wasserkraft gilt als umweltfreundlich. Im Amazonasbecken ist allerdings der Bau von gleich 428 Staudämmen geplant. 140 davon sind bereits im Bau oder fertig, wie Forscher von der University of Texas im Journal "Nature" berichten. Sie könnten den Transport von Sediment und Nährstoffen aufhalten und das regionale Klima verändern – mit Folgen für die große Zahl an Lebewesen der Region.

Das internationale Forscherteam um Edgardo Latrubesse bestimmte für komplette Flussläufe einen sogenannten Dam Environmental Vulnerability Index (DEVI). Er gibt auf einer Skala von 0 bis 100 die Verletzlichkeit eines Gebietes gegenüber Faktoren wie Erosion, Verschmutzung, gestopptem Sedimenttransport und generellen Veränderungen des Flusssystems an. Als besonders verletzlich wurden der Marañón (DEVI: 72) und der Ucayali (DEVI: 61) eingestuft, die beiden Quellflüsse des Amazonas. Am Marañón seien 104, am Ucayali 47 Dämme geplant oder bereits gebaut. Neben der Fließdynamik werde in den Flussbecken weiträumig die Bildung von Altwasserarmen und Verzweigungen verändert, die jahreszeitlichen Schwankungen und die Ablagerung von Sediment in den Überschwemmungsebenen verringerten sich. Dies wiederum gehe mit Risiken für Tausende Arten von Fischen, Vögeln und Bäumen einher, aber auch für die Bauern, die das Schwemmland bewirtschaften.

Einen Risikowert von 80 ordnen die Forscher dem Fluss Madeira zu, der rund die Hälfte des gesamten Sediments im Amazonas-System aus Bolivien und Peru einbringt und dessen Vielfalt an Fischen derzeit noch immens ist. Zwei gewaltige Dämme – die Wasserkraftwerke Jirau und Santo Antônio – seien hier bereits entstanden, was zu einem etwa 20-prozentigen Rückgang der mittleren Sedimentkonzentration im Fluss geführt habe. "Wir zerstören massiv unsere natürlichen Ressourcen, und die Zeit drängt, rationale Alternativen zu finden für eine Bewahrung der Vielfalt und eine nachhaltige Entwicklung", sagt Latrubesse. In Peru beispielsweise habe auch die Wind- und Solarenergie sowie die Geothermie Potenzial, in Brasilien gehe derzeit noch etwa ein Fünftel des erzeugten Stroms beim Transport verloren.

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