Berlin

Was können Bremsassistenten in Lkw?

Hochtechnologie könnte das Fahrzeug beim Terroranschlag in Berlin zum Stehen gebracht haben. Doch in der Logistikbranche gibt es Zweifel

Berlin. Moderne Lastkraftwagen sind ausgestattet mit vielen elektronischen Assistenzsystemen, die für mehr Sicherheit auf der Straße sorgen sollen. Sie werden unterstützt von Sensoren, Radar oder Kameras. Ob ein Notbremssystem auch Anis Amris Terrorfahrt auf dem Berliner Weihnachtsmarkt gestoppt und damit den Tod weiterer Menschen verhindert hat, ist in Kreisen der Logistikbranche umstritten.

Karlheinz Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), hat Zweifel: "Ich habe mir Luftaufnahmen vom Tatort angesehen. Dass allein das Bremssystem den LKW stoppte, halte ich nicht für plausibel. Es spricht vieles dafür, dass der Motor des Fahrzeugs abgewürgt worden ist", sagte Schmidt dieser Redaktion.

Medienberichten zufolge war die Ermittlergruppe "City", die unter Leitung der Generalbundesanwaltschaft den Anschlag aufklären soll, zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Bremssystem den Truck nach etwa 70 Metern zum Halten brachte. Das System habe auf einen Aufprall reagiert. Am Donnerstagnachmittag bekräftige die Bundesanwaltschaft die Annahme, ohne weitere Details zu nennen.

Alle neuen LKW über acht Tonnen, die in der Europäischen Union zugelassen werden wollen, müssen seit November 2015 laut EU-Verordnung mit einem sogenannten Advanced Emergency Braking System (AEBS) ausgerüstet sein. Ab 2018 gilt dies auch für neue Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen.

Das System gehört zu den elektronischen Fahrassistenten und soll nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht eine drohende Kollision mit einem vorausfahrenden Fahrzeug oder einem stehenden Hindernis verhindern oder die Folgen reduzieren. Die fortschrittlichsten Systeme könnten nach einem Aufprall auch eine Vollbremsung einleiten und sogar Fußgänger erkennen. Laut Berechnung des BGL dürften in etwa sechs Jahren alle schweren Lastkraftwagen mit Ausnahme weniger Spezialnutzfahrzeuge auf Deutschlands Straßen mit AEBS ausgerüstet sein.

Der vom Terrorist Anis Amri vor dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz entführte LKW soll bereits mit moderner Bremstechnik ausgestattet gewesen sein. Laut BGL-Geschäftsführer Karlheinz Schmidt könnte aber eher eine Kombination aus Technik und Unkenntnis des fahrenden Täters den Halt des Fahrzeugs erklären.

Formel "Mensch vor Technik" gerät unter Druck

"Nach einem Beschluss des Wiener Weltabkommens über den Straßenverkehr muss der Fahrer immer Herr des Geschehens bleiben. Das bedeutet, dass alle Assistenzsysteme jederzeit ausschaltbar oder vom Mensch übersteuerbar sein müssen", erklärte Schmidt. Um die Technik abzuschalten, reiche mitunter ein Gegenlenken oder ein Tritt aufs Gaspedal. Zudem bedeute eine Bremsung nicht zwangsläufig, dass der Motor abgeschaltet werde, begründete Schmidt seine Zweifel.

Die Formel "Mensch vor Technik" hält der Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung für richtig, gleichwohl gerät diese internationale Übereinkunft aus dem Jahr 1968 angesichts neuester Entwicklungen mit dem Ziel des automatisierten Fahrens unter Druck. In den USA zum Beispiel hoffen einige Firmen der Transportbranche, schon in wenigen Jahren mithilfe von Rundumkameras, Sensoren, Spurwechselassistenten und anderen Technologien den Fahrer mehr oder weniger überflüssig zu machen. Er soll zwar noch im Fahrerhaus anwesend sein, aber eigentlich nicht mehr eingreifen. Die Technik habe das Potenzial, Geld sowie Energie einzusparen und die Sicherheit zu erhöhen.

Auch ein deutscher Hersteller experimentiert bereits mit selbstfahrenden LKW. Daimler nennt das System "Highway Pilot" und hat für Tests mit einem Prototypen eine Sondergenehmigung. Die Teilautomatik hat dem Unternehmen zufolge vor allem den Vorteil, Unfälle durch Übermüdung zu vermeiden. Spurwechsel, Überholmanöver oder selbstständiges Navigieren durch die City beherrsche der Highway Pilot aber noch nicht.

Was den Schutz vor Terroranschlägen mit gekaperten LKW betrifft, hält Karlheinz Schmidt vom BGL das Nachdenken über weitere Sicherungssysteme für überflüssig. Es sei nicht zu verhindern, einen Lastkraftwagen auch als Waffe einzusetzen.

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