18.02.13

Ernährung

Allergie gegen Fleisch: Wenn ein Steak zur Gefahr wird

Eine neue Allergie richtet sich gegen das rote Fleisch von Säugetieren. Dabei könnten Zeckenstiche als Auslöser eine Rolle spielen.

Von Cornelia Werner
Foto: siehe Caption
Bei einer Allergie gegen rotes Fleisch kann ein Steak Bauchschmerzen und Atembeschwerden auslösen Ahlf
Bei einer Allergie gegen rotes Fleisch kann ein Steak Bauchschmerzen und Atembeschwerden auslösen Ahlf

Hamburg. Rinderbraten, Schweineschnitzel, Lammfilet - Fleisch gehört zu den Lieblingsspeisen der Deutschen. Laut dem jüngnsten Fleischatlas verzehrt jeder Deutsche rund 60 Kilogramm pro Jahr. Doch der Genuss kann für viele zur Gefahr werden, wenn sie eine Allergie gegen diese Speisen entwickeln. Seit einigen Jahren mehren sich die Hinweise, dass es einen neuen Typ von Fleischallergien gibt - und dabei womöglich auch Zeckenstiche eine Rolle spielen.

"Da die allergische Reaktion anders als bei anderen Nahrungsmittelallergien nicht sofort, sondern oft erst Stunden später auftritt, wissen aber viele Betroffene davon nichts", sagt Prof. Uta Jappe, Leiterin der Forschungsgruppe Klinische und Molekulare Allergologie am Forschungszentrum Borstel.Typisch für diese Allergie ist, dass die Patienten nach einer abendlichen Fleischmahlzeit nachts aufwachen, unter Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen oder sogar Atembeschwerden leiden. "Wenn dann der Notarzt gerufen wird, stellt er fest, dass es sich um eine schwere allergische Reaktion handelt, aber der Auslöser, den man ja eigentlich im zeitlichen Intervall von bis zu 30 Minuten vermutet, wird nicht wahrgenommen", sagt die Allergologin, die auch Oberärztin an der Hautklinik des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, ist.

Ein weiteres besonderes Merkmal: Die Allergie tritt erst bei Erwachsenen auf, die bis dahin Fleisch gut vertragen haben. Sie richtet sich nur gegen rotes Fleisch von Säugetieren, also zum Beispiel von Rind, Schwein oder Lamm, und gegen Innereien dieser Tiere. Dagegen werden Geflügel und Fisch gut vertragen.

Das Allergen, gegen das das Immunsystem der Betroffenen Sturm läuft, ist ein Zuckermolekül mit dem Namen Alpha-Gal. Es kommt in Geweben von allen Säugetieren vor, die keine höheren Primaten sind. Wie genau die allergische Reaktion im Körper des Patienten abläuft, ist noch nicht ganz klar. "Aber es gibt Hypothesen. So gibt es Hinweise darauf, dass Alpha-Gal auf bestimmten Eiweißen, zum Beispiel eines Typs von Immunglobulinen, bei Rindern vorkommt. Treffen diese Proteine im Organismus des Patienten auf Zellen, die auf ihrer Oberfläche IgE-Antikörper gegen Alpha-Gal tragen, kommt es zu einer Vernetzung dieser IgE-Antikörper auf den Zellen durch das Allergen. Sie führt dazu, dass die Zelle Botenstoffe, wie zum Beispiel das Histamin, freisetzt und damit die allergische Reaktion in Gang setzt", erklärt Jappe.

Aber einer solchen Allergie ist nicht leicht auf die Spur zu kommen, zumal es sich bei den meisten Allergenen um Proteine handelt. "Dass diese Zuckerstruktur eine Allergie auslöst, war uns nicht bekannt, bis wir eine Beziehung herstellen konnten zu einem Antikörper, der in der Therapie verwendet wird und ebenfalls Alpha-Gal enthält, das Cetuximab", sagt die Allergologin.

Ausgangspunkt der Überlegungen waren Beobachtungen von US-Forschern, die bei Patienten, die mit Cetuximab therapiert wurden, schwere allergische Reaktionen feststellten, obwohl sie das erste Mal damit behandelt wurden. "Aber eine Allergie ist so definiert, dass es eine Sensibilisierungsphase gibt. Bei einer allergischen Reaktion würde man erwarten, dass die Patienten vorher schon mal diesen Antikörper bekommen haben. Das war aber nicht der Fall. Also hat man sich gefragt: Was kann diese Patienten sensibilisiert haben?", berichtet Jappe. Bei ihrer Suche fanden die Forscher bei den Betroffenen auch Fleischallergien - und es stellte sich heraus, dass einige von ihnen starke Hautreaktionen nach Zeckenstichen gehabt hatten.

Besonders die Spezies Amblyomma Americana rückte in den Blickpunkt der Forscher. "Der Wissenschaftler Scott Commins von der Universität von Virginia beschrieb drei Fälle von Patienten, die nach einem Zeckenstich einen sehr starken Anstieg von gegen Alpha-Gal gerichteten IgE-Antikörpern gezeigt hatten und seitdem auch kein rotes Fleisch mehr vertrugen. Das sind Hinweise dafür, dass es über Zeckenstiche zu einer Sensibilisierung kommen könnte", sagt Jappe.

Ähnliche Fälle wurden in Australien beschrieben. "Auch in Deutschland scheint es solche Beobachtungen zu geben, vor allem im Süden, wo vermehrt Innereien verzehrt werden. Da wird jetzt verstärkt untersucht, ob diese Patienten Zeckenstiche hatten. Hier in Europa ist der Gemeine Holzbock (Ixodes Rizinus) eine Spezies, die am stärksten verbreitet ist und am ehesten dafür infrage kommt", sagt Jappe. Auch andere Sensibilisierungswege werden diskutiert, wie zum Beispiel Wurmerkrankungen oder der Befall mit Krätzemilben.

Um die Allergie gegen Alpha-Gal festzustellen, ist vor allem die Krankengeschichte des Patienten wichtig. "Wir können zwar mithilfe von Bluttests und einem Hauttest, dem sogenannten Prick-Test, eine Sensibilisierung feststellen, aber nur das Zusammenspiel von Krankengeschichte und diesen Befunden sagt uns, ob die Patienten auch wirklich eine echte Allergie haben", sagt Jappe. Denn es kann auch sein, dass der Patient trotz einer Sensibilisierung keinerlei Symptome zeigt. Jappe und ihre Kollegen im Forschungszentrum Borstel haben Bluttests im Hinblick auf die Empfindlichkeit und Spezifität verbessert und untersuchen jetzt die Bedeutung der Trägermoleküle des Alpha-Gal für die Auslösung dieser allergischen Reaktion.

Ein weiteres Problem: Ein herkömmlicher Fleischextrakt zeigt im Prick-Test keine eindeutige Reaktion. "Dann haben wir uns von den Patienten die zubereiteten Gerichte mitbringen lassen und einen sogenannten Prick-zu-Prick-Test durchgeführt. Dabei geht man mit der Lanzette zuerst in das Nahrungsmittel und dann in die Haut des Patienten. Bei einer Sensibilisierung sieht man dort nach 20 Minuten eine Quaddel. Mit herkömmlichen diagnostischen Maßnahmen sei diese Form der Fleischallergie schwer zu fassen.

"Ein letzter diagnostischer Schritt ist ein Provokationstest unter stationären Bedingungen, womit wir dann nachweisen können, ob die nächtlich auftretende Allergie wirklich auf den Genuss von Fleisch zurückzuführen ist", sagt die Allergologin.

Ist die Diagnose gestellt, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. "Wenn Patienten nicht zu sehr darunter leiden, würden wir ihnen empfehlen, das Allergen zu meiden. Man hat aber auch schon beobachtet, dass es bei der Fleischallergie Dosisabhängigkeiten gibt. Das heißt, wenn jemand vielleicht Innereien nicht verträgt, aber das dazugehörige Muskelfleisch, den Braten, durchaus essen kann, kann man mit dem Verzehr einer stufenweise gesteigerten Menge von Muskelfleisch noch einmal einen Provokationstest durchführen, um sicherzustellen, dass der Patient bis zu einem gewissen Grad das Fleisch gefahrlos essen kann, ohne dass er nachts schwere allergische Reaktionen entwickelt", erklärt Jappe.

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