07.11.12

Wahlen in den USA

Forschung: Wer wen warum wählt

Politische Wahlentscheidungen beruhen seltener auf Sachfragen als auf unbewussten und irrationalen Beweggründen, zeigen Studien.

Von Dörthe Saße
Foto: pa/dpa
Landtagswahl Schleswig-Holstein
Eine Frau beim Wählen - wem wir unsere Stimme geben, beruht laut Studien seltener auf Sachfragen

Wurden sie in den vergangenen Tagen und Wochen zur aktuellen Wahl befragt, begründeten die meisten US-Amerikaner ihre Entscheidung mit politischen Programmen oder der Person des Kandidaten. Doch sozialwissenschaftliche Studien zeigen, dass überraschend oft unbewusste Einflüsse das Wahlergebnis mit bestimmten. Oder die Menschen überhaupt erst zur Wahl motivierten.

Siegergefühle

Wer sich als Gewinner fühlt, geht eher zur Wahlurne als ein vermeintlicher Verlierer - und stimmt eher für den amtierenden Präsidenten, Senator oder Gouverneur. Dabei kann das Gefühl völlig unpolitische Gründe haben, etwa dass man Fan eines siegreichen Sportteams ist. Das belegt eine Studie der Stanford University von 2010: Wenn das favorisierte Basketball-Team in den zehn Tagen vor der Wahl gewonnen hatte, konnte der Amtsinhaber im Schnitt mit 1,6 Prozenten mehr Wählerstimmen rechnen als bei den anderen Wählergruppen. Der Effekt verstärkte sich noch bei besonders aktiven Sportfans.

Glaubensfragen

Wer allerdings an einen aktiven Gott glaubt, der den Lauf der Welt beeinflusst, bleibt am Wahltag eher zu Hause. Zur Abstimmung gehen aber solche Gläubigen, in deren Sicht Gott die Welt geschaffen hat und nun die Menschen ihr Schicksal selbst steuern lässt. Das belegt eine Studie texanischer Forscher aus dem Jahr 2008, veröffentlicht im Journal "Social Sciences Quarterly".

Soziale Netzwerke

Auch das Handeln des Freundeskreises entscheidet beim Gang zum Wahllokal. Gezielt untersucht haben dies kalifornische Sozialforscher am Beispiel Facebook: Eine Erinnerung, zur Wahl zu gehen, motivierte 340 000 von 61 Millionen Facebook-Nutzer, berichteten sie im September 2012 im Fachblatt "Nature". Allerdings funktionierte das nur bei jenen, die gleichzeitig die Bilder von Facebook-Freunden sehen konnten, die bereits den "Ich habe gewählt"-Knopf gedrückt hatten. Damit bewies die Studie als erste, so die Wissenschaftler, dass Taten im sozialen Netzwerk tatsächlich auch Aktivitäten in der echten Welt beeinflussen - und dass auch hier sozialer Druck das Verhalten prägt. In den USA können Kampagnen, wählen zu gehen, im Schnitt ein bis acht Prozent zusätzliche Wähler motivieren.

Furcht und Wagnis

Für welche politische Richtung jemand stimmt, hängt offenbar auch mit seiner persönlichen Schreckhaftigkeit zusammen. Je mehr sich jemand von Angst einflößenden Bildern beeinflussen lässt, desto eher stimmt er für konservative politische Maßnahmen wie stärkere Regulierung oder höhere Militärausgaben. Das lässt eine Kleinstudie von Politikwissenschaftlern aus Nebraska vermuten (2008 im Fachblatt "Science" veröffentlicht). Dabei bekamen 46 Menschen mit unterschiedlichsten, aber sehr starken politischen Ansichten zahlreiche Bilder gezeigt - von Früchten und spielenden Kindern, aber auch von verängstigten Gesichtern, Spinnen oder Wunden voller Maden. Jene Probanden, die durch Erblassen und Blinzelhäufigkeit am meisten Angst zeigten, waren auch jene, die die Todesstrafe, Patriotismus und den Inhalt der Bibel unterstützten. Gleichzeitig waren sie eher gegen Dinge wie Pazifismus, Waffenverbote, Kompromisse und Abtreibungsrechte eingestellt.

Biologische Grundlagen

Der Aspekt der Schreckhaftigkeit scheint darauf hinzudeuten, dass die politische Neigung auch biologisch bedingt sein kann. Zwar scheint es klar, dass Kinder sehr von der Meinung im Elternhaus geprägt werden, auch in Sachen Politik. Doch eine Zwillingsstudie aus dem Jahr 2008 zeigt, dass beim Wählen offenbar auch die Vererbung eine sehr gewichtige Rolle spielt. Kalifornische Sozialforscher analysierten das Wahlverhalten von eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren in insgesamt acht regionalen und nationalen Wahlen zwischen 2000 und 2005. Es zeigte sich, dass der unerwartet große Anteil von 53 Prozent der Wahlentscheidungen durch die Gene geprägt war. Eineiige Zwillinge wählten deutlich identischer.

Abstraktes Denken

Für eine angeborene Tendenz spricht auch eine aktuelle Studie der University of Illinois: Wer abstrakt denken kann, neigt demnach weniger zu extremen politischen Ansichten. Allerdings lässt sich dies auch später beeinflussen: Nachdem Menschen drei "Warum"-Fragen zu einem völlig anderen Thema beantwortet hatten, waren ihre politischen Ansichten durchweg etwas moderater geworden. Die Psychologen berichten dies im Fachblatt "Social Psychological and Personality Science", am Beispiel der polarisierenden Debatte über eine Moschee, die nahe der Einsturzstelle des New Yorker World Trade Centers gebaut werden sollte. Die "Warum"-Fragen verleiten offenbar dazu, im großen Ganzen zu denken und andere Sichtweisen zuzulassen, so die Forscher. Anders als nach "Wie"-Fragen, bewegten sich konservative und liberale Probanden nach "Warum"-Fragen in der Meinung aufeinander zu.

Konzentriertes Lesen

Denselben Effekt hat sogar der Einsatz schwer zu lesender Schriftarten: Wenn Menschen sich beim Lesen politischer Argumente mehr konzentrieren müssen, um den Inhalt zu verstehen, werden sie moderater. Das gilt für ausgeprägte politische Meinungen ebenso wie für Vorurteile, zeigt eine zweite Untersuchung aus Illinois im "Journal of Experimental Social Psychology". Sie belegt, dass Menschen generell eine sogenannte Bestätigungsneigung haben: die Tendenz, nur solche Argumente zu sehen, die die eigene Meinung bestätigen. Sind Texte mit Argumenten leicht zu lesen, fällt auch das Ausblenden der anderen Meinungen offenbar leichter. Mussten sich die Probanden beim Lesen aber mehr anstrengen, konnten sie offenbar die eigene Position eher überdenken und die andere Seite etwas besser verstehen.

Testosteron und Libido

Ist die Wahl schließlich gelaufen, beeinflusst das Ergebnis wiederum Körper und Geist der Wähler. Das berichtet ein Forscherpaar aus New Jersey, das die Veränderung von Google-Suchanfragen nach pornografischen Begriffen nach den Präsidentschaftswahlen 2004 und 2008 ebenso wie nach Senats-, Kongress- und Gouverneurswahlen untersuchte. Das Ergebnis: In Bundesstaaten, die den Wahlgewinner unterstützt hatten, ging die Zahl der Suchanfragen deutlich in die Höhe - sowohl bei republikanischen als auch bei demokratischen Gewinnern. Unklar ist, ob der Effekt schlicht auf bessere Laune oder doch auf veränderte Libido zurückgeht, heißt es im Fachblatt "Evolution and Human Behavior". Eine Untersuchung an Männern, die 2008 für den unterlegenen John McCain gestimmt hatten, hatte gezeigt, dass ihr Testosteron-Spiegel am Abend nach der Wahl gesunken war, während er bei Obama-Wählern stabil blieb.

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