05.11.12

Wirtschaft

Jenseits des Wachstums - Transformation gefordert

Höher, schneller, weiter - so lautet das wirtschaftliche Dogma unserer Zeit. Das kann nicht mehr lange gut gehen, warnen Experten.

Von Angelika Hillmer
Foto: chromorange
Wachstum
Immer weiteres Wachstum anstreben - das kann nicht mehr lange gut gehen, warnen Experten

Hamburg. Das Wirtschaftswachstum hat die Hamburger Unternehmerfamilie Otto zur derzeit sechstreichsten im Land gemacht, doch schon vor Jahrzehnten erkannte der damalige Firmenchef Michael Otto die ökologischen Grenzen des Wachstums und führte ein konsequentes Umweltmanagement ein. Inzwischen wird immer deutlicher: Um die großen sozialen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen, die sich aus dem Bevölkerungswachstum, dem Konsum und der zunehmenden Mobilität ergeben, wird es nicht ausreichen, dass die Wirtschaft vermehrt darauf achtet, die Umwelt zu schonen, wenn sie trotzdem weiterhin auf Wachstum setzt. Vielmehr sei eine "große Transformation" gefragt, urteilten Experten bei den diesjährigen "Hamburger Gesprächen für Naturschutz", zu denen Michael Otto mit seiner Stiftung eingeladen hatte.

Einen Wandel in den Ausmaßen einer großen Transformation gab es erst zweimal in der Menschheitsgeschichte. Der Übergang von den Jägern und Sammlern zu einer sesshaften Agrargesellschaft markiert den ersten großen Entwicklungsschritt, die Industrialisierung den zweiten. "Wenn es unser Ziel ist, dass Mitte dieses Jahrhunderts neun Milliarden Menschen innerhalb des ökologischen Rahmens des Planeten in Wohlstand leben können, dann ist dies nur zu erreichen, wenn wir insgesamt Druck von unserem Planeten nehmen. Und das geht nur mit einer neuen großen Transformation", sagte Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Auch Dr. Reinhard Loske, der während der rot-grünen Regierung für die Grünen im Bundestag saß und anschließend von 2007 bis 2011 Bremer Umweltsenator war, brachte den Begriff ins Gespräch: "Die großen Transformationen der Vergangenheit entstanden nicht durch politische Beschlüsse." Es waren vielmehr Prozesse, die mit technischen Innovationen und neuen Lebensweisen einhergingen. Dabei gab es immer auch Rückschläge.

Loske hält es für einen großen Fehler, dass eine Abkehr vom Wachstumsdogma bislang meist nur mit Risiken verbunden werde. Immer wieder werde behauptet, ein Null- oder Minuswachstum gefährde Renten und Arbeitsplätze, die soziale Umverteilung und vieles mehr. Dabei könnten gerade die jüngeren Generationen mit einem gesellschaftlichen Wandel und mit Unsicherheit kreativ umgehen, sagte der promovierte Volkswirt.

Doch wie lässt sich eine solche Transformation anstoßen? Gefragt seien kulturelle, soziale, gesellschaftliche Innovationen, sagte Loske. Eine Initiative für eine grüne Wirtschaft, wie sie das Umweltprogramm der Vereinten Nationen 2008 angestoßen hat, reicht ihm nicht aus. Denn diese Initiative verharre im Streben nach Wachstum: "Die OECD hat daraus die Green Growth Strategy, die grüne Wachstumsstrategie gemacht. Und im Abschlussdokument des diesjährigen Erdgipfels Rio+20 heißt es, die grüne Ökonomie solle dazu beitragen, Armut zu bekämpfen, Wachstum zu fördern, die Umwelt zu erhalten und so weiter. Das ist der Ruf nach einer Eier legenden Wollmilchsau, die es bekanntlich nicht gibt."

Die Effizienzstrategie gilt heute als wichtigster Pfad zu einer zukunftsfähigeren Gesellschaft. Sie setzt auf technische Innovationen, doch die allein reichten nicht aus, sagte Schneidewind: "Die erzielten Einsparpotenziale pro Produkteinheit werden durch Wachstum überkompensiert. Beispiel: Der VW Beetle des Jahres 2005 hatte einen Motor, der zwei- bis dreimal so effizient ist wie sein uralter Vorgänger, der VW Käfer der 1950er-Jahre. Doch der Verbrauch beider Fahrzeugtypen ist derselbe, weil der Beetle-Motor eine weit höhere Leistung hat." Die Welt von morgen benötige "ein erweitertes Innovationsverständnis" sagte Schneidewind. "Systeminnovationen und sozialen Innovationen" komme dabei eine Schlüsselbedeutung zu.

Das Plädoyer für mehr soziale und institutionelle Innovationen sei keine Kampfansage an technologische Neuerungen, sagte Schneidewind. Beides müsse klug miteinander kombiniert werden. Beispiel Carsharing: Natürlich macht es Sinn, die soziale Innovation, ein Auto gemeinschaftlich zu nutzen, mit möglichst effizienten Fahrzeugen zu kombinieren. Systeminnovationen (auch institutionelle Innovationen) sind beispielsweise Regionen, die ihre Versorgung komplett auf erneuerbare Energieträger umstellen wollen. Auch dies geht Hand in Hand mit technischen Innovationen. Weltweit engagieren sich inzwischen "Transition towns" (Städte im Wandel) für neue urbane Lebensformen. Bestandteile solcher Initiativen sind etwa Gemeinschaftsgärten (urban Gardening), Umsonst-Kaufhäuser, Recycling-Börse und gemeinschaftliche Wohnformen; die beteiligten Menschen teilen sich teure Werkzeuge, Bücher und vieles mehr. Alle Initiativen haben eines gemein: Sie kommen ohne oder mit ganz wenig Geld aus, sie drosseln den Konsum auf das notwenige Maß und setzen stattdessen lieber auf Gemeinschaft. So werde "wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Problemen durch einen freudvollen Wandel (Transition) begegnet", heißt es auf der Website des Transition Netzwerks Hamburg.

"Alle, die etwas tun wollen, sollen Räume bekommen", forderte Reinhard Loske. Die Politik könnte den neuen Lebensstil wirkungsvoll unterstützen, etwa indem Städte Parkplätze nur für Carsharing-Fahrzeuge schaffen. Als zweites Beispiel nannte er die Bauteilbörse Bremen: Als Erste ihrer Art in Deutschland rettet sie funktionstüchtige Zimmer- und Haustüren, Fenster, komplette Treppen, Sanitärgegenstände, Zäune, Fliesen vor der Sperrmüll- oder Bauschuttabfuhr. Die teils aufgearbeiteten Bauteile werden im Internet angeboten. Loske: "Die Bandbreite der Kunden reicht vom Hartz-IV-Empfänger bis zu reichen Menschen, die auf der Suche nach Originalität sind. Ich könnte mir vorstellen, dass Städte es zukünftig zur Auflage machen, dass vor jedem Abbruch eines Gebäude eine örtliche Bauteilbörse einzubeziehen ist."

Natürlich seien all diese Beispiele bislang nur kleine Nischen, sagte Uwe Schneidewind. "Aber sie bieten den Boden, auf dem politische Programme aufbauen können. Auch die erneuerbaren Energien waren vor 20 Jahren nur eine Nische."

Wie die Euro-Krisenländer wirtschaftlich dastehen
Wie die Euro-Krisenländer wirtschaftlich dastehen
Die Wirtschaft der Euro-Zone ist im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft. Die Schuldenkrise setzt vor allem den Krisenländern Griechenland, Spanien, Italien, Portugal, Irland und Zypern zu. Die Entwicklung in diesen Staaten wird maßgeblich dafür sein, ob die Krise der Währungsunion ein Ende findet oder sich verschärft. Nachfolgend ein Überblick, wie sich die Sorgenländer im Frühjahr geschlagen haben und wie ihre Aussichten sind.
Griechenland:
Das Land kämpft immer noch gegen die Staatspleite. Es hängt am Finanztropf vom Internationalen Währungsfonds und seiner Euro-Partner. Zugang zum Kapitalmarkt hat Griechenland derzeit nur über den Verkauf von Dreimonatspapieren. Wegen der drohenden Zahlungsunfähigkeit sind Investoren nicht bereit, dem Land für längere Zeit Geld zu leihen. Die mittelfristigen Aussichten für die Konjunktur sind alles andere als rosig – nicht zuletzt wegen des Sparkurses.
Griechenland steuert in voller Fahrt auf sein fünftes Rezessionsjahr in Folge zu. Die Wirtschaft schrumpfte zwischen April und Juni um 6,2 Prozent zum Vorjahresquartal. Optimisten werteten dabei als Hoffnungsschimmer, dass sich die Talfahrt immerhin nicht weiter beschleunigte. Anfang des Jahres war die Konjunktur sogar um 6,5 Prozent eingebrochen. Regierungschef Antonis Samaras hatte jüngst angekündigt, die Wirtschaft könnte 2012 um mehr als sieben Prozent schrumpfen.
Spanien:
Das Land taumelt immer tiefer in die Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Frühjahr um 0,4 Prozent und damit bereits drei Quartale in Folge. Der Konjunktureinbruch treibt die Arbeitslosigkeit zudem auf den höchsten Stand seit Einführung der Statistik 1976: Die Arbeitslosenquote kletterte im zweiten Quartal auf 24,6 Prozent.
Nach dem Konjunktureinbruch zum Ende des Immobilienbooms 2008 ächzt das Land inzwischen unter der Schuldenkrise und dem mangelnden Vertrauen der Finanzmärkte. Für seinen maroden Bankensektor bekam Spanien von seinen Euro-Partnern schon Finanzhilfen von bis zu 100 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Die hohen Kosten für die Staatsfinanzierung schüren aber Sorgen, dass das Land als Ganzes unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen muss. Die Regierung um Ministerpräsident Mariano Rajoy stemmt sich mit einem harten Sparkurs über 65 Milliarden Euro dagegen.
Italien:
Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone schrumpfte im Frühjahr bereits das vierte Quartal in Folge: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel um 0,7 Prozent zum Jahresanfang. Der Industrieverband Confindustria befürchtet für 2012 sogar ein Minus von 2,4 Prozent – das wäre doppelt so viel wie von der Regierung prognostiziert.
Für das nächste Jahr sind die Aussichten schon deutlich besser. Die EU-Kommission sagt ein BIP-Wachstum von 0,4 Prozent voraus. Demnach dürfte sich das Staatsdefizit 2013 auf 1,1 Prozent halbieren, während der Schuldenberg trotz eines leichten Rückgang mit rund 122 Prozent der Wirtschaft extrem hoch bleibt.
Risiken für den Reformkurs allerdings birgt die Wahl im Frühjahr. Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi könnte auf die politische Bühne zurückkehren. Zuletzt war er mit eher eurokritischen Tönen aufgefallen.
Portugal:
Die Wirtschaft kommt nicht auf die Beine. Im Frühjahr sackte das BIP um 1,2 Prozent und damit noch deutlicher als befürchtet. Die Mitte-Rechts-Regierung in Lissabon erwartet für das Gesamtjahr 2012 sogar ein Minus von drei Prozent. Das wäre ein so großer Einbruch wie im Rezessionsjahr 2009, als die gesamte Euro-Wirtschaft nach der Lehman-Pleite mächtig Federn lassen musste. Der IWF und die Euroländer schnürten für Portugal bereits ein Rettungspaket über 78 Milliarden Euro.
Irland:
Auch Irland musste unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen. Allerdings gelten die Reformbemühungen des Landes als Beleg für eine erfolgreiche Krisenbekämpfung. Denn Irland feierte jüngst sein Comeback an den Kapitalmärkten und platzierte Staatsanleihen mit langen Laufzeiten von fünf und acht Jahren bei Investoren.
Auch konjunkturell läuft es für Irland deutlich besser als bei den meisten anderen Krisenstaaten. Die nationale Notenbank erhöhte ihre Wachstumsprognose für die irische Wirtschaft jüngst auf 0,7 Prozent für 2012.
Zypern:
Der Inselstaat hat bereits als fünftes Euro-Land Hilfen der europäischen Rettungsfonds beantragt. In die Misere geraten ist Zypern vor allem wegen seiner Banken, die eng mit griechischen Geldhäusern verbunden sind und hart vom Schuldenverzicht der privaten Gläubiger Griechenlands im Frühjahr getroffen wurden.
Konjunkturell beschleunigte sich die Talfahrt erneut: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal um 0,8 Prozent und damit zum vierten Mal hintereinander. (Reuters)
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top-Videos
Nationalmannschaft
Premiere für die Weltmeister

Vier Sterne auf der Brust: Die deutsche Nationalmannschaft tritt in Düsseldorf zu ihrem ersten Länderspiel als amtierender Weltmeister an.…mehr »

Top Bildergalerien mehr
Abschied

"Gorch Fock" zu neuer Fahrt gestartet

Ausbruch

Vulkan Bárdarbunga auf Island spuckt Lava

Handball

HSV verliert nach großem Kampf gegen Kiel

Tennis

US Open 2014 – die besten Bilder

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr