Kinesiologie

Orthopädische Tapes: Medizin von der Rolle

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Zahlreiche Sportler tragen sie inzwischen - was bringen die bei Olympia allgegenwärtigen Kinesio-Tapes den Wettkämpfern?

Hamburg. Kreischbunte Klebestreifen in Rosa oder Türkis - nicht nur bei den Olympischen Spielen in London, sondern schon bei der Fußballeuropameisterschaft prangten sie auf Rücken, Bauch oder Schenkeln der Sportler. Der Name der elastischen Bänder lautet Kinesio-Tapes; sie gehen auf den japanischen Chiropraktiker Kenzo Kase zurück, der sie vor 30 Jahren erfand. Vielseitige Wirkungen werden den Streifen zugeschrieben: Sie sollen Verspannungen lösen, Schmerzen lindern, die Körperwahrnehmung im Raum verbessern und dadurch die Leistung steigern. Mehrere Firmen bieten solche Produkte inzwischen an, teils mit der nicht unumstrittenen Aufforderung: "Tape dich selbst"! Was ist dran an dieser Art "Kriegsbeklebung"?

Kase's Originaltapes sind aus Baumwolle und werden mit einem Acrylkleber an der Haut befestigt; sie können nach Herstellerangaben drei bis fünf Tage haften bleiben. Der Japaner hatte seit den 1970er-Jahren nach etwas gesucht, das Gelenke und Muskeln unterstützen kann, diese aber bei der Bewegung nicht einschränkt. Andere Tapeverfahren waren ihm zu starr. Seine Idee: Die oberste Hautschicht von der darunterliegenden abheben, und dadurch die Durchblutung sowie den Lymphtransport im Gewebe verbessern. Die Bänder sollten ähnlich einer Massage wirken, und Kase dachte dabei an Patienten mit Schmerzen. Inzwischen sind seine Tapes auch in zugeschnittenen Varianten in den Läden der britischen Drogeriemarktkette Boots erhältlich.

Laut Prof. Klaus-Michael Braumann (Universität Hamburg) sind die Kinesio-Tapes eine Weiterentwicklung des schon seit vielen Jahren benutzten Tapings, bei dem Gelenke durch textile Bänder stabilisiert werden sollen. "Schon länger sieht man Sportler auch mit Bandagen oder Tapeverbänden um das Sprunggelenk oder um das Knie herumlaufen. Dabei geht es weniger darum, die Gelenke mechanisch zu stützen, sondern um eine Reizung und Sensibilisierung der Hautrezeptoren des Wahrnehmungssystems." Dadurch solle die Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Studien, beispielsweise bei Basketballspielern aus den USA, zeigten, dass das Verletzungsrisiko gesenkt werden könne. Doch wie funktioniert das?

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"In der Haut sitzen eine Vielzahl von kleinen Nervenendigungen, die zum sogenannten propriorezeptiven System gehören. Sie geben dem zentralen Nervensystem Auskunft über die Stellung der Extremitäten und der Gelenke, über die Anspannung der Muskeln - also über alles, was mit Bewegung zu tun hat", erklärt der Sportmediziner. Dann könne das Gehirn darauf reagieren und Befehle weitergeben. "Die Kinesio-Tapes reizen diese Nervenendigungen durch Druck oder Zug, und man geht davon aus, dass die Leistung des propriorezeptiven Systems und damit die Wahrnehmung von Bewegungen gesteigert werden kann." In wiefern die Kinesio-Tapes Schmerzen lindern könnten, darüber gebe es noch wenig Aussagen, sagt Braumann: "Man kann im Einzelfall sicher diskutieren, ob jedes Kinesio-Tape sinnhaft ist, aber es ist keine völlige Spökenkiekerei, wenn das ein Sportler macht."

Auch Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln nennt die Beeinflussung der Hautrezeptoren als Wirkweise der Tapes. "Klebt man sie beispielsweise auf die Sehne des großen Oberschenkelmuskels, so kann ich dadurch die Reaktion des Muskels verändern."

Angesichts der Olympiade in ihrem Land beschäftigen sich auch britische Medien mit dem Trend. Der Sportprofessor John Brewer von der Universität in Bedfordshire äußerte sich der Zeitung "The Guardian" gegenüber skeptisch. Einige Zuschreibungen über die Wirkweise seien nicht durch die Wissenschaft belegt; Brewer plädiert deshalb für mehr Studien.

In der Tat finden sich in den Datenbanken wenige bis keine aussagekräftige Studien mit einer relevant großen Teilnehmerzahl und Kontrollgruppen, was diese speziellen Tapes angeht. Brewer warnt davor, dass Menschen auch mit Verletzungen weitertrainieren könnten - weil sie sich durch die Tapes dazu ermutigt fühlen würden.

Das sieht der Bargteheider Physiotherapeut Ralph-E. Gericke ähnlich. "Von Werbesprüchen wie 'Tape dich selbst' halte ich gar nichts, das kann gefährlich werden. Wenn es um funktionelle Beschwerden geht, etwa eine Schulterproblematik, dann gehört das in die Hände von professionellen Therapeuten. Denn nicht immer ist die Ursache da, wo der Schmerz sitzt. Das muss abgeklärt werden."

Schmerzen an der Schulter könnten zum Beispiel von den Muskeln des Rückens oder von der Halswirbelsäule ausgehen. Seit 1999 arbeitete Gericke mit den Kinesio-Tapes, zunächst mit dem Original des Japaners, dann entwickelte er ein eigenes Produkt. Dieses Tape darf nur von Therapeuten erworben werden, die von seiner Firma ausgebildet wurden.

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Was den weit verbreiteten Gebrauch bei Olympia angeht, ist Gericke skeptisch. "Ein gesunder, 100 Prozent fitter Sportler muss sich nicht tapen. Ich glaube nicht, dass sich dadurch 100-prozentige Leistungsfähigkeit noch steigern lässt." Es sei etwas anderes, wenn jemand Beschwerden habe. "Dann helfen sie." Warum etwa die Beachvolleyballspielerin Katrin Holtwick blaue Streifen auf dem Bauch hatte bei einem Spiel, müsse der behandelnde Therapeut erklären. Die Wirkung der Tapes führt Gericke wie Braumann auf die Reizung von Rezeptoren der Haut zurück. "Und dass das zirkulatorische System, also der Blut- und Lymphfluss, angeregt wird, spürt jeder, der sich so ein Tape auf die Haut klebt."

Auch Froböse hält nichts von den Tapes als Selbsthilfe: "Für das Kleben sind gewisse anatomische Grundkenntnisse notwendig, und weil die Tapes unter Spannung aufklebt werden müssen, ist es bei manchen Körperregionen schwierig, dies selbst zu tun." Aus seiner Sicht machten sie auch nur aus therapeutischer Sicht Sinn, und nicht als Vorbeugung. "Was wir im Moment bei den Sportlern sehen, halte ich für übertrieben, fast jeder trägt jetzt so ein Tape. Die haben ja nicht alle Beschwerden!" Einige Anbieter hätten inzwischen 17, 18 Farben im Programm. "Manche Menschen schreiben diesen Farben unterschiedliche Wirkungen zu, da ist aber wohl eher der Glaube Vater oder die Hoffnung Mutter dieses Effekts."

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