Wissenschaft

Wie findet ein Pottwal andere Pottwale?

In Bremerhaven horchen Forscher per Satelliten-Übertragung weit in den Südpolar-Ozean hinein. Dabei entdecken sie täglich Neues.

Laut ist es hier an der Columbusstraße in Bremerhaven. Auf der vierspurigen Straße zwischen 70er-Jahre-Einkaufscenter und Museumshafen rauscht der Verkehr vorbei wie an einer Autobahn. Erst nachdem sich die Tür zum Alfred-Wegener-Institut wieder geschlossen hat, empfängt einen drinnen erholsame Stille. Eine Büste des Namensgebers steht dort im Foyer; der Polarforscher starb 1930 bei einer Grönland-Expedition. Sein Schlitten ist hier ausgestellt, ausgestopfte Robben und Pinguine, Figuren in dicken Überlebensanzügen. Neben den Exponaten wartet die Biologin Ilse van Opzeeland auf den Besucher. Die blonde Frau mit unverkennbar niederländischem Akzent ist in diesen Tagen eine gefragte Forscherin. Und das hat auch wieder etwas mit Stille zu tun. Oder mit Lärm, ganz wie man will.

900 Mitarbeiter arbeiten für das Institut, das sich mit Polar- und Meeresforschung beschäftigt. Die 31-Jährige gehört zu einer sechsköpfigen Forschergruppe, die jetzt neue Erkenntnisse über Paarung und Verbreitung von Meeressäugern wie Wale und Robben im Eis der Antarktis erforscht hat.

+++Hören Sie hier einige Geräusche+++

Etwa, dass manche Wale auch im tiefkalten Südwinter dort bleiben und nicht, wie bisher angenommen, mit den Artgenossen in wärmere Brutgebiete an die Küsten Afrikas oder Südamerikas ziehen. Beobachtet wurde dieses Verhalten noch nie, doch die Bremerhavener Wissenschaftler hörten genau hin: Mit Unterwassermikrofonen, die unter dem mächtigen Eisschild bis zu 200 Kilometer weit in den Südpolar-Ozean hineinlauschen. "Palaoa" heißt diese weltweit einmalige Horchstation, die nun ihren fünften Geburtstag feiert. Sie ist, wenn man so will, das Ohr des Instituts im ewigen Eis und steht auf einem etwa 100 Meter mächtigen Eisschild, der quasi auf dem Ozean schwimmt. Die Abkürzung steht für PerenniAL Acoustic Oberservatory in the Antarctic Ocean, der Name Palaoa ist aber auch das althawaiianische Wort für Wal.

Ilse van Opzeeland eilt durch die langen Gänge, an den Wänden hängen Karten, Fotos von Walen, Diagramme. Sie öffnet die Tür zu einem kleinen Büro: Zwischen Bücherregalen, Laptops und Computerbildschirmen fällt ein großer schwarzer Lautsprecher auf, der auf einer Art Dreibein hoch an die Decke ragt. Ein Knistern ist daraus zu hören, zartes Rauschen, dann wieder ein Schrammen, das lauter wird. Plötzlich scheint das Grollen eines beginnenden Gewitters den kleinen Raum zu erfüllen. Dann knackt es wieder nur. "Das waren eben wohl Eisschollen, die aufeinanderstoßen", sagt die Biologin.

In Echtzeit rauschen solche Geräusche via Satellitenleitung über die 15 000-Kilometer-Distanz. Vom Ekström-Schelfeis bis nach Bremerhaven. "Palaoa" ist dabei nicht viel größer als ein kleiner Container, ausgerüstet mit Solarpanel, Windgenerator und Methanol-Brennstoffzelle. Die Daten gelangen per WLAN zur deutschen Antarktis-Stadion "Neumayer III", die etwa 21 Kilometer entfernt weiter im Inneren des eisigen Kontinents steht. Von dort werden die Daten dann weitergesendet.

Ilse van Opzeeland schaltet auf ihrem Laptop zur Webcam ins Eis: Jetzt im Südsommer ist es klar und hell, die "Palaoa"-Box erscheint auf dem Bildschirm wie eine einsame Bushaltestelle im riesigen weißen Nichts. Zu dieser Jahreszeit ist das offene Wasser nur wenige Hundert Meter entfernt. Mit speziellen Heißwasserbohrern hatten die Forscher vier Löcher durch die eisigen Schichten gebohrt und vier Hydrofone bis ins Wasser hinabgelassen. Noch funktionieren zwei davon. Wie lange, ist ungewiss. Jeder größere Eisberg könnte dort Stücke des Schildes durch die Wucht des Aufpralls abreißen, und die Station würde als Passagier einer riesigen Scholle ins Meer hinaustreiben. "Wir hoffen aber, dass sie noch einige Zeit dort bleibt", sagt van Opzeeland.

Schon vor "Palaoa" hat es solche Lauschversuche von Wissenschaftlern gegeben. Die Hydrofone waren meist an Bojen befestigt, schwammen im Meer und hatten nur kurze Lebensdauer. Noch nie gab es daher eine solch lange Aufzeichnung wie jetzt mit der Box aus Bremerhaven, die ins Meer hineinhört: Bio-Akustik heißt der Forschungszweig. "Das Verhalten von Tieren lässt sich kaum besser und störungsfreier studieren", sagt die Biologin. Allerdings funktioniert das Horchen nur in der Stille der Antarktis so gut - weitab von Zivilisationen und Schifffahrtsrouten. Bis etwa in 200 Kilometer Entfernung können die Forscher so noch die Klick-Laute von Pottwalen identifizieren. Ilse van Opzeeland schaltet eine Hörprobe an: Ein "Klick, klick ..." ist ganz fein im leichten Grundrauschen auszumachen. "Das sind Ortungsgeräusche", sagt sie. Die Wale können sich so orientieren, etwa Fischschwärme als Beute ausmachen. "Das ist vergleichbar mit einem Echolot", sagt die Biologin und hört konzentriert hinein in die Welt der Wale. "Klick, klick ...", macht es mit einem leicht verzerrten Hall. Fast so wie in der Szene aus dem Film "Das Boot", als die deutsche U-Boot-Mannschaft mit angstschweißnassen Gesichtern Sonar-Geräusche der britischen Kriegsschiffe über sich hört, die ihre Röhre orten wollen. "Klick, klick ...", senden auch die Wale.

Fünf Jahre lang hat "Palaoa" jetzt das Leben im Eismeer aufgezeichnet. Nahezu ohne Unterbrechung, weltweit einmaliges Datenmaterial ist so entstanden. 10 000 Minuten davon hat Ilse van Opzeeland für ihre Doktorarbeit konzentriert mitgehört und ausgewertet. Immer die ersten zehn Minuten der ersten Stunde, alle fünf Tage. So ist praktisch ein exaktes Audio-Abbild des Lebens im Südpolarmeer entstanden. Ein "akustisches Ökosystem", wie sie sagt. Sie hörte Weddellrobben, Rossrobben oder auch Krabbenfresserrobben, Blauwale und Buckelwale oder auch Seeleoparden. Und immer mal wieder das gewaltige Donnern, wenn am Rand des Schilds ein Eisberg vorbeischrammt. Sie lässt noch einmal eine Hörprobe durch den Raum schallen: Das "Klick, klick ..." ist da wieder, mal auch das fast sphärische Schrillen von Robben. Laute aus einer anderen Welt. Und Laute, die die Biologin mittlerweile gut zu unterscheiden weiß. Noch lassen sich die Tierstimmen nicht einzelnen Individuen zuordnen. Aber Ilse van Opzeeland kann meist hören, was dort geschieht. "Social Sounds", so nennt die Wissenschaftlerin die Art der Kommunikation unter Meeressäugern. Oft geht es dabei um die Paarung. Robbenmännchen stoßen ihre Laute aus, "sie wollen dann zeigen, was für tolle Kerle sie sind", sagt sie und lacht. Verblüfft hat sie festgestellt, dass die Rufe der einen Art aufhören, wenn eine andere Art auftaucht. Das Erzeugen der Laute ist verdammt anstrengend für die Tiere, sagt sie. Ähnlich, als würde ein Mensch permanent lautstark schreien müssen. Sinn macht es daher nur, wenn man auch gehört wird und andere Arten nicht "dazwischenreden". Aber die Robbe, die lange und stark ihre Laute ausstößt, signalisiert auch, dass sie besonders fit oder eben attraktiv für einen potenziellen Partner ist.

Bei der Auswertung der Social Sounds und Ortungsrufe ergaben sich im Laufe des "Palaoa"-Projekts viele neue Erkenntnisse und Vermutungen über das Leben von Walen und Robben. So hatten Forscher schon früher beobachtet, dass offensichtlich nicht alle Wale im Südwinter an die wärmeren Küsten ziehen. Wo sie blieben, war aber bisher unbekannt. Jetzt weiß man aus den Horchstudien, dass manche tatsächlich im Polarmeer bleiben, wo sich die Eisfläche in den kalten Monaten mit Temperaturen um minus 50 Grad von vier Millionen Quadratkilometern im Sommer in eine gigantische Fläche von 20 Millionen Quadratkilometern im Winter ausdehnt. Viele Hundert Kilometer reicht dann das eisige Schild weiter ins Meer. Doch am Rand zwischen Eis und Antarktissockel bleiben auch Risse mit offenem Wasser, wo die Wale überwintern können. Vermutlich, so sagt die aus Groningen stammende Wissenschaftlerin, bleiben dort Weibchen, die zu schwach sind für die lange Reise nach Afrika. Etwa, wenn sie im Jahr zuvor Junge geboren haben und ihre Fettschicht noch nicht wieder dick genug für diese kraftraubende Tour ist. Die Kälte der Antarktis macht ihnen dagegen nichts aus.

Ilse van Opzeeland und ihre Kollegen entdeckten noch etwas anderes: Robben richten ihr Paarungsverhalten offenbar ganz exakt auf einen ganz bestimmten Zustand des Eises aus. Nahezu kalendergenau. So gebären Krabbenfresserrobben ihre Jungen um den Oktober herum auf eigenen Schollen im Packeis und stillen sie dort etwa zwei Wochen lang. Männliche Tiere besetzen diese Geburtsschollen dann schon in dieser Zeit. Sie versuchen quasi noch im Kreißsaal anzubändeln, wenn das Weibchen noch den Nachwuchs eines anderen betreut.

Sobald die Stillzeit vorbei ist, sendet das weibliche Tier über Hormone einen bestimmten Geruch aus, der seine Empfängnisbereitschaft signalisiert. Geburt und neue Befruchtung geschehen also unmittelbar hintereinander. Doch die Eizelle der weiblichen Robben verharrt anschließend lange in einer Art Pausenzustand, die eigentliche Schwangerschaft beginnt später - damit Dicke und Größe der Eisschollen im nächsten Oktober wieder ideal für eine Geburt sind. Ein neuer Kreislauf beginnt, von der Biologie vorbestimmt wie ein natürlicher Automatismus von Sex und Geburt. Und so scheinbar völlig anders als das so oft arg komplizierte Liebesleben der Menschen.

Oder doch nicht? Geht es auch uns vielleicht letztendlich nur darum zu zeigen, was für ein toller Kerl man ist oder wo man die beste Scholle für den Nachwuchs findet? Davon zumindest geht die Forscherin aus: "Ich persönlich glaube, dass auch das menschliche Verhalten durch ein biologisches Programm bestimmt ist - selbst wenn es uns so komplex erscheint." Aber auch für die Tiere sei ihr eigenes Verhalten vielschichtig. Die richtigen Partner und Futtergründe zu finden, abschätzen zu können, wann und wo das Eis die richtige Konsistenz für die Ruhezeit der Geburt aufweist: "Das alles ist eben auch furchtbar komplex."

Und über das alles wird im eisigen Wasser offenbar genauso viel geredet oder besser: gerufen, gesungen oder geschrien. Das so scheinbar stille Südpolarmeer ist in Wahrheit eben ein Ort vielfacher Kommunikation. Weit weg von den Menschen, die den Rest der Welt für sich erobert haben. Doch was geschieht, wenn immer mehr Kreuzfahrtschiffe kommen oder Trawler auf der Suche nach den letzten ausgiebigen Fischgründen? Wenn die reichen Rohstoffvorkommen des eisigen Kontinents doch zu sehr locken? Ilse van Opzeeland schweigt kurze Zeit nachdenklich. Aus dem Lautsprecher im Bremerhavener Institutsgebäude knirscht wieder ein schrammender Eisblock aus der fernen Welt. Wie sich insbesondere Schiffsschraubengeräusche auf die Verständigung der Meeressäuger auswirken, soll jetzt ein weiterer Schritt der Forschung sein. Die Frage ist dann: Was passiert, wenn sie zunehmen sollten und die Laute der Tiere überdröhnen? Wenn die Lärmverschmutzung der restlichen Welt auch in dieses eisige Paradies rund um "Palaoa" schwappt - was ist dann? "Man weiß es nicht genau, vielleicht emigrieren die Tiere schließlich", sagt die Forscherin.

Vielleicht verstummen sie aber auch. Weil es zu laut ist. So laut wie in der Menschenwelt.

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