Die große Verschwendung

Millionen Tonnen Lebensmittel landen allein in Deutschland alljährlich auf dem Müll

Hamburg. Der Journalist Valentin Thurn lud kürzlich zu einem besonderen Essen ein. Die Gäste ließen sich Salat und Fleisch schmecken, lobten den Pflaumenkuchen - und erfuhren zum Schluss, dass Thurn sämtliche Zutaten aus Müllcontainern gesammelt hatte. Mit der Einladung warb der engagierte Filmemacher für seine Dokumentation "Frisch auf dem Müll", die die ARD heute Abend ausstrahlt. Der Streifen beschäftigt sich mit einer unbequemen Wahrheit, zu der es kaum Fakten gibt: Riesige Mengen an unverdorbenen Lebensmitteln landen auf dem Müll.

Es könnte mehr als die Hälfte sein, behauptet der Film. Mindestens zehn Millionen Tonnen Nahrung gehen demnach allein in Deutschland verloren. Der erste Schwund entsteht bereits auf dem Acker: Feldfrüchte mit kleinen Macken, die weder der Handel noch die Verbraucher akzeptieren, bleiben liegen - bei Kartoffeln könne dies 40 bis 50 Prozent der Ernte ausmachen, sagt Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Landwirt und langjähriger Abgeordneter der Grünen im EU-Parlament. Weitere Verluste entstehen auf dem Transport und bei der Lagerung. Doch die ganz große Verschwendung geschieht in Supermärkten und auf Großmärkten, bei Lebensmittelverarbeitern und in der heimischen Küche.

Darüber, was tatsächlich auf der Strecke bleibt, wird in Deutschland nicht Buch geführt. Die amtlichen Lebensmittelkontrolleure prüfen das, was auf die Tisch kommt oder in den Ladenregalen liegt, die Menge der Lebensmittel, die beim Einzelhandel und in der Gastronomie in den Müllcontainern landen, erfahren sie nicht.

In Großbritannien wurde im Jahr 2008 zumindest erhoben, was in den Haushalten vernichtet wird, darunter 4,4 Millionen Äpfel, 2,8 Millionen Tomaten, 1,3 Millionen ungeöffnete Joghurts, 1,2 Millionen Würstchen. In der Summe zeigt die Studie im Auftrag mehrerer Lebensmittelketten, dass jeder Brite jährlich 70 Kilogramm Nahrung wegwirft. Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft in Wien kommt für die Österreicher auf 100 Kilo. Übertragen auf die 80 Millionen Deutschen würden demnach bis zu acht Millionen Tonnen Lebensmittel allein von hiesigen Haushalten vernichtet.

Die Welthungerhilfe schätzt, dass 20 Millionen Tonnen Nahrung in Deutschland im Abfall landen. "Es ist ein Skandal, dass knapp eine Milliarde Menschen hungern, obwohl genug Lebensmittel produziert werden", sagt Generalsekretär Wolfgang Jamann.

"In den Müll gehören Produkte, deren Mindesthaltbarkeit überschritten oder deren Verpackung beschädigt ist, denn die Lebensmittelwirtschaft muss jegliches gesundheitliche Risiko für die Konsumenten ausschließen", stellt Dr. Andrea Moritz vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde klar. In den Geschäften und Betrieben gelte die Regel: Es wird alles weggeworfen, das nicht "zweifelsfrei einwandfrei" ist. Moritz sieht Besserungsbedarf vor allem bei den Verbrauchern: "Sie zucken bereits zurück, wenn ein Lebensmittel nicht mehr so ansehnlich ist, auch wenn es gesundheitlich völlig unbedenklich ist. Wenn Obst eine kleine Macke hat, bleibt es liegen."

Oftmals mangele es am Wissen, so Moritz: "Ein Joghurt, der seit einem Tag abgelaufen ist, ist sicher nicht schlecht. Und eine überreife Banane eignet sich gut für Bananenmilch." Abfallexpertin Schneider rät: Bei vielen leicht überlagerten Produkten kann man sich auf Augen und Nase verlassen und das Nahrungsmittel ruhig essen, wenn es in Ordnung wirkt. Bei Fleisch, Fisch und Eiern sei allerdings generell höchste Vorsicht angebracht, so Schneider.

Überzogene Ansprüche der Verbraucher sind das eine, EU-Normen und Standards des Handels das andere. Sie sorgen zum einen dafür, dass nicht Normgerechtes vernichtet wird, weil es farblich, durch Größe oder Form nicht ins Raster passt. Zum anderen führt das große Angebot gerade bei Frischwaren dazu, dass ein Gutteil in den Regalen liegen bleibt und beseitigt wird, bevor es die Verkaufsoptik verdirbt.

Immerhin hat sich in Deutschland eine alternative Verwertungsschiene für unverdorbenen Supermarkt-Ausschuss etabliert, die Tafeln. Mehr als 870 solcher Initiativen mit insgesamt 40 000 Ehrenamtlichen sammeln bei Bäckereien, Fleischereien, Supermärkten, Restaurants und Betrieben überschüssige, aber unverdorbene Lebensmittel ein. "Uns unterstützen fast alle großen Lebensmittelketten", sagt Michael Draeke, Sprecher des Bundesverbands Deutsche Tafel. Meist würden frische Lebensmittel, die in den Geschäften und Kantinen einen hohen Durchlauf haben, gespendet: Obst und Gemüse, Brot- und Backwaren, Milchprodukte, seltener länger haltbare Lebensmittel wie Reis oder Nudeln.

Neben den Tafeln kann jeder Konsument der Verschwendung den Kampf ansagen. Indem er nur so viel kauft, wie er (ver)braucht, und Obst und Gemüse mit leichten Schönheitsfehlern bevorzugt. Er muss sich ja nicht gleich aus dem Müllcontainer ernähren.

Als Appetithappen für die ARD-Themenwoche "Essen ist Leben" (23.-29.10.) zeigt das Erste heute um 23.30 Uhr den Film "Frisch auf den Müll"