08.12.12

Fahrtraining

Auf nasser Piste den Ernstfall proben

Das ADAC Fahrsicherheitszentrum Hansa/Lüneburg bietet diverse Pkw-Trainings an. Das Hamburger Abendblatt war bei einem dabei.

Foto: Roland Magunia
Fahrsicherheit
Der Slalomparcours mit Wasserfontänen ist noch eine der leichteren Übungen beim "Pkw-Wild & Wetter-Training". Konzentration ist trotzdem angesagt

"Das war von einer Vollbremsung aber wirklich meilenweit entfernt, das Auto muss richtig zum Stillstand kommen. Und zwar möglichst schnell", hallt es durch den kleinen Funkempfänger, der auf dem Beifahrersitz meines Leihwagens, ein Citroën DS5, platziert ist. Die Stimme gehört Gernot Rothenberg. Er ist einer von 35 freiberuflichen Fahrtrainern, die im ADAC Fahrsicherheitszentrum Hansa/Lüneburg in Embsen (Niedersachsen), das größte dieser Art in Norddeutschland, diverse unterschiedliche Pkw-Trainings leiten. Heute ist er für das "Pkw-Wild & Wetter-Training" eingeteilt. Der 53-Jährige steht mit seinem Funkgerät einige Meter vom Fahrbahnrand entfernt und beobachtet das Geschehen. Seinem geschulten Auge entgeht nichts, diese Erfahrung wird der Abendblatt-Reporter während der gut sechsstündigen Einheit noch öfters machen. Zum Glück, denn am Ende des Tages habe ich einiges dazugelernt.

Auch den Mitstreitern, vier Frauen sowie vier Männern zwischen Ende 20 und jenseits des Renteneintrittsalters, die an dieser Präventivübung teilnehmen, ergeht es nicht anders. Sie wissen jetzt zum Beispiel um das optimale Lenkverhalten auf nass-rutschigem Untergrund, das Ausweichen bei Glätte oder das Bremsen bei Dunkelheit mit Blendwirkung.

Wir sind auf der 21 Hektar großen Anlage, die seit 2004 in Betrieb ist, nicht allein. Hier finden auf zwölf Trainingsflächen täglich bis zu 14 unterschiedliche Schulungen wie das Pkw-Intensiv-, Pkw-Perfektions- oder Pkw-Junge-Fahrer-Training statt, inklusive die Bereiche Motorrad und Nutzfahrzeuge. Heute ist auch die Bundeswehr vor Ort. Die Soldaten absolvieren ein Sicherheitstraining als Vorbereitung für ihren Einsatz in Afghanistan. Auch Zoll, Polizei, TÜV und Automobilhersteller gehören zur Kundschaft.

"17 Millionen Euro hat der ADAC für den Bau dieser Anlage investiert", sagt Bernd Beer, der Geschäftsführer des Fahrsicherheitszentrums. Von dem Trainingsangebot machen pro Jahr 23.000 Menschen Gebrauch. "Das Verhältnis von Männern zu Frauen liegt bei 60:40, aber es interessieren sich immer mehr Damen dafür", berichtet Beer.

Eine davon ist Kursteilnehmerin Karin, 64, aus Hamburg, die seit 43 Jahren unfallfrei unterwegs ist. Warum sie nach so langer Zeit hinterm Steuer ausgerechnet jetzt ihr erstes Sicherheitstraining absolviert? "Ich möchte wissen und vor allem üben, wie ich mich zu verhalten habe, wenn Wild über die Landstraße läuft. Davor habe ich immer Angst", sagt sie während der Vorstellungsrunde. Und weil die im ersten Stock des Multifunktionsgebäudes in so entspannter Atmosphäre abläuft, geht man schnell zum Du über. Auch gut: Bevor es auf die Piste geht, dürfen die Teilnehmer sich spezielle Situationen im Straßenverkehr zum Simulieren wünschen. Günther, 70-jähriger Fahrer eines 3er BMW, ist Wiederholungstäter und bereits zum siebten Mal dabei. "Um die Kenntnisse aufzufrischen", wie er sagt. Außerdem lasse sein Sehvermögen nach. Da sei es sinnvoll, einmal zu kontrollieren, wie schnell man noch reagieren könne.

Dazu hat er gleich beim ersten Modul Gelegenheit. Auf einer 100 Meter langen, mit Kunststoff beschichteten nassen Strecke gilt es, die im Abstand von 20 Metern per Knopfdruck erscheinenden Wasserfontänen zu umkurven. Erst mit Tempo 30, dann 40 und schließlich 50, ohne dabei die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren. Dieser Slalomparcours ist noch eine der leichteren Übungen, denke ich. Stimmt zwar, aber Fahrtrainer Rothenberg deckt jeden noch so kleinen Fehler auf. "Du musst weniger lenken. Und immer daran denken: Beide Hände gehören ans Lenkrad", gibt er mir über den Funkempfänger zu verstehen, während die anderen Teilnehmer mithören. Viele, die meinen, sie beherrschen das Einmaleins des Autofahrens, wurden hier schon eines Besseren belehrt. Das weiß auch Beer, früher selbst als Fahrtrainer aktiv: "Bei manchem routinierten Fahrer stellen sich mit der Zeit Nachlässigkeiten ein."

Diese sollte man sich im Ernstfall zwar nicht erlauben, bei der anschließenden Vollbremsübung sowie beim Bremslenkmanöver mit Wildwechsel zeigt sich aber: Auf Anhieb hundertprozentig meistert die Aufgabe zumindest in dieser Gruppe keiner. Auch hier kommen wieder Wasserfontänen, die zum Beispiel einen Hirsch simulieren, als Hindernis zum Einsatz. Und während Günther eine Pirouette dreht, bremse ich diesmal richtig und halte sogar die Spur. Nur an meiner Blickrichtung hat der Fahrtrainer noch etwas auszusetzen.

Um einen schnellen Lerneffekt zu erzielen und die Konzentration am Steuer hochzuhalten, bittet Rothenberg nach jeder Übung in einen kleinen Container. Dort werden Fehler angesprochen, Verbesserungsvorschläge gemacht, Lösungen von Problemen im Straßenverkehr am Flipchart skizziert und die nächsten Übungen erklärt.

Was viele Teilnehmer inklusive des Abendblatt-Reporters erstaunt, ihnen in einer Notsituation aber das Leben retten kann: Im Manöververgleich ist das Bremsen immer besser als das Ausweichen, weil die Geschwindigkeit bei einem Aufprall und das Verletzungsrisiko damit geringer ist. So weiß Karin jetzt, dass sie, wenn zum Beispiel ein Wildschein die Fahrbahn kreuzt, nicht eben mal ungebremst draufhält, wie sie es ausdrückt, sondern blitzschnell eine Vollbremsung einzuleiten hat.

Dann geht es weiter. Wir trainieren auf rutschigem Untergrund noch vier weitere Situationen, dazu zählt das Überholen bei Glätte, Bergauf- und Bergabfahren bei Regen mit und ohne elektronische Fahrhilfen. Zum Schluss, nach einer 45-minütigen Pause, fahren wir die große Runde bei ausgeschaltetem Anlagenlicht. Auf der langen Geraden hat Rothenberg inzwischen sein Auto entgegen unserer Fahrtrichtung abgestellt und das Fernlicht eingestellt: Jetzt heißt es Ausweichen und Bremsen bei Dunkelheit mit Blendwirkung. Dabei beschleunigt manch einer bis auf 100 km/h, bevor er in die Eisen geht. Und zumindest das Proben für den Ernstfall macht allen Spaß.

Knapp vier Stunden intensives Training auf der Strecke, zwischen den Übungen Theorie, schließlich eine große Abschlussbesprechung. Am Ende sind alle geschafft und sich einig: Der Lerneffekt ist enorm.

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