Experten rätseln: Autounfall oder doch Selbstmord?

HAMBURG. Fast jeder 20. Verkehrstote ist ein Selbstmörder. Wissenschaftler schätzen, daß sich hierzulande jedes Jahr knapp 200 Menschen absichtlich mit dem Auto zu Tode fahren. Die meisten steuern gegen ein festes Hindernis. Knapp 4500 Menschen starben im vergangenen Jahr mit einem motorisierten Fahrzeug im Straßenverkehr - für einige war es eine geplante Todesfahrt. "Nach Ergebnissen einer Studie der Weltgesundheitsorganisation kann man sagen, daß in Deutschland 1000 bis 1500 Verkehrsunfälle in suizidaler Absicht eingeleitet werden. Und man kann schätzen, daß etwa 200 Personen, die durch einen Verkehrsunfall ums Leben kommen, in Wirklichkeit Suizidenten sind", so Professor Armin Schmidtke, Selbstmordforscher an der Universität Würzburg.

Psychologen unterscheiden verschiedene Typen von Autofahrer-Suizidenten: Manche handeln aus einer Kurzschluß-Reaktion, andere planen lange im voraus. Ein dritter Typus spielt Russisch-Roulette und läßt es darauf ankommen: Schaffe ich die Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit - oder nicht? "Sogar erfahrene Polizeipraktiker haben in aller Regel Schwierigkeiten, zwischen einem "natürlichen" Verkehrsunfall und einem Autofahrer-Suizid zu unterscheiden", so der Kriminalist Stephan Harbort.

Typische Indizien für eine kalkulierte Todestour sind das Fahren ohne Gurt, das Fehlen von Bremsspuren oder eine vollkommen gerade Strecke als Unfallort. In den meisten Fällen führt die polizeiliche Untersuchung jedoch nicht zu einem eindeutigen Ergebnis - Abschiedsbriefe sind selten. Wissenschaftler können die Zahl der Autofahrer-Selbstmorde nur schätzen. Die meisten Studien der vergangenen Jahre gehen von einem Anteil zwischen einem und acht Prozent an den Unfalltoten aus, am häufigsten werden etwa fünf Prozent genannt.

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