Bildung

Schüleraustausch: Warum Gasteltern schwer zu finden sind

Junge Menschen zieht es zum Schüleraustausch vor allem in die USA – doch Organisationen bieten auch Länder in Asien oder Osteuropa an

Foto: AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.

Junge Menschen zieht es zum Schüleraustausch vor allem in die USA – doch Organisationen bieten auch Länder in Asien oder Osteuropa an

Steuergeschenke und Kampagnen sollen helfen, Gasteltern zu finden. Davon würden auch Hamburger Organisationen profitieren.

Hamburg/Berlin. Manchmal ist es so, dass sich die ganz großen Brüche unserer Zeit in einer kleinen politischen Randnotiz verstecken. Fast unbeachtet, in einem Antrag im Bundestag zum Beispiel. Heute werden ihn die Abgeordneten mit einer Mehrheit der Koalition beschließen. Die Fraktionen von Union und SPD wollen Gasteltern von Austauschschülern helfen, sogar Steuererleichterungen sind drin. Und sie wollen den Organisationen und ihren Tausenden Ehrenämtlern helfen, den über Jahrzehnte gewachsenen Austausch zwischen jungen Deutschen und Menschen aus dem Ausland auch in Zukunft zu erhalten. Denn ihre Arbeit ist nicht einfacher geworden. Dafür gibt es Gründe, für die eigentlich niemand wirklich etwas kann.

Die Jungen werden weniger, die Älteren mehr. Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt zu, die Single-Haushalte auch. Junge Menschen finden es schwierig genug, als Eltern zu funktionieren und gleichzeitig die Karriere nicht zu vernachlässigen. "Rushhour des Lebens" sagen manche dazu. Das Tempo an Schulen und Universitäten nimmt zu – der Freiraum für ein Jahr im Ausland wird damit weniger. Und die Moderne holt die "bürgerliche Familie" ein, in der ein Vater für das Geld sorgt und eine Mutter für das Kind.

Dieser Wandel von Demografie und Rollenbildern betrifft das deutsche Rentensystem und den Arbeitsmarkt, das sind die großen Debatten über Fachkräftemangel und Einwanderungsland. Er trifft aber auch das Ehrenamt – die Freiwillige Feuerwehr, Parteien, Sportvereine. Und den Jugendaustausch. Wo bleibt die Zeit, einen Menschen aus dem Ausland in seinen deutschen Alltag aufzunehmen?

Knut Möller ist Geschäftsführer von Youth For Understanding (YFU), ein Verein mit Sitz in Hamburg, der seit 1957 jährlich 1200 Jugendliche ins Ausland entsendet und 600 Jugendliche aus dem Ausland in Deutschland aufnimmt. Das hat lange gut funktioniert. Aber wer mit Menschen wie Möller spricht, hört eine Warnung: "Jugendaustausch und vor allem die einjährigen Austauschprogramme werden allzu oft als Einbahnstraße betrachtet." Heißt: Die Deutschen schicken ihre Kinder gern in die Ferne, am liebsten in die USA. "Jedes Jahr kommen aber auch Jugendliche aus mehr als 50 Ländern für ein Schuljahr nach Deutschland." Dafür suchen Vereine wie YFU nach Gastfamilien. Demografie und neue Lebensmodelle sind eine Herausforderung, die großen Debatten eben.

In dem Antrag von Union und SPD, der dem Abendblatt vorliegt, heißt es nun, dass die Bundesregierung die Möglichkeit prüfen solle, "Gastfamilien, die junge Menschen im Rahmen von Jugend- und Schüleraustauschprogrammen unentgeltlich aufnehmen, zu entlasten". Details über mögliche Entlastungen stehen nicht in dem Antrag. Dass er im Vagen bleibt, kritisiert auch die Opposition. Das Wort "Steuer" kommt nicht einmal vor. Und die Haushälter im Bund müssten diesen Vorschlag sowieso noch absegnen.

Ideen gibt es aber schon: Nach Informationen des Abendblatts werden etwa Modelle wie ein zusätzlicher Kinderfreibetrag für einen Gastschüler erwogen. Derzeit beträgt er 7008 Euro pro Jahr – Geld, das den Gastfamilien bei der Steuererklärung angerechnet werden könnte.

Die Parteien wollen mit Plakat-Kampagnen um Gasteltern werben

Zudem planen Union und SPD mit ihrem Antrag, die Gebühren für Visa im Rahmen eines Jugendaustauschs abzuschaffen, um die Mobilität junger Menschen zu erhöhen. Auch die Erteilung von Aufenthaltstiteln wollen die Koalitionäre erleichtern. Zwar bestünden bereits seit Jahren Sonderregelungen bei der Visavergabe für den Schüleraustausch, dennoch komme es immer wieder zu Schwierigkeiten bei der Erteilung von Einreisegenehmigungen, heißt es in dem Antrag. Wartezeiten in den deutschen Botschaften sollen verkürzt, Anträge vereinfacht werden.

Menschen wie Möller von YFU sehen im Jugendaustausch einen Grundstein einer "Willkommenskultur", die Deutschland erst langsam lernt. Er begrüßt deshalb den Vorstoß der Parteien. Das sei eine Ermutigung für die 4000 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Organisation in Deutschland.

Auch der Geschäftsführer von "AFS Internationale Begegnungen", Mick Petersmann, lobt die Initiative. Der Austauschverein mit Sitz in Hamburg hat seit Gründung in Deutschland 32.500 Schüler ins Ausland geschickt, 21.000 Menschen haben hier in Gastfamilien gelebt.

AFS und YFU sind im Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen organisiert. Auch in dem Verband stößt der Vorstoß auf Lob. Dabei hat es gedauert, bis sich die Abgeordneten im Bundestag einigen konnten. Schon in der vergangenen Legislatur starteten die Parteien einen Anlauf, doch die CDU wollte nicht mit den Linken einen gemeinsamen Antrag stellen. Und immer wieder kamen neue Forderungen der Parteien hinzu, etwa Erleichterungen auch für Au-Pairs. Schließlich starb das Projekt vorerst.

Nun aber kommt Bewegung in die Sache. Vor ein paar Wochen lud das Auswärtige Amt zum ersten Mal ehrenamtliche Gasteltern zu einer Würdigung nach Berlin ein. Gastfamilien würden "großartige Arbeit" leisten, sagt der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke. Das geschehe aber "weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit". So soll laut Antrag der Bund nun Geld beisteuern und den Organisationen auch bei der Werbung für Gastfamilien helfen – etwa durch eine bundesweite Plakat-Kampagne. Wie viel das sein wird, ist bisher unklar. 2500 Jugendliche kommen jedes Jahr nach Deutschland, leben in Familien, lernen die deutsche Sprache und Kultur. Eine kleine Zahl in der großen Debatte über Rente, Migration und Fachkräftemangel. Und doch, sagen sie bei YFU oder AFS, sei das ein wichtiger Schutz vor Fremdenhass. Und Werbung für den Standort Deutschland.

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