London . Der britische Premierminister versucht es bei seiner Europa-Tour diesmal mit Diplomatie

Seit Jahren redet David Cameron von Reformen in der EU, die er zum Wohle Großbritanniens, aber auch der gesamten Union durchsetzen will. In den fünf Jahren seiner ersten Amtszeit hat sich der Brite in Brüssel weitgehend unbeliebt gemacht. Als er den Fiskalpakt verhindern wollte, stand er am Ende alleine da. Als er Europa-Urgestein Jean-Claude Juncker als Präsident der EU-Kommission verhindern wollte, hielt ihm gerade noch Ungarn im Kreis der 28 Mitgliedsländer die Stange.

Diesmal will Cameron es mit mehr Diplomatie versuchen. Am Donnerstag ging der Chef der Downing Street auf Europa-Reise: die Niederlande, Frankreich, Polen und schließlich Berlin sind die Stationen. Großbritannien will vorfühlen, was geht in Europa. „Es wird viele Aufs und Abs geben“, hatte Cameron schon beim Gipfel in Riga orakelt. Was er eigentlich genau will, hat er bisher offen noch nicht gesagt.

Deutschland und Frankreich haben eigene Vorschläge unterbreitet

Dennoch stieß er zuletzt auf viel Verständnis in der EU. Sogar aus Österreich, wo Bundeskanzler Werner Faymann lange Zeit kein gutes Wort für den Kollegen von der Themse übrig hatte, kamen versöhnliche Töne. „Ich denke mir, dass es durchaus auch Vorschläge von Großbritannien geben wird, die vielleicht gute Ideen sind und die wir mit Freude aufnehmen“, sagte Außenminister Sebastian Kurz.

Wie Europa-Politik wirklich gemacht wird, haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident François Hollande Cameron unmittelbar vor Reiseantritt vor Augen geführt. Berlin und Paris haben ein Papier ausgearbeitet, in dem Regeln zum engeren Zusammenrücken der Euro-Länder aufgestellt werden. Regeln, die ohne Änderungen der EU-Verträge auskommen. Soll heißen: Camerons Plan, Vertragsänderungen zur Integration der Euro-Zone zu erlauben und als Kompensation Vertragsänderungen in eigener Sache zugestanden zu bekommen, geht nur schwer auf.

Das deutsch-französische Papier wurde ganz zufällig der französischen Zeitung „Le Monde“ zugespielt, die genüsslich Auszüge druckte. Vertreter des rechten Flügels in Camerons konservativer Partei auf der anderen Seite des Ärmelkanals schäumten vor Wut. „Natürlich brauchen wir Vertragsänderungen“ schnaubte der Tory-Abgeordnete Bernard Jenkin. Ein Sprecher der EU-Kommission lobte das Papier dagegen kurz nach der Veröffentlichung in „Le Monde“ über den grünen Klee.

Der Beitrag zur Entwicklung der Euro-Zone der Kommission sei „nützlich, aussagekräftig, wichtig, zentral“. Das sagte er zeitlich nicht weit entfernt von einem Treffen Camerons mit Jean-Claude Juncker im Rahmen von Camerons Charmeoffensive auf seinem Landsitz Chequers. Juncker bekam Schweinebauch und Frühlings­salat serviert und danach durfte der EU-Chef das Brandy-Glas von Winston Churchill betrachten. Anschließend ließ Juncker wissen, er werde sich für „einen fairen Deal“ für Großbritannien einsetzen.

Das kleine Beispiel für europäische Winkeldiplomatie, über die Bande der EU-Kommission gespielt, enthielt mehrere Botschaften. Eine davon war sicher: Kein Zweifel, die Achse Berlin– Paris in der EU ist stabil, an Merkel und Hollande kommt keiner vorbei. Die zweite: Für Cameron wird es extrem hart, wenn er Änderungen am EU-Vertragswerk durchsetzen will, etwa bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Das Papier zeige, schrieb „Le Monde“, „dass Frankreich und Deutschland nicht allzu viel gemeinsam haben mit Cameron“.

2017 sollen die Briten per Referendum über ihren EU-Verbleib entscheiden

Das setzt den Premier unter Zugzwang. Denn für Camerons Ziele – auch wenn er sie noch nicht genau benannt hat – braucht es Vertragsänderungen. „Er will Vertragsänderungen“, zitierte der „Daily Telegraph“ jüngst einen Sprecher der Downing Street. „Nach allem was er (Cameron) weiß, sind Vertragsänderungen nötig, etwa bezüglich einiger Veränderungen im Bereich Sozialleistungen.“ Cameron will sich nicht beirren lassen. „Das britische Volk ist nicht glücklich mit der EU“, gab er Juncker mit auf den Weg. Spätestens Ende 2017 müssen die Briten per Volksentscheid die Frage beantworten. „Soll Großbritannien ein Mitglied der Europäischen Union bleiben?“ Dass sie mit Ja antworten, ist derzeit längst nicht sicher.