23.11.12

SPD-Kanzlerkandidat

Peer Steinbrück und die Flucht nach vorn

Steinbrück räumt ungemütliche Wochen ein. Er träumt von einer großen Geschichte, doch das Hauptproblem bleibt: Angela Merkel.

Von Georg Ismar
Foto: dapd
Der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück
Der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück

Berlin. Dass er mal so die SPD loben würde, hätte Peer Steinbrück vor einiger Zeit wohl selbst nicht gedacht. Unvergessen, wie er von "Heulsusen" sprach und der Partei vorwarf, dass sie sich in Detaildebatten verbeiße, die die Öffentlichkeit interessierten "wie ablaufendes Badewasser". Nun aber ist er Kanzlerkandidat und statt vorwärts heißt es: Verteidigung. Seine Sicht habe sich in den acht Wochen seit seiner Ausrufung grundlegend verändert, berichtet Steinbrück am Donnerstagabend vor Journalisten im Willy-Brandt-Haus.

Es ist ein bemerkenswerter Auftritt, er redet frank und frei – in der Hoffnung, dass auch seine Sicht der Dinge noch durchdringen mag. Der 65-Jährige berichtet von Gerüchten, die gestreut würden, über Nachforschungen, ob er ungenutzte Mietwohnungen habe und ob er bei Vorträgen Fahrtkosten kassiert habe, obwohl er die Bahncard 100 für Abgeordnete nutzte. "Die Partei steht solidarisch an meiner Seite", freut er sich. In der Parteizentrale würden sie zu ihm sagen: "Wir passen schon auf, dass Du nicht kaputt geschossen wirst".

Wie kompliziert die Lage ist, zeigt ein kleines Detail des Krisenmanagements. Von den einflussreichen Parteivizes Hannelore Kraft (Nordrhein-Westfalen) und Olaf Scholz (Hamburg) waren zuletzt Solidaritätsadressen an Steinbrück vermisst worden. Ein Abrücken? Mitnichten, sagt dieser. Er habe mit beiden dies lange erörtert, aber zu viel Verteidigung könne auch eher schaden als nützen. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sieht den Kandidaten wegen dieser der Situation geschuldeten Solidarität als Geisel der SPD-Linken.

"Jede Frittenbude in Deutschland wird besser gemanagt als diese Energiewende", hatte Steinbrück Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch im Bundestag entgegen geschleudert. Aber ob das Management seiner Kandidatur zuletzt Frittenbuden-Niveau hatte, wird auch in der SPD von einigen bezweifelt. Steinbrück erklärt, dass er nach 19 Jahren in Kabinetten eigentlich eine andere Lebensplanung hatte und nicht gedacht habe, "nochmal im Schaufenster der SPD" zu stehen.

So begann er seine Nebentätigkeit als Vortragsreisender, schrieb eine Art politische Bilanz ("Unterm Strich") und verdiente weit über eine Million Euro. Er tat das, was viele frühere Spitzenpolitiker nach dem Ausscheiden aus der ersten Reihe tun: Geld verdienen.

Der bis 2011 nicht zu erwartende Rückruf führte dazu, dass nun alles an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Er hatte stets vor einer zu frühen Ausrufung gewarnt, weil er dann platt wie eine Flunder gemacht werde – und zwar nun über zwölf Monate statt über acht oder neun. Steinbrück wird gefragt, ob er Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier böse sei, dass er durch das Ausplaudern seines Verzichts die Kandidatur wie eine Lawine losgetreten habe? "Übel nehm ich ihm das nicht", antwortet der gebürtige Hamburger diplomatisch.

Er kritisiert vielmehr zum Teil "psychologisierende Formen" in der Berichterstattung – aber er habe nicht vor, eine politische Geschlechtsumwandlung vorzunehmen. "Sie brauchen häufig bei mir keinen Decoder". Die steigenden Mieten und die Verdrängung aus attraktiven Wohngegenden in den Städten entdeckt er verstärkt als sein Thema – einen großen Aufschlag dazu soll es bei der Rede des Kandidaten bei der "Krönungsmesse" am 9. Dezember in Hannover geben.

Nach dem Reinfall mit dem als Internet-Berater vorgesehenen Unternehmer, Kunstmäzen und Bestseller-Autor Roman Maria Koidl, der wegen Kritik an seiner früheren Hedgefonds-Tätigkeit entnervt hinwarf, scheint Steinbrück mit seinen offenherzigen Ausführungen eine Art Neustart einleiten zu wollen. Er räumt dosiert auch Fehler ein. Mit Blick auf das umstrittene Honorar von 25 000 Euro bei den Stadtwerken Bochum spricht er von fehlendem Fingerspitzengefühl.

Das Team für die politische Wahlkampfführung mit Generalsekretärin Andrea Nahles an der Spitze und ein Team mit Vertrauten arbeitet nun am Feinschliff. Steinbrück will neues ausprobieren. Das Großkundgebungsmodell "Einmarsch – Klatschmarsch – Frontalunterricht" habe sich etwas überlebt. Die Partei bindet seit Wochen die Bürger bereits beim Wahlprogramm ein, zudem könnte es wie bei Frankreichs Sozialisten Millionen Hausbesuche geben.

Der Neustart wird wesentlich vom Ausgang der Landtagswahl am 20. Januar in Niedersachsen abhängen. Reicht es für Rot-Grün, dürfte vieles, was jetzt im Fokus steht, passé sein. Aber das Hauptproblem bleibt: Angela Merkel. "Manchmal ist das Kurzzeitgedächtnis der größte Freund dieser Regierung" sagt Steinbrück mit Blick auf die Kanzlerin und Aussagen wie "Kein Cent für Griechenland". Sie habe die "glänzende Eigenschaft", so lange abzuwarten, bis klar ist, wohin der Wind weht. Man fühle sich mit ihr als Pilotin im Flugzeug sehr sicher. "Nur wo man landet, das weiß man nicht." Und wie will er sie packen? Mit einer Geschichte, die den Leuten klarmache, warum sie SPD wählen sollen. Diese Geschichte muss Steinbrück noch suchen. #

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