07.10.12

Syrien-Krise

Weitere Unruhen im türkisch-syrischen Grenzgebiet

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit wurde am Sonntag das türkische Grenzdorf Akcakale von Syrien aus beschossen. Das Militär erwiderte das Feuer.

Foto: DAPD
Turkey Syria
Menschen in Akcakale, Türkei, nach einem Granateneinschlag

Güvecci/Istanbul. Das türkisch-syrische Grenzgebiet kommt nicht zur Ruhe. Zum zweiten Mal binnen weniger Tage wurde am Sonntag das türkische Grenzdorf Akcakale von Syrien aus beschossen. Das Militär erwiderte das Feuer. Berichte über Opfer lagen nicht vor. Auch in Syrien hielt die Gewalt an: In Damaskus explodierte eine Autobombe nahe eines Polizeireviers, wie staatliche Medien und Oppositionelle berichteten. Die regierungskritische Beobachterstelle für Menschenrechte erklärte, Menschen seien ums Leben gekommen, nannte aber keine Details.

Am Mittwoch waren im türkischen Akcakale fünf Menschen durch Feuer aus Syrien ums Leben gekommen. Seitdem kam es entlang der Grenze täglich zu Scharmützeln, die Sorgen vor einer Ausweitung des Bürgerkrieges schüren. Beide Seiten zeigten sich am Wochenende bemüht, die Lage nicht eskalieren zu lassen. Der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan hatte allerdings am Freitag gewarnt, die beiden Nachbarn seien "nicht weit von einem Krieg entfernt".

In der Grenzregion halten sich syrische Rebellen auf, weshalb es auf syrischer Seite immer wieder zu Gefechten zwischen Aufständischen und Soldaten kommt. Bei dem Beschuss am Sonntag wurden dem Rundfunksender NTV zufolge Getreidespeicher mehrere Hundert Meter vom Zentrum Akcakales entfernt beschädigt. Die türkische Armee feuerte daraufhin auf die syrische Ortschaft Tel Abjad, wie die oppositionelle syrische Beobachterstelle für Menschenrechte mitteilte.

Syriens Präsident Baschar al-Assad versucht seit mehr als eineinhalb Jahren, einen Volksaufstand niederzuschlagen. Zehntausende Menschen sind getötet worden, Hunderttausende sind auf der Flucht. Am Samstag nahmen Rebellen nach Angaben von Augenzeugen einen strategisch wichtigen syrischen Grenz-Vorposten ein. Auch am Sonntag waren demnach noch Schüsse in dem Gebiet zu hören. Bei den Schießereien kamen laut Syrischer Beobachtungsstelle für Menschenrechte etwa 50 Menschen ums Leben. Unter ihnen seien 40 Regierungssoldaten, berichtete die in London ansässige oppositionelle Gruppe. Seit vier Tagen hätten in der Region schwere Kämpfe getobt, sagte ein Bewohner des türkischen Grenzortes Güvecci.

Der UN-Sicherheitsrat hatte den tödlichen Angriff auf das Grenzdorf Akcakale scharf verurteilt. Russland erhielt nach eigenen Angaben die Zusicherung Syriens, bei dem Beschuss habe es sich um einem tragischen Unfall gehandelt. Der Sender NTV berichtete, die syrische Artillerie sei seitdem angewiesen worden, im Kampf mit Rebellen nicht mehr nahe der Grenze zu feuern. Kampflugzeuge und Hubschrauber wurden angehalten, einen Abstand von mindestens zehn Kilometern zur Grenze einzuhalten. Von syrischer Seite wurde dies nicht bestätigt.

Die Türkei verfügt über ein wesentlich stärkeres Militär als Syrien. Beide Länder unterhielten einst enge Beziehungen. Das änderte sich jedoch, als die Regierung in Damaskus immer härter gegen ihre Gegner vorging. Erdogan ist inzwischen einer der schärfsten Kritiker von Präsident Baschar al-Assad. Die Türkei bietet ranghohen Rebellen Unterschlupf und hat fast 100.000 Flüchtlinge aufgenommen.

Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Seit Ausbruch der Gewalt in Syrien herrscht politische Eiszeit zwischen Damaskus und Ankara. Die Lage an der fast 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze ist bedrohlich eskaliert.
6. Juni 2011: Die ersten 100 Syrer retten sich aus der Provinz Idlib in die Türkei. In Ankara verspricht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später leben bereits mehr als 9000 Syrer in türkischen Lagern.
12. November 2011: Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus
16. März 2012: Ankara ruft türkische Staatsbürger auf, Syrien wegen der zunehmenden Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt die Türkei ihre Botschaft in Damaskus.
9. April 2012: Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben inzwischen 24 700 Syrer.
30. Mai 2012: Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.
13. Juni 2012: Damaskus behauptet, Kämpfer der Freien Syrischen Armee würden auf Schmugglerwegen auch mit Waffen aus der Türkei aufgerüstet. Ankara bestreitet Waffenlieferungen an syrische Rebellen, die Unterstützung sei rein humanitärer Art.
23. Juni 2012: Nahe der Küstenstadt Latakia schießt Syrien einen türkischen Militärjet ab. Das Kampfflugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.
26. Juni 2012: Der Nato-Rat verurteilt den Abschuss.
28. Juni 2012: Die Türkei stationiert Militärfahrzeuge und Raketenabwehrsysteme an der Grenze zu Syrien. 30. Juni: Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.
2. Juli 2012: 85 syrische Soldaten setzen sich in die Türkei ab, darunter ranghohe Offiziere mit ihren Familien – zusammen fast 300 Menschen. Insgesamt sind über 30 000 Syrer in die Türkei geflohen
(HA/dpa)
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