Meinung
Leitartikel

Schmuckstück Gängeviertel

Foto: Bertold Fabricius / HA

Die gelungene Sanierung des Gängeviertels beweist: Die Stadt hat aus Fehlern gelernt

Das sogenannte Kupferdiebehaus im Gängeviertel ist ein Schmuckstück geworden. Gut 15 Monate dauerte seine Sanierung. Wenn heute sechs Wohnungen den künftigen Mietern übergeben werden, dürften viele in der Stadt das als einen großen Erfolg feiern. Zu Recht, denn das Kupferdiebehaus ist – gleich in mehrfacher Hinsicht – zu einem Symbol geworden.

Zuallererst ist es ein Symbol für die Botschaft: Widerstand lohnt sich! Als 2009 rund 200 Künstler die Gebäude besetzten und damit verhinderten, dass der schwarz-grüne Senat die seit Jahren vernachlässigten letzten Gebäude des Gängeviertels an einen niederländischen Investor verscherbelte, konnten sie sich der Solidarität vieler Hamburger gewiss sein.

Für viele Menschen war seinerzeit etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Sie begrüßten sehr wohl den Ruck, der nach der Jahrtausendwende durch die Stadt ging. Aber sie wollten nicht, dass sie dabei ihren Charakter verlor. Zu oft wurden in jenen Jahren alte Gebäude abgerissen und durch gesichtslose Glasbauten ersetzt. Gerade die Viertel um den Valentinskamp herum können Zeugnis davon ablegen.

Es mag Zufall gewesen sein, dass der Widerstand gegen diese Entwicklung sich am Gängeviertel entzündete. Denkmalschützer hatten – wohl zu Recht – den einzelnen Gebäuden keinen großen Wert beigemessen. Aber sie übersahen dabei wohl, dass die Gängeviertelhäuser für eine geschichtliche Epoche stehen, deren Spuren man in Hamburg kaum noch findet.

Der Erhalt letzter Reste des Gängeviertels war wohl auch aus sozialgeschichtlichen Gründen sinnvoll. Schließlich erinnern diese an ein Quartier, in dem aufgrund der miesen hygienischen Bedingungen vor 150 Jahren kaum einer freiwillig leben wollte, in dem noch 1892 die Cholera ausbrach und von dem der berühmte Wissenschaftler Robert Koch sagte: "Ich vergesse, dass ich in Europa bin."

Das Kupferdiebehaus ist aber auch ein Symbol dafür, dass es nicht reicht, wenn Politiker in Sonntagsreden von Kreativszene und ihrer Strahlkraft reden und davon, dass dadurch Menschen aus aller Herren Länder angezogen würden. Natürlich geht es bei der Entwicklung einer Großstadt wie Hamburg in erster Linie um attraktive Arbeitsplätze.

Aber begehrte Metropolen wirken anziehend, weil sie neben guten Verdienstmöglichkeiten Orte sind, in denen ungewöhnliche Ideen geboren werden. Künstler – egal welcher Art – mögen aus der Sicht manches Kaufmanns Kosten sein. Für viele Menschen aber schaffen sie etwas, was sie nachdenklich macht, was sie beeindruckt, ihrem Leben Sinn verleiht. Wenn Hamburg attraktiv sein will, muss es auch dafür sorgen, dass Künstler zu halbwegs fairen Mieten hier wohnen und arbeiten können.

Das Kupferdiebehaus ist nicht zuletzt Symbol für eine solidarische Stadt. In einer Zeit, in der viele soziale Initiativen die Kürzung staatlicher Zuschüsse erleben müssen, stellt das Gemeinwesen rund 20 Millionen Euro für dieses Projekt zur Verfügung. Das ist eine Leistung, die ausdrücklich Anerkennung verdient. Nicht von ungefähr sprechen die Verantwortlichen der Stadtentwicklungsgesellschaft von einem der aufwendigsten Projekte, das sie je umgesetzt haben.

Zu guter Letzt ist das Kupferdiebehaus ein Symbol für Kompromissbereitschaft. Die Beteiligten von Gängeviertel-Genossenschaft, Denkmalschutzamt und Stadtentwicklungsgesellschaft sind nicht um die vielen Diskussionen zu beneiden, die sie während der Sanierungsarbeiten führten. Aber Stadtentwicklung, und das Gängeviertel ist ein exzellentes Beispiel dafür, funktioniert auf Dauer nur, wenn jeder der Beteiligten hier und da zurücksteckt. Insofern ist darauf zu hoffen, dass auf allen Seiten die Pragmatiker die Oberhand behalten. Denn eines ist klar: Niemand mag sich gern gängeln lassen.

Der Autor ist Abendblatt-Experte für Stadtentwicklung

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