23.02.13

Leitartikel

Ohne Leidenschaft

Die erste große Rede des Bundespräsidenten war solide. Mehr nicht.

Von Lars Haider

Wenn der Bundespräsident eine Grundsatzrede ankündigt, dann erwartet man etwas Besonderes. Einen großen Gedanken mindestens, eine starke bis steile Forderung und/oder eine Ermahnung der Regierenden in Berlin. Grundsatzreden sollten in Erinnerung bleiben, so wie die Ruck-Rede von Roman Herzog oder "Der Islam gehört zu Deutschland" von Christian Wulff.

Darüber spricht man, darüber streitet man in Deutschland, daran erinnert man sich auch Jahre später noch. Die Reden machen den Bundespräsidenten aus, sie sind sein stärkstes, um nicht zu sagen einziges Instrument. Und weil in der Vergangenheit viel Kluges und Wegweisendes zu erfahren war, hören die Deutschen gern und ganz genau zu, wenn ihr Staatsoberhaupt spricht. So genau wie bei keinem anderen Spitzenpolitiker des Landes, die Bundeskanzlerin eingeschlossen.

Das war auch und gerade am Freitag so. Viel durfte man sich versprechen von der Grundsatzrede aus dem Schloss Bellevue, allein schon deshalb, weil Joachim Gauck ein großartiger, sowohl kluger als auch leidenschaftlicher Redner sein kann.

Am Freitag war er das nicht.

Es wäre zu viel, von seiner Rede als einer Enttäuschung zu sprechen, dafür war sie zu intelligent komponiert und historisch gut durchargumentiert. Aber wer auf eine starke Botschaft gewartet hatte, auf einen eindringlichen Appell oder eine neue Deutung der europäischen Idee, der fand in den Worten Gaucks nichts. Im Gegenteil: Der Bundespräsident war sich diesmal nicht zu schade, Allgemeinplätze wie "Frage nicht, was Europa für dich tun kann, sondern was du für Europa tun kannst" zu referieren oder ein gemeinsames Fernsehprogramm zu fordern, ausgerechnet ein "Arte für Europa".

Das meiste, leider fast alles, haben vor Gauck schon andere Politiker zu Europa gesagt. Seine Ideen und Gedanken waren nicht neu, sie fassten den Status quo der europäischen Frage nur ein weiteres Mal zusammen. Kommt hinzu, dass man dem Bundespräsidenten seine Leidenschaft für Europa ausgerechnet bei der Grundsatzrede zum Thema nicht anmerkte. Gauck wirkte pastoral, abwägend, ablesend, weit entfernt von einem Ruck. Wenn sein Ziel gewesen sein sollte, Begeisterung für die Europäische Union zu entfesseln, ist ihm leider auch das nicht gelungen.

Eher das Gegenteil wird in Erinnerung bleiben: Wenn schon der Bundespräsident keine neue Idee hat, keinen Ansatz, wie das Unbehagen gegenüber Europa bekämpft werden kann, wie die Menschen in der Union zumindest mittel- bis langfristig zusammenfinden können, wer denn dann? Gaucks Vorschlag, möglichst alle Europäer sollten Englisch sprechen können, macht angesichts der tatsächlichen Herausforderungen, vor denen der Kontinent steht, schon fast verlegen.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Rede des Bundespräsidenten war keine, derer man sich schämen müsste. Fast alles war richtig, was er gesagt hat, solide sowieso, und sauber vorgetragen. Aber es war eben nicht das, was man von einem Gauck erwartet hatte, als er so überraschend wie bravourös die Nachfolge von Christian Wulff angetreten hat. Joachim Gauck war in vielen Augen die Idealbesetzung als Staatsoberhaupt, eine Art Barack Obama im Schloss Bellevue. Nach gut einem Jahr muss man diese Wahrnehmung und Beurteilung korrigieren. Gauck ist ein ordentlicher, ein guter Bundespräsident, aber eben bisher kein herausragender - und einer, der sein Thema noch sucht. Europa, das hat der gestrige Vortrag bewiesen, ist es eher nicht. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Gauck hat noch mindestens vier Jahre Zeit, etwas anderes zu finden. Und dann eine Grundsatzrede zu halten, an die man sich noch lange nach seiner Amtszeit erinnern wird.

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