08.01.13

Presse zu Ehe-Aus der Wulffs "Für Christian Wulff ergibt sich eine neue Chance"

Nahezu alle Zeitungen der Republik widmen ihre Kommentare der Trennung von Christian und Bettina Wulff. Im Fokus: Die Rolle der 39-Jährigen.

Hamburg. Die Ehe von Christian und Bettina Wulff ist offiziell gescheitert. Das ehemalige Bundespräsidentenpaar gab am Montag, rund ein Jahr nach dem Rücktritt des CDU-Politikers vom Amt des deutschen Staatschefs, über ihren Anwalt seine räumliche Trennung bekannt.

Die Entscheidung des Paars, über die hinter vorgehaltener Hand schon länger spekuliert wurde, machten die Medien quer durch die Republik zum Thema. In diesem Wissen formulierte Christian Wulff bereits am Montagmittag via Twitter einen Appell, der wohl allen voran den Journalisten gelten soll: "Wir bitten Sie um einen respektvollen Umgang", schrieb der Ex-Präsident auch im Namen seiner Noch-Ehefrau.

Lesen Sie hier einige der Kommentare zum Ehe-Aus der Wulffs aus deutschen Tageszeitungen:

Nürnberger Nachrichten: Das Buch, in dem Bettina Wulff sehr Intimes und auch sehr viel Abfälliges über ihren Mann preisgab – es war eine Art Scheidungserklärung vor den Augen der Republik. Welche Motive die 39- Jährige antrieben, das geht in der Tat niemanden etwas an. Aber es lässt sich aus ihrem Reden, Schreiben und Handeln schon etwas herauslesen, das zusehends zu beobachten ist: Wie sie da etwa lamentierte über all die Belastungen, die mit ihrer Rolle als Präsidenten- Gattin verbunden gewesen seien, das zeigte doch eine reichlich ausgeprägte Ich-Bezogenheit. Zu diesem offiziell gar nicht existierenden Amt der First Lady gehören eben auch Aufgaben und die Tatsache, im Blickpunkt zu stehen. Aber ein Begriff wie Pflichtbewusstsein passt vielleicht nicht in die Weltsicht von Bettina Wulff.

Frankfurter Neue Presse: Mag sein, dass es sich im Grunde um einen privaten Roman der Wulffs handelt. Doch er verrät viel über die Mentalität einer Gesellschaft, die sich gerne von glanzvollen Erfolgsgeschichten blenden lässt, um dann gnadenlos abzurechnen und zu richten. Er verrät viel über Wertvorstellungen und hehre moralische Haltungen, die so schnell durchlässig und anpassungsfähig werden, wenn es um die Verwirklichung des eigenen Ego geht.

Badische Neueste Nachrichten: Wer Bettina Wulffs Buch "Jenseits des Protokolls" aufmerksam las und ihre Interviews verfolgte, für den ist die Trennung des einstigen Vorzeige-Paares keine allzu große Überraschung mehr. Offenherzig gewährte Bettina Wulff einen tiefen Blick in ihre Gefühlswelt. Gnadenlos wurde mit Amt und Mann abgerechnet. Ein Jahr nach dem Aus als Bundespräsident kommt es für Christian Wulff noch einmal knüppeldick. In Scherben liegt nicht nur die politische Karriere des einstigen Bundespräsidenten, sondern auch das persönliche Familienglück. (...) Zum Jahresende meldete sich Wulff mit einem Vortrag in der Heidelberger Universität als "Elder Statesman" zurück. Die Rede zu seinem Lieblingsthema Integration sollte ein Neuanfang werden für den 53-Jährigen, der sich noch nicht reif fühlt für das Altenteil als Polit-Pensionär. Während Wulff monatelang mit sich haderte, startete seine Frau durch – bei den Paralympics in London und als Buchautorin. Selbstverwirklichung war angesagt. Mit Paartherapie alleine ist keine Ehe zu retten – nur wenn auf beiden Seiten der feste Wille besteht, auch in schlechten Zeiten zusammenzuhalten, gibt es eine Zukunftschance. Großburgwedel ist für Bettina Wulff auf Dauer eine Nummer zu klein. Der große Verlierer ist Christian Wulff.

Leipziger Volkszeitung: Vor knapp einem Jahr wäre die Nachricht vom Ehe-Aus der Wulffs eine Ablenkung vom Eigentlichen gewesen – heute ist sie das Eigentliche. Bettina und Christin Wulff trennen sich: erst als Bundespräsidentenpaar vom Schloss Bellevue, nun von einander, und irgendwann womöglich vom Eigenheim in Großburgwedel, Klinkerstein des Anstoßes, dessen fragwürdige Finanzierung der Anfang vom Ende war. Überraschen kann die Trennungsnachricht nicht. Neue Brille, neue Frisur – jeder Paartherapeut weiß, was das bedeutet. Zudem liegen seit September die Scheidungspapiere öffentlich aus: Gut 200 Seiten 'Jenseits des Protokolls', unterschrieben von Frau Bettina, in denen sie beklagt, dass ihr Mann es nicht geschafft habe, sich auch noch um ihre Gefühle zu kümmern.

Neue Osnabrücker Zeitung: Warum verliebt sich eine junge Frau in einen Mann wie Christian Wulff? Diese Frage stellte und beantwortete Bettina Wulff in ihrem unsäglichen Buch "Jenseits des Protokolls" selbst, als sie freimütig ihre offiziellen Liebesgeschichten enthüllte: Bei Männern habe sie kein festes Beuteschema. Angesichts dieser Wortwahl liegt die sarkastische Bemerkung einer "fetten Beute" nahe, die jetzt offensichtlich nicht mehr reizt. Für Christian Wulff, dem schon oft mangelnde Menschenkenntnis zugesprochen wurde, ergibt sich nun eine neue Chance. Wer aus seiner Umgebung jetzt zu ihm hält, verdient das Prädikat Freund.

Thüringische Landeszeitung: Eine Ehe und eine Beziehung bewähren sich erst in schlechten Zeiten. Viele Ehen überstehen diese Krisen aber heute nicht mehr. Weil die Menschen nicht mehr auf Krisensituationen eingestellt sind, weil gegenseitiges Stützen und Helfen nur noch begrenzt möglich ist, weil Egoismus über das Versprechen des gegenseitigen Beistandes siegt. So oder so ähnlich muss es auch im Falle Wulff gewesen sein. Eine Glamour-Beziehung, so lange alles gut ging. Die Klatschblätter voll, immer neue Home-Storys – und dann der zum größten Teil selbst verschuldete berufliche Absturz des Mannes. Das hat die Beziehung nicht ausgehalten, weil sie auf Krisensituationen nicht angelegt war.

Der neue Tag (Weiden): Die Öffentlichkeit ginge all das nichts an, wenn die Geschichte der Wulffs nicht das Amt des Bundespräsidenten beschädigt hätte. Bettina und Christian Wulff sind keine Opfer der Medien, sie waren von Anfang an ein öffentliches Paar. (...) Jetzt die Trennung, dann die Scheidung, und irgendwann folgen vermutlich Wulffs Memoiren. Die Geschichte um das ungleiche Paar ist noch nicht zu Ende, aber sie ist schon lange keine Staatsaffäre mehr.

Mittelbayerische Zeitung (Regensburg): Eines muss man den Wulffs lassen: Sie sind sich bis zum Schluss treu geblieben – als durch und durch modernes Paar. Die Trennung der Wulffs ist deshalb in erster Linie konsequent. Mag sein, dass die beiden einmal ehrlich verliebt waren. Doch von außen betrachtet war ihre öffentlich geführte Beziehung vor allem eines: nie frei von Hintergedanken. (...) Für Bettina Wulff ist nun wieder früher. Seit Christian Wulffs Rücktritt als Bundespräsident hat die Beziehung des Ehepaars ihre Grundlage verloren. Ein Geschäft ist mit der öffentlichen Ehe nicht mehr zu machen. Auch jetzt erweisen sich die Wulffs wieder als ganz modern. Denn in unserer modernen Gesellschaft ist kein Paar gezwungen zusammenzubleiben, wenn sich die Basis eine Beziehung verflüchtigt hat. Folgerichtig trennen sich die Wulffs.

Die Welt: Aufstieg und Fall der Wulffs könnten zu einem Wendepunkt in der politischen Logik der Aufmerksamkeitsökonomie werden. Kein vielversprechendes Politikerehepaar wird sich künftig derart rückhaltlos der Öffentlichkeit preisgeben. Die Diskretion ist als bürgerliche Tugend unter die Räder der Transparenz- und Show-Dogmen der Gegenwart gekommen. Das könnte sich ändern. Mit Torsten Albig, Winfried Kretschmann und Annegret Kramp-Karrenbauer wurden Politiker ins Amt gewählt, deren Gestaltungsehrgeiz auf die res publica beschränkt bleibt. Das Privatleben wird auf vernünftige Art retabuisiert. Das ist kein Rückschritt in biedermeierliche Verklemmtheit, sondern ein Gebot der Lebensklugheit."

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Wie mag es Wulff ergehen, wenn ihn in seiner kleinen Hannoveraner Wohnung sein bisheriges Leben anspringt? Aus kleinsten Verhältnissen stammend hat er eine Bilderbuch-Karriere hingelegt: Jurist, Oppositionsführer, Ministerpräsident, Bundespräsident. Privat führte er eine brave Ehe mit Tochter, bis ihm seine spätere Frau Bettina über den Weg lief. Scheidung, neue Ehe, gemeinsames Kind. Menschen aus dem Umfeld von Wulff berichten, dass der eher Biedere an der Seite seiner flotten Bettina mehr und mehr auf Glamour und Partys abfuhr. Der Rest ist bekannt. Wulff erlebte zunächst den politischen Absturz, bei dem sich politische und private Freunde von ihm abwandten. Was zunächst blieb, war seine kleine Familie in Großburgwedel. Hinter den Mauern des Backstein-Eigenheims muss es nach all' dem Glitzerlicht furchtbar trist zugegangen sein. Jetzt ist Wulff wahrscheinlich verdammt einsam und allein auf sich zurückgeworfen. Job weg, Freunde weg, Frau weg. Das passiert jeden Tag zuhauf auch anderen. Doch die Story vom Aufstieg und Fall des Christian Wulff hätte jeder Hollywood-Drehbuchautor nicht besser erfinden können.