21.11.12

Krise auf dem Medienmarkt

Nach "Frankfurter Rundschau" steht die "FTD" vor dem Aus

Auf der Homepage der Financial Times Deutschland heißt es weiter, dass man auf die "Entscheidung der Verlagsführung" warte.

Von Bernd Fischaleck
Foto: dpa
Financial Times Deutschland
Möglicherweise bald nicht mehr am Kiosk: Die "Financial Times Deutschland"

Berlin. Den Auftakt machte die Nürnberger "Abendzeitung": Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten erschien das Traditionsblatt am 29. September zum letzten Mal. Auch für die "Frankfurter Rundschau" und die "Financial Times Deutschland" ist die Lage bedrohlich: Die "FR" stellte in der vergangenen Woche wie bereits zuvor die Nachrichtenagentur dapd einen Insolvenzantrag, über das Schicksal der "FTD" soll in dieser Woche entschieden werden. Die viel beschworene Krise hat den deutschen Medienmarkt im Herbst mit voller Wucht erwischt.

Sinkende Anzeigenerlöse und schwindende Auflagen haben die Lage verschärft. Die Hauptgesellschafter der "FR", die Mediengruppe DuMont Schauberg und die SPD-Medienholding ddvg, sahen wegen massiver Umsatzeinbußen keine Perspektive mehr für eine Fortführung der Zeitung. Zur dauerhaften Finanzierung hoher Verluste, die sich nach Verlagsangaben im laufenden Geschäftsjahr auf 16 Millionen Euro summieren, waren sie nicht mehr bereit.

Das drohende Aus der Traditionszeitung sorgt auch in Berlin für Verunsicherung, wo eine Redaktionsgemeinschaft Inhalte für die "FR", die "Berliner Zeitung", den "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Mitteldeutsche Zeitung" produziert. Es werde einen Personalabbau beim Berliner Verlag geben, sagte ein DuMont-Sprecher. Den Mitarbeitern wurde ein Abfindungsangebot unterbreitet. Der Verlag sei angesichts der "teilweise dramatischen Einbrüche bei den Anzeigenerlösen" zu "erheblichen Restrukturierungsmaßnahmen gezwungen", hieß es in einem Schreiben an die Belegschaft.

Die Ausgangslage bei der "FR" und der "FTD" könnte unterschiedlicher nicht sein. Die "Rundschau" ist die zweite Zeitung, die im Westdeutschland der Nachkriegszeit eine Lizenz der Besatzungsmächte erhielt und etablierte sich als überregionales linksliberales Blatt. Der deutsche Ableger des britischen Finanzblatts "Financial Times" wurde hingegen erst vor knapp 13 Jahren gegründet und kam aus den roten Zahlen nie heraus. Auch hier sollten zur Rettung Synergieeffekte genutzt werden: 2009 legte Gruner + Jahr die Redaktionen der "FTD" sowie "Capital" und "Impulse" aus Köln und "Börse Online" aus München in Hamburg zusammen.

2011 wurden die "Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien" zur "Wirtschaftsredaktion des Jahres" gewählt. Angesichts der schlechten Ertragslage ziehen aber wohl aber auch in diesem Fall die Verleger nun die Reißleine. Der Medienkonzern Bertelsmann und die Verlegerfamilie Jahr, die den größten Zeitschriftenverlag Europas bilden, wollen die Verluste, die sich alleine für die "FTD" auf zehn Millionen Euro belaufen sollen, offenbar nicht mehr finanzieren. Medienberichten zufolge hat der G+J-Vorstand die Einstellung der "FTD" bereits beschlossen. Am Mittwoch beriet der Aufsichtsrat des Verlagshauses über die Zukunft der defizitären Zeitung und anderer Wirtschaftsmedien des Hauses.

Hoffnung besteht aber kaum noch. "Die Financial Times Deutschland steht vor der Einstellung", schrieb das Blatt am Mittwoch auf seiner Homepage. "Jetzt warten wir die Entscheidung unserer Verlagsführung ab. Dann blicken wir nach vorn."

Das Schicksal der rund 60 Mitarbeiter des Stadtmagazins "Prinz" ist angesichts der Hiobsbotschaften der vergangenen Wochen fast zur Randnotiz geworden. Das gedruckte Heft liegt letztmalig im Dezember am Kiosk aus, danach wird "Prinz" nur noch als tagesaktuelles Online-Magazin weitergeführt.

Die Hoffnung vieler Verlage ruht nun auf dem Online-Geschäft. Der Anfang des Jahres gestartete deutsche Ableger des "Wall Street Journal" (WSJ) verzichtete gleich ganz auf eine gedruckte Ausgabe. Und auch der größte deutsche Zeitungsverlag, die Axel Springer AG, arbeitet an neuen Strategien für das Geschäft im Netz. Das Geschäftsfeld digitale Medien war im dritten Quartel 2012 erstmals die umsatzstärkste Sparte des Medienkonzerns.

Tageszeitungen könnten eine Zukunft haben, hatte der scheidende Chefredakteur der Online-Ausgabe der Wochenzeitung "Zeit", Wolfgang Blau, den Insolvenzantrag der "FR" kommentiert. "Aber nur, wenn sie das Netz nicht als ihren Feind empfinden." Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner forderte andere Verlage unlängst auf, nicht mehr alle Angebote im Internet kostenlos zur Verfügung zu stellen und gemeinsam mit Springer kostenpflichtige Inhalte einzuführen.

Springer hat die Einführung von Bezahlschranken bereits auf der Agenda: Zum Jahreswechsel wird die Online-Ausgabe der "Welt" teilweise auf bezahlte Inhalte umgestellt. Dann soll nur noch eine begrenzte Zahl von Klicks kostenlos sein. "Bild.de" soll Mitte 2013 mit einem eigenen Modell folgen. Auch die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" wollen ihre Produkte im Netz nicht länger verschenken und suchen ebenfalls nach sinnvollen Bezahlmodellen, wie Verlagsvertreter jüngst bei den Medientagen München ankündigten.

Auch wenn Lage auf dem Medienmarkt düster ist – hoffnungslos ist sie nicht. Das Geschäft der Nachrichtenagentur dapd soll fortgeführt werden und auch für die zahlungsunfähige "FR" gibt es nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters "namhafte Interessenten".

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