Musik

Das Unterbewusstsein hört mit

Felix Kubin stellt sein Stück "Falling Still" beim Internationalen Musikfest vor

Jahrelang ist Felix Kubin in seiner Heimatstadt Hamburg nicht wahr­genommen worden – und wenn, dann als Paradiesvogel, der so schräge Projekte initiierte wie die dadaistische Gesangsgruppe "Liedertafel Margot Honecker". Erst in den vergangenen fünf Jahren hat der inter­national renommierte Komponist die ihm gebührende Aufmerksamkeit bekommen und durfte für die NDR-Reihen das neue werk und Toxic Tunes musikalische Performances aufführen. Er hat im Körber-Forum einen Abend gestaltet und war mit seinen außergewöhnlichen Arbeiten zuletzt oft im Resonanzraum zu sehen und hören, der Spielstätte des Ensem­bles Resonanz.

Mit dieser Gruppe stellt er im Mai im Rahmen des Internationalen Musikfestes Hamburg ein neues Projekt vor. Der Resonanzraum reicht dafür allerdings nicht aus, "Falling Still" wird in der Laeiszhalle über die Bühne gehen. Damit ist der Underground-Künstler und Avantgardist an einem Ort der Hochkultur angekommen.

Unter "Falling Still" versteht Kubin die Utopie grenzenloser Freiheit als Zustand des immerwährenden Fallens, also eine völlige Losgelöstheit von Schwerkraft, Raum und Zeit. Aufgeführt wird das abendfüllende Werk von den Streichern des Ensembles Resonanz, einem Knabenchor aus Uetersen und den beiden Perkussionisten Milosz Pekala und Magdalena Kordylasinska-Pekala. Mit dem Schlagwerker-Duo hat Kubin im vergangenen Jahr bereits die NDR-Auftragskomposition "Takt der Arbeit" uraufgeführt. Kubin selbst kümmert sich bei "Falling Still" um die Live-Elektronik. Eingebettet in das Stück sind auch Traumaufzeichnungen und Interviews mit Künstlern, Astronomen und Psychologen, die sich mit dem Unterbewusstsein beschäftigen.

Seit mehr als 30 Jahren experimentiert der heute 47-Jährige bereits mit Klängen. Ein wichtiger Einfluss waren für ihn Bands der Neuen Deutschen Welle wie Die Tödliche Doris und Der Plan, später entdeckte er zeitgenössische Komponisten wie Luigi Nono, Yannis Xenakis und Karlheinz Stockhausen. Seine Auffassung von Musik geht weit über die übliche Vorstellung eines organisierten Schallereignisses hinaus. Kubin ist ein Sammler von Klängen, die er – ähnlich wie die Komponisten der Musique concrète – überall findet, aber er kreiert auf unterschiedliche Art auch neue Töne.

Bei NDR das neue werk hat der Klangkünstler 2013 das Hörstück "Mein Chromdioxidgedächtnis" aufgeführt, eine Hommage an die Compact-Kassette. Kubin hat es unter anderem aus unzähligen eigenen Archivaufnahmen, die bis in seine Kindheit zurückreichen, aus Anrufbeantwortertexten und einem Sammelsurium an Sounds zusammengebaut.

Der Klang-Kosmos von Felix Kubin ist unerschöpflich, wie zum Beispiel auf dem Album "Zemsta Plutona" oder in der Zusammenarbeit mit dem polnischen Avantgarde-Ensemble Mitch and Mitch zu hören ist. Easy Listening, Soundtrack-Schnipsel finden sich in Kubins tönenden Welten ebenso wie ein französisch singender Frauenchor in einem Schwimmbad. Richtige Instrumente wie Schlagzeug, Posaune und Trompete benutzt er genauso wie einen Wäscheständer.

Man darf gespannt sein, was der Klangzauberer bei seinem aktuellen Projekt an Gerätschaften mit auf die Bühne bringt. "Falling Still" verspricht das nächste musikalische Abenteuer mit Kubin zu werden. Doch auch die Hörer sind gefordert: Man braucht offene ­Ohren, um dieses Kaleidoskop aus elek­tronischer und handgemachter Musik mit all seinen Facetten wahrzunehmen.

"Falling Still" 16.5., 19.30, Laeiszhalle. Karten 21,- unter T. 35 76 66 66

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