Musik

Arien in schwindelnd en Höhen

Im März kommt an der Staatsoper "Guillaume Tell" heraus, Rossinis Sicht auf den Schweizer Nationalmythos

Schweiz? Welche Schweiz? So wie sich die Weltgeschichte zurzeit überschlägt und bis tief in unser mitteleuropäisch durchgeplantes Alltagsleben hin­einreicht, gerät das kleine, scheinbar so wohlsortierte Nachbarland schon mal aus dem Fokus. Außer natürlich bei den Schweizern selbst.

Anfang März kommt an der Staatsoper Rossinis "Guillaume Tell" heraus, die musikalische Leitung hat Gabriele Ferro. Ein Schelm, wer nun unterstellt, die Stückauswahl habe mit der schweizerischen Staatsangehörigkeit des neuen Intendanten Georges Delnon zu tun. Nein, der Regisseur Roger Vontobel (Schweizer) sieht in dem Stück, Rütli-Schwur hin und Apfelschuss her, Parallelen zu gesellschaftlichen Prozessen, wie sie immer wieder zu beobachten sind. In seiner Lesart des Stücks geht es um die Angst vor dem Fremden und die Abwehr des Andersartigen.

Der unerschrockene Bogenschütze und Held des schweizerischen Gründungsmythos, wie ihn Friedrich Schiller in seinem Drama "Wilhelm Tell" zeichnet, ist bei Vontobel ein Restaurator im doppelten Wortsinne. Zum einen ist er nämlich mit der Restaurierung des Öl­gemäldes "Die Einmütigkeit" des Schweizer Malers Ferdinand Hodler betraut; auf diese Weise holen Vontobel und die Bühnenbildnerin Muriel Gerster (Schweizerin) die Handlung aus dem 13. Jahrhundert in die Neuzeit. Und zum anderen steht er mit seinem Kampf gegen die Habsburger, die die drei Schweizer Urkantone seit Generationen regieren, gegen die Idee eines friedlichen Zusammenlebens der Völker.

Mit anderen Worten: Held ja, Sympathieträger nein. Das hat einiges für sich, so wenig individuell wie Rossini seine Titelfigur behandelt. Wenn Tell (verkörpert von dem Bariton Sergei Leiferkus) seinen Sohn vor dem Bogenschuss ermahnt stillzuhalten, werden seine Empfindungen einmal hörbar. Doch ansonsten behält Rossini Romanzen, Arien und Duette von bisweilen schwindelerregender Virtuosität der habsburgischen Prinzessin Mathilde (gesungen von der Sopranistin Guanqun Yu) und Tells Mitverschwörer Arnold Melcthal (seinen Part übernimmt der Tenor Yosep Kang) vor.

Ein Schweizer und eine Österreicherin? Klar, dass bei der historischen Konstellation auf der Liebe zwischen Mathilde und Arnold kein Segen liegt. Rossinis Sympathien haben sie aber ­offenkundig, und zwar auch in politischer Hinsicht. Dem europäisch denkenden Italiener waren nationalistische Bestrebungen zuwider. Es ist wohl kein Zufall, dass der Rütli-Schwur kurz vor dem Ende der Oper gerade nicht fortissimo erklingt, sondern zwar mit Trompeten, aber leise beginnend und sogar noch leiser werdend.

Rossini hat seine letzte Oper im Stile der französischen Grand Opéra geschrieben, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in Mode kam. Das bürgerliche Publikum liebte die Pracht der Bühnenausstattung und der Kostüme, die spektakulären Chorauftritte und Balletteinlagen. Dem Genre entsprechend ist das Werk fünfaktig angelegt. Doch unter diesem Umfang hat "Guillaume Tell" in vieler Hinsicht zu leiden gehabt. Schon für die Uraufführung 1829 in Paris wurde einiges herausgestrichen. Rossini selbst ließ für Italien eine dreiaktige Fassung einrichten. Er musste hilflos mitansehen, wie andere Opernhäuser sein Werk zum Teil grotesk entstellten; in London wurde die Figur des Tell sogar kurzerhand durch den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer ersetzt.

In Deutschland hat es "Guillaume Tell" schon deshalb schwer gehabt, weil sich Rossini in den Augen der Gralshüter der Weimarer Klassik an einem Nationalheiligtum vergriff. Dass eine französische Oper aber schlicht anderen ­Gesetzmäßigkeiten folgt als eine Dichtung des Idealismus, diese Erkenntnis hat sich erst später durchgesetzt. Lange war der "Tell" von den Spielplänen verschwunden; erst nach dem Zweiten Weltkrieg war der Stoff wieder opportun.

In Hamburg erklingt eine Fassung von etwa dreieinhalb Stunden. Den pantomimischen "Pas de six" etwa hat man gestrichen, um den überlangen ersten Akt zu entlasten. Es bleibt das Wesentliche: der "Kuhreigen" etwa, in dem die Hörner Alphörner imitieren. Oder Blitze und Donnerrollen in Holzbläsern und Streichern.

Diese Lautmalereien sind kein Selbstzweck. Rossini nimmt, Schiller folgend, die Naturerscheinungen als Metapher für die Bedrohung der Schweizer durch die Habsburger. Wenn das keine politische Musik ist.

"Guillaume Tell" 6.3., 18.00 (Premiere), Staatsoper. Karten zu 26,- bis 107,- unter T. 35 68 68. Weitere Vorstellungen: 9., 12., 16., 19., 22., 26.3., jeweils 19.00

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