Altona

Die Sonnenallee kommt ins Altonaer Theater

Erste Liebe, Pop aus dem Westen und Obach vor dem Vopo: ein Teil der „Sonnenallee“- Themenpalette

Foto: G2 Baraniak / HA

Erste Liebe, Pop aus dem Westen und Obach vor dem Vopo: ein Teil der „Sonnenallee“- Themenpalette

Am 11. September hat das Stück nach dem Buch "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" von Thomas Brussig Premiere.

Hamburg.  Die "Sonnenallee" hätte Peter Dehler schon vor langer Zeit inszenieren können. Immerhin war er 17 Jahre lang Schauspieldirektor am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin und verantwortlich für den Spielplan. "Wir haben das Stück auch in Schwerin gemacht, doch mich hat es nicht gereizt, im Osten eine Inszenierung zu machen mit einem Thema, das dort jeder kennt. Jetzt in Hamburg wird es spannend, weil das Publikum und auch das Ensemble hier nicht meine DDR-Sozialisation besitzen", sagt der Regisseur.

Dehler inszeniert nicht nur, er hat auch die Textfassung geschrieben, die am 11. September Premiere am Altonaer Theater feiert. Als Vorlage dient ihm dabei nicht Leander Haußmanns Film, sondern Thomas Brussigs Roman "Am kürzeren Ende der Sonnenallee", den der Schriftsteller erst herausbrachte, nachdem der Film bereits in den Kinos gelaufen war. Für den Film hatten Haußmann, Brussig und Detlev Buck das Drehbuch entwickelt.

Komödie über das Erwachsenwerden

"Sonnenallee" schildert das Leben einer Clique Ost-Berliner Jugendlicher im Jahr 1973 in unmittelbarer Nähe der Mauer. Am südlichen Ende der Straße befand sich damals ein Grenzübergang nach West-Berlin. In der Komödie geht es um erste Liebe, um die Frage, ob man bereitwillig als Soldat zur NVA gehen soll, um westliche Rockmusik und östliche Tanzveranstaltungen und überhaupt um all die Schwierigkeiten, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. "Brussig erfindet tolle Situationen und schreibt tolle Sätze", sagt Dehler über den Roman. "Das Thema liegt mir nahe, weil wir zur selben Generation gehören. Er hat nicht besonders unter dem DDR-System gelitten, ich auch nicht, aber wir fanden es beide scheiße. Das verbindet", erklärt er in aller Deutlichkeit.

Dehler wurde 1963 in Leipzig geboren, ging Ende der 80er-Jahre nach Ost-Berlin und wurde an der berühmten Ernst-Busch-Schule als Schauspieler ausgebildet. Die Wende erlebte er in der Hauptstadt, doch er kann sich auch noch gut an die Großdemonstrationen in Leipzig erinnern. "Viel von dem, was in Schulbüchern steht, kann ich so nicht bestätigen. Es gab nicht die DDR. Ja, es gab die Stasi, aber sie hat in meinem Leben keine Rolle gespielt. Ich war der Sohn eines Diplomingenieurs, lebte in einem Wohnblock und war mit meinem Leben zufrieden. Als ich später in Berlin an der Mauer vorbeigeradelt bin, fand ich mein Leben immer noch schön, weil ich jung und Schauspielstudent war", erzählt Dehler.

Doch er macht keinen Hehl daraus, dass er froh über die Wende gewesen ist. "Die verblendeten Funktionäre aus dem Politbüro haben nicht begriffen, wie das Leben funktioniert. Sie haben versucht, am Volk vorbei ihren Traum vom Sozialismus zu verwirklichen. Das konnte nicht klappen."

Bei der täglichen Probenarbeit mit seinem Ensemble muss Dehler viel erklären und Nachhilfe in Sachen DDR-Wirklichkeit geben. Er amüsiert sich darüber, dass die Schauspieler den Namen des Kosmonauten Gagarin falsch betonen und dass ihnen auch "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands" nicht flüssig über die Lippen kommt – eine Wortkette, die sich bei Dehler selbst für immer eingebrannt hat. Er muss Ausdrücke wie "Subbotnik" und "Soljanka" erklären und erläutern, was ein ABV ist. Diesen "Abschnittsbevollmächtigten" spielte im Film Detlev Buck, im Altonaer Theater tritt Volker Zack Michalowski in dieser Rolle auf, er ist der Einzige im Ensemble mit DDR-Vergangenheit. "Die Bullen waren in der DDR doof, aber auch gefährlich. Diesen Spagat bekommt der Zack wunderbar hin", lobt Dehler.

Popmusik im Mittelpunkt

In Film und Roman spielt Popmusik eine wichtige Rolle, in Dehlers Inszenierung seht sie sogar im Mittelpunkt. Das Bühnenbild ist eine Konzertbühne, auf der drei Profimusiker und das Ensemble agieren, eine Treppe weiter runter wird Theater gespielt. Songs wie "Get It On" (T-Rex) und "The Letter" (The Box Tops) stehen für die Sehnsucht nach West-Pop. "Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, was für einen Schatz zum Beispiel eine Platte von Herbert Grönemeyer darstellte. Popmusik aus dem Westen war fast unerreichbar. Um so glücklicher waren die jungen Leute, wenn sie mal eine Vinylplatte ergattern konnten", beschreibt Dehler die Situation in der DDR.

Für den Regisseur und Dramatiker ist die Arbeit im westlichen Teil Deutschlands noch einigermaßen neu, nachdem er fast 25 Jahre als Schauspieler und Regisseur in Schwerin gewirkt hat. Die Möglichkeiten an einem Privattheater wie dem in Altona sind zwar begrenzter als an einem besser ausgestatteten und höher subventionierten öffentlichen Haus, doch darüber lamentiert Dehler nicht: "Theater ist Theater", sagt er, ganz der Pragmatiker

"Am kürzeren Ende der Sonnenallee"
Premiere So 11.9., 19 Uhr, Altonaer Theater
(S Altona), Museumstraße 17, Karten ab 22 Euro unter T. 39 90 58 70;
www.altonaer-theater.de

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