26.10.12

Interview

"Man hat damals dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet"

Regisseur Markus Imboden über seinen Film "Der Verdingbub", Katja Riemann als Berner Bäuerin und das Filmland Schweiz.

Von Volker Behrens
Foto: DPA
Der Schweizer Regisseur Markus Imboden greift mit seinem Film "Der Verdingbub" das Tabuthema Kinderarbeit auf
Der Schweizer Regisseur Markus Imboden greift mit seinem Film "Der Verdingbub" das Tabuthema Kinderarbeit auf

Markus Imboden ist einer der profiliertesten und vielseitigsten Regisseure der Schweiz und arbeitet fürs Fernsehen und das Kino. Gerade erst hat beim Filmfest Hamburg das von ihm inszenierte TV-Movie "Mörderische Jagd" den Produzentenpreis gewonnen. Am 25. Oktober kommt sein Kinofilm "Der Verdingbub" ins Kino, der in seiner Heimat ein großer Erfolg sein. Imboden erzählt darin von einem zwölf Jahre alten Jungen, der 1955 von den Behörden an eine Bauernfamilie gegeben wird. Die Familie bekam Kostgeld, der Junge musste hart arbeiten und war quasi entrechtet. Ein Schicksal, das in der Schweiz seit 1800 hunderttausende Kinder teilten

Hamburger Abendblatt: Wie ist das Projekt zu Ihnen gekommen?

Markus Imboden: Produzent Peter Reichenbach hat mich gefragt. Das Drehbuch war damals quasi fertig. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich es unbedingt machen. Es gibt aber auch einen ganz persönlichen Hintergrund. Mein Vater war Waise und hatte mir viel darüber erzählt, wie es ist, wenn man keine Eltern hat, wenn einem Liebe und Zuneigung fehlen. So ähnlich geht es Max. Mein Vater war außerdem verarmt, er ist früher bei minus 15 Grad ohne Handschuhe Skifahren gegangen. Die Skier hatte er sich nicht gekauft, sondern aus Fassdauben selbst gemacht. Das war mir als Kind unvorstellbar, ich fand es unheimlich. Ich hatte in diesem Film den Anspruch, diese Welt wieder entstehen zu lassen. Aber natürlich ist es auch eine interessante Geschichte, die fast wie eine griechische Tragödie verläuft. Eigentlich will ich genau solche Filme machen.

Aber es ist auch eine düstere und problembeladene Geschichte. War sie leicht zu finanzieren?

Imboden: Es war im Vorfeld schwierig, das Geld dafür aufzutreiben. Es hieß: Das will doch keiner sehen. Das ist fürs Kinopublikum zu schwer. Ich kann mich an einen Anruf von ZDF-Filmchef Hans Janke erinnert, denn wir hatten das ZDF angefragt, ob sie als Sender mit dabei sein wollten. Er hat mich gebeten: Lass die Finger davon, Markus! Damit schaufelst du dir dein eigenes Grab. Das kann nur ein Misserfolg werden. Jetzt ist der Film in der Schweiz mit 250 000 Zuschauern einer der erfolgreichsten der vergangenen zehn Jahre. Auf Deutschland übertragen wären das fünf bis sechs Millionen.

Was sagt Janke jetzt?

Imboden: Ich weiß es nicht, er ist mittlerweile pensioniert.

Der Film lebt stark von der Vielschichtigkeit der Charaktere. Welche Anforderungen haben Sie beispielsweise an Stefan Kurt gestellt, der den Bauern spielt?

Imboden: Ich wollte einen Bauern, der auch fragil sein kann, der nicht böse ist, sondern noch eine Sehnsucht hat. Die Liebe zu seiner Frau war da, ist aber verloren gegangen. Er sollte einen Menschen spielen, der einfach nicht begreift, dass er kein Glück hat. Vor der Frage – wieso eigentlich ich? – steht er völlig ratlos.

Sie kommen selbst aus der Berner Gegend. Was hat Sie an der Art, wie die Menschen mit dieser schwierigen Situation umgegangen sind, besonders interessiert?

Imboden: Ich kenne diesen Menschenschlag. Was mich stört, ist das Verschweigen. Ich habe es schon als Kind sehr belastend empfunden, dass die einfach nie den Mund aufmachten. Stattdessen sind immer sehr schnell Meinungen da, und die sind dann wie in Zement gemeißelt. Aber es sind ja keine bösen Menschen. Sicher ist es ein kultureller Mangel, hat aber auch mit der Auseinandersetzung mit der rauen Natur zu tun. Vielleicht wird man dann etwas gottesfürchtig. Bei meinem Film "Mörder auf Amrum" hatte sich teilweise den Eindruck, die Leute waren ähnlich: Nur nicht so viel reden und Fremden gegenüber distanziert.

Aber was war mit dem Unrechtsbewusstsein der Menschen? Die Naturgewalten haben doch nichts damit zu tun, einen Menschen wie eine Ware zu behandeln.

Imboden: Der kulturelle Boden dafür liegt noch in der Ideologie, nach der es angeblich Menschen zweiter Klasse gibt. Letztendlich ist die Ursache dafür eine Angst vor dem Leben. Die Leute kapseln sich ab, und alles, was ihnen fremd ist, wird ihnen unheimlich. Für diese Menschen sind die Kinder, die man ihnen anvertraut, Dinge. Deshalb heißt mein Film ja auch "Verdingbub". Die kommen her und müssen arbeiten, sonst schlage ich sie. "Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet. Arbeit macht frei." Alle diese verschrobenen Ideologien sind da. Der Film spielt 1955. Da hatte man gerade verboten, dass man die Verdingkinder auf dem Markt öffentlich ausstellt. Vorher konnte man hingehen, sie anfassen und sich eins aussuchen. Unvorstellbar! Wie bei einer Viehschau oder einem Sklavenmarkt. Man weiß, dass es eine Sauerei war, die damals passiert ist. Die Leute, die Kinder aufnahmen, haben vom Staat dafür Geld bekommen, dass sie die Kinder "erziehen". Einige von ihnen haben die Kinder gesammelt und von diesem Geld gelebt. Die Kinder mussten um vier Uhr aufstehen und arbeiten. Dann mussten sie zur Schule, die oft eine halbe Stunde oder noch länger zu Fuß entfernt war. Dann zurück und wieder in den Stall. Man hat ihnen die Kindheit genommen.

Bis heute gibt der Staat doch Jugendliche gegen Geldzahlungen an Familien ab, wenn auch unter anderen Umständen.

Imboden: Das ist ein Modell des Sozialstaates. Man hat damals aber dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Ihr Film hat in der Schweiz viele Diskussionen ausgelöst. Ist das nicht ein Traum für einen Filmemacher, mit der eigenen Fiktion in der Realität etwas bewirken zu können?

Imboden: Ja. So bin ich eigentlich mal angetreten. Als ich als Jugendlicher ins Kino ging, haben mich Filme wirklich bewegt und berührt. Ich habe Dinge gesehen, die mich durcheinander gebracht haben. "Der letzte Tango von Paris" zum Beispiel. Ich war fassungslos. Zwei, drei Tage habe ich darüber nachgedacht und –gefühlt. Filme von Truffaut oder Godard haben Erschütterungen in mir ausgelöst. Ich bin auch gern ins Theater gegangen. Wenn man "Baumeister Solness" von Ibsen sieht, erfährt man etwas über die Bedingungen des Menschseins. Es gibt nichts besseres, als einen Film zu machen, der die Leute berührt und Bestand hat.

Ist der "Verdingbub" ein moderner Heimatfilm?

Imboden: Ich hoffe, keine Genrefilme zu machen. Genres bilden Regeln, das macht die Sache relativ schnell langweilig und durchschaubar. Mit dieser Einteilung nimmt man den Filmen ihre Wahrhaftigkeit und ihre mögliche subversive Wirkung. Ich will doch vorher möglichst wenig wissen. Ich versuche auch mich möglichst wenig über einen Film zu informieren, wenn ich ins Kino gehe. Es ist doch toll, was man erleben kann, wenn man sich plötzlich etwas aussetzen muss.

Sie haben den Film auf Berndeutsch gedreht, das für deutsche Ohren etwas gewöhnungsbedürftig klingt. Haben Sie Katja Riemann synchronisiert?

Imboden: Sie hat die Bedingung gestellt, die Rolle nur spielen zu wollen, wenn sie den Dialekt sprechen darf. "Die Sprache gehört zum Körper, nur so kann ich glaubhaft die Bäuerin dort oben spielen." Das war für sie mühsam, weil sie es natürlich nicht konnte. Aber sie hat es sehr gut hinbekommen. Sie war auch ein Glücksfall, weil wir es manchmal sehr lustig hatten. Manchmal hat sie sich mit richtigen Zungenbrechern abgemüht, und wir haben sie zum Schein trotzdem nicht verstanden.

Was bekommt das deutsche Kinopublikum zu hören?

Imboden: Das Original, möglicherweise mit hochdeutschen Untertiteln. Wenn man diese Lesehilfen hat, merkt man schnell, dass man doch einiges versteht. Natürlich gibt es Worte wie "Bschüttiloch", auf Deutsch "Jauchegrube", die sich nicht so leicht erschließen. Es gibt aber auch eine hochdeutsche Fassung, in der sich alle Schauspieler selbst synchronisiert haben.

Wird die Schweiz noch ein Filmland?

Imboden: Sie war es doch und ist es immer noch. Wir haben doch Jean-Luc Godard, Alain Tanner, Claude Goretta Wir haben eine reiche Dokumentarfilmkultur. Wir sind ein kleines reiches Land, nur gibt niemand Geld für den Film. Bei zwei bis drei Millionen Franken Produktionskosten hat man die Grenze erreicht. Mehr Geld bekommt man nur, wenn man Koproduktionspartner im Ausland findet.

Ist der Film in Ihrer Heimat ein Leitmedium?

Imboden: Ja. Ich finde sogar, wir haben eine bessere Kinokultur als in Deutschland. Bei uns werden mehr Filme unterschiedlicher Art gezeigt. Sie laufen fast ausschließlich in der Originalfassung mit Untertiteln.

Sie drehen auch ziemlich regelmäßig im Norden, allerdings keine alpinen Dramen, sondern eher humorige Flachlandkrimis. Und das mit viel Erfolg, denn Ihr Film "Mörderische Jagd" hat gerade den TV-Produzentenpreis beim Filmfest Hamburg gewonnen.

Imboden: Das freut mich natürlich. Und diese Filme drehe ich wahnsinnig gern. Aber ich habe auch nach solchen Stoffen wie dem "Verdingbub", nach Ernsthaftigkeit und Auseinandersetzungen gelechzt. Immer nur Blödsinn zu machen, schlägt auch aufs Gemüt.

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