09.01.13

Bühne

Suzanne von Borsody: Auf der Bühne des Lebens

Am Ernst Deutsch Theater gastiert die Schauspielgröße in der Tragikomödie "Der letzte Vorhang" der niederländischen Autorin Maria Goos.

Von Klaus Witzeling
Foto: Roland Magunia
Suzanne von Borsody
Beim Interview: Schauspielerin Suzanne von Borsody macht die Bibliothek des Hotels The George zur Bühne

Hamburg. Schauspielerin Suzanne von Borsody lehnte es bisher ab, eine Schauspielerin darzustellen. "Habe ich öfter angeboten bekommen", sagt sie und fragt: "Was ist denn eine Schauspielerin? Das ist doch meistens eine Klischeevorstellung von außen. Wir sind alle unterschiedlich, genau wie Zahnärzte, wie Fotografen - oder Journalisten. Was wäre das denn, ein typischer Schauspieler?"

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Qualität der Tragikomödie "Der letzte Vorhang" überzeugte und reizte die Klischees und Voyeurismus ablehnende, im Film wie auf der Bühne erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Charakterdarstellerin. Nun liefert sie sich ab 10. Januar im Ernst Deutsch Theater mit Guntbert Warns das Rampen-Duell zwischen Lies und Richard, deren Vornamen nicht zufällig an Hollywoods Skandal- und Traum-Paar Taylor/Burton erinnern. Für ihre Darstellung in der Koproduktion mit dem Renaissance-Theater erhielt Borsody den Publikumspreis des Berliner Theaterclubs "Goldener Vorhang 2012".

Die holländische Schriftstellerin Maria Goos, Jahrgang 1956, schrieb und entwickelte "DOEK!" ("Vorhang!") mit den Darstellern der Uraufführung Loes Luca und ihrem Mann, dem Schauspieler Peter Blok. "Sie weiß einfach, worüber sie schreibt, und beschreibt mit geschultem Auge und genauer Wahrnehmung uns Schauspieler als Menschen", sagt Borsody. "Goos erzählt vor allem eine große Liebesgeschichte. Es geht um Fragen, die sich jeder stellt: Was wäre, wenn ich damals anders gehandelt hätte? Lies hat die Notbremse in der zerstörerischen Beziehung nach dem Muster 'Sie küssten und sie schlugen sich' gezogen und sich, wie Richard findet, in die Ehe mit einem Langweiler geflüchtet." Um eine Aufführung mit ihrer alten Flamme zu retten, springt Lies ein. Ihre Schwäche für das trinkende Bühnengenie und Leidenschaft für das Theater erwachen wieder. Der Zuschauer lernt mit dem Stück im Stück auch etwas über Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" kennen.

Sich mehr und mehr warmredend, gibt Borsody eine kleine Probe davon, wie man sich eine Schauspielerin ihres Formats vorstellt. Sie macht die Bibliothek im Hotel The George zur Bühne, sprengt mit ihrer Direktheit und Präsenz, der volltönenden Stimme und raumgreifenden Gesten fast den kleinen Raum, umgarnt mit langen mäandernden Sätzen den Gesprächspartner und fesselt ihn augenblicklich. Lässig in Bluse, Pullover und Blue Jeans gekleidet, rutscht sie im Redeeifer aus dem breiten ledernen Chippendale-Sofa und macht es sich auf dem Boden gemütlich. Ist ein Mensch wie du und ich.

"Als Bonus-Material gibt es noch die Diskussionen zwischen Schauspielern auf der Bühne für alle im Publikum, die nichts mit diesem Beruf zu tun haben", sagt die Tochter von Rosemarie Fendel und Hans von Borsody. Sie kennt sich also bestens aus. "Ich bin damit groß geworden, das war doch für mich ganz normal, ich kann gar nicht beurteilen, wie anders das ist", widerspricht sie und bringt einen ihrer wortreichen Vergleiche: "Es ist, als ob ein Kind mit Eltern aufwüchse, die fliegen können. Das scheint ihm doch selbstverständlich, bis jemand von außen kommt und staunt: Oh, deine Eltern, die können ja fliegen! Bis dahin ist es ihm gar nicht aufgefallen. Natürlich gingen bei uns Berühmtheiten aus und ein. Aber ich habe gelernt, dass es egal ist, was jemand für Orden hat. Es kommt auf den Menschen an, der sie trägt." Wie Lies im Stück hatte auch Borsody einen Schauspieler als Lebenspartner, könnte vermutlich ein Lied singen über Parallelen und Heino Ferch, will es aber nicht, das sei doch schon 13 Jahre her.

Der Schauspielerberuf hat für Borsody vor allem mit Suchen zu tun. Nach dem Schlüsselsatz, dem Grundgedanken oder dem Bild, das ihr eine Figur und deren fremdes Leben in einem Probenmoment eröffnet. "Es geht im Theater um Antworten auf die Fragen, warum, wann und wie eine Person etwas tut. Habe ich einmal die Grundierung für sie gefunden, kann ich weitermalen." Jetzt spricht aus der darstellenden die bildende Künstlerin, die Borsody ebenfalls ist. "Ich bin keine Hobbymalerin, ich wollte ursprünglich Malerin werden und bin ausgebildet." In Leipzig lief 2012 ihre erste Ausstellung mit Bilder-Zyklen im fotorealistischen Stil.

"Ein Schauspieler ist mit einem Privatdetektiv und Psychoanalytiker zu vergleichen", argumentiert sie für die Normalität ihres Berufs weiter. "Er muss allerdings seine Ergebnisse nach außen tragen und sinnlich in eine audiovisuelle Situation auf der Bühne übertragen können." Womit wir wieder beim Talent und eben - der Kunst wären, die bekanntlich von Können kommt und deren Gelingen ebenso vom Partner abhängt. "Wir spielen ja nicht gegeneinander, sondern miteinander."

Guntbert Warns und sie kennen sich seit drei Jahrzehnten. "Wir haben öfter zusammen gespielt und vor der Kamera gestanden." Zuletzt in Hartmut Griesmayrs Fernsehfilm "Schicksalstage in Bangkok". "Wir sind einander vertraut, und jeder freut sich über das, was der andere auf der Bühne macht. Ich lerne auch seinen Text. Es ist wie ein zweihändiges Klavierstück, das wir spielen, da muss doch die eine Hand wissen, was die andere tut." Der Regisseur Antoine Uitdehaag kommt vor der Premiere, um noch ein bisschen "zu putzen", was sie sehr schätzt. "Finde ich richtig gut, das macht nicht jeder."

Sicherlich, Suzanne von Borsody ist eine Schauspielerin. Sie ist aber nicht über den Leisten zu scheren mit den gesichts- und talentlosen vielen, die sich so nennen oder - noch schlimmer - es gerne wären. Sie ist vor allem eine außergewöhnliche, humorvolle, kluge und (selbst)kritische Frau und eine erfahrene, vielseitige Künstlerin mit mehreren Facetten. Sie malt, präsentiert Lesungen, bespricht Hörbücher (wie jetzt Rilkes "Buch der Bilder"), dreht, spielt, engagiert sich nicht nur als Unicef-Botschafterin sozial und ist Vorsitzende der deutschen Fernsehjury. Was nur schlagend Suzanne von Borsodys Behauptung untermauert: Schauspielerin ist eben doch nicht gleich Schauspielerin. Es existieren sehr große und vor allem ganz feine Unterschiede.

"Der letzte Vorhang" Ernst Deutsch Theater, weitere Vorstellungen bis 17.2., Karten unter T. 22 70 14 20

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