22.11.12

Kampnagel Den Boulevard-Spieß einfach umgedreht

Von Klaus Witzeling
Fotoprobe "Messer-Mord"

Foto: dpa

Fotoprobe "Messer-Mord" Foto: dpa

Das Kollektiv God's Entertainment inszeniert sozialkritisches Reality-Theater mit ehemaligen Strafgefangenen aus Berlin, Hamburg und Wien.

Hamburg. "Messer-Mord: Klinge steckte noch in der Brust" lautet eine der Schlagzeilen aus der Boulevard-Presse, die mit Vorliebe zum "Vergnügen" der Leser Verbrechen ausschlachtet. Kaum überraschend schaffte es ansonsten geflissentlich weder beachtete noch rezensierte Performance-Kunst mit einer wirklichen Doppelmörderin auf das Titelblatt einer Hamburger Tageszeitung. Die Neugier angestachelter, voyeuristischer Besucher wird naturgemäß in der Vorstellung enttäuscht. Denn God's Entertainment dreht den Spieß um. Die erwartungsvollen Zuschauer sehen sie sich unerwartet in der Szenencollage vorgeführt und an den Pranger gestellt.

Sie werden zunächst genötigt, auf Schulbänken Platz zu nehmen und einer Prüfung über Büchner und seine 1836 geschriebenes Drama über den Soldaten und Mörder Woyzeck unterzogen, der zugleich gedemütigtes Opfer und Täter aus Verzweiflung ist. Eine kantige Paukerin heißt die "Schüler" aufstehen, setzt sie ihrem Frage- und Kommando-Terror aus. Ähnlich ergeht es Woyzeck in Büchners Stück in den Diensten von Hauptmann und Doktor. God's Entertainment erzählt nicht das Drama nach, sondern projiziert einige der Szenen und Situationen in die Gegenwart des Spiels und Biografie seiner Darsteller, stellt kritisch den gesellschaftlichen Umgang mit Verbrechen und Strafe zur Debatte.

Wie in der Schaubude werden die acht, wegen verschiedener Vergehen bestraften "Woyzecks" in Holzkästen eingesperrt ausgestellt, dienen dann als exotische monströse "Kreaturen" der Ergötzung. Für lumpige 1,20 Euro bieten sie den Zuschauern ihre Dienstleistungen an: Massage, Stil-Beratung, Brillen und Schuhe-Putzen. Statt über den Menschen ("Was ist der Mensch?") zu philosophieren wie im Büchner-Fragment, preist ein Performer hämisch das Geld als Kunstwerk und eigentliches Übel in einer materialistischen unmenschlichen Welt.

Immerhin gelingt es God's Entertainment – jenseits aller Sensationsmache – in seinem mal unangenehm berührenden, dann wieder witzigen Mitmach-Spektakel ernsthaftere Gedanken zu wecken als in den vorigen, seit 2007 auf Kampnagel gezeigten Produktionen.

"Messer-Mord: Klinge steckte noch in der Brust" Vorstellungen bis 24.11., jeweils 20.00, Kampnagel (Bus172/173), Jarrestraße 20, Karten zu 12,- unter T.27094949; www.kampnagel.de