15.10.12

Theaterpremiere

Fallada am Thalia: Was für ein Glanzstück!

Falladas "Jeder stirbt für sich allein" in der Inszenierung von Luk Perceval ist konzentriertes, großartiges Ensembletheater.

Foto: DAPD
Die kleinen Leute stehen bei Fallada im Mittelpunkt. Oda Thormeyer spielt in Luk Percevals Inszenierung ebenso klug wie emotional die Rolle der Anna Quangel
Die kleinen Leute stehen bei Fallada im Mittelpunkt. Oda Thormeyer spielt in Luk Percevals Inszenierung ebenso klug wie emotional die Rolle der Anna Quangel

Hamburg. Maja Schöne fasst es als Trudel Baumann in einer Schlüsselszene zusammen. "Ja, und was haben wir dafür getan, dass die Zukunft besser wird? Gar nichts! Schlimmer als nichts: Wir haben die gute Sache verlassen ... deswegen sind wir bestraft ..." Nach dem Verlobten hat sie da auch das Kind mit dem neuen Mann verloren. Eine atemlos verdichtete Szene von vielen, mit denen Luk Perceval Hans Falladas letzten, 1947 erschienenen Roman "Jeder stirbt für sich allein", dessen Neuauflage 2011 zum internationalen Bestseller avancierte, auf die Bühne des Thalia-Theaters wuchtet. Der leitende Regisseur setzt ganz auf die gültige utopische Kraft, die der Roman entfaltet, den liebevollen Blick auf die kleinen Leute, die unter der Gegenwart ächzen und auf ein Morgen kaum zu hoffen wagen. Ihren Kampf mit dem monströsen Nazi-Regime, die Dringlichkeit und Verzweiflung, mit der David gegen Goliath aufbegehrt.

Im Auge des Aufruhrs stehen Anna und Otto Quangel, Eheleute, die von Anpassern zu Protestpostkarten streuenden Widerständlern werden, als sie den Sohn im Krieg verlieren. Die Verbissenheit, mit der bei Thomas Niehaus der "vogelgesichtige" und hängeschultrige Tischler und Werkmeister Otto um Beschaulichkeit und Routine im Angesicht des Schreckens ringt, provoziert die bei Oda Thormeyer so kluge und emotionale Anna - bis sie schließlich den maulfaulen Gatten anbrüllt und Taten verlangt.

Alles ereignet sich an einem Tisch, der einzigen Requisite neben der monumentalen Wandskulptur von Annette Kurz, in der sie diesmal eine Modellstadt von Berlin aus 4000 Alltagsgegenständen der Kriegsjahre, Telefonen, Handtaschen, Geigenkästen, Spielsachen, errichtet hat. Stadt und Welt stehen hier buchstäblich kopf. Der Tisch wird zur Universalmetapher, hier wird alles verhandelt: Liebe und Geld, Leben und Information, individuelle Sehnsucht und totalitäres Unrechtsregime. Luk Percevals konzentrierter Minimalismus erreicht in diesem mühelos über vier Stunden tragenden Abend eine neue Dimension.

Die psychologische Grundsituation des Romans kondensiert Perceval auf eine gültige Essenz, die mit der von ihm und Dramaturgin Christina Bellingen zugespitzten Stückfassung aufs Feinste korreliert. Zwar kommt eine Schusswaffe zum Einsatz, doch alle drastischen Gewaltbilder sowie Liebesbegegnungen malt er ausschließlich mit Worten, Gesten und Blicken im Kopf des Zuschauers, wo sie, atmosphärisch verstärkt durch die E-Gitarre von Lothar Müller, umso eindringlicher implodieren. "Jeder stirbt für sich allein" ist weniger installativ als andere Arbeiten Percevals, aber nur vordergründig episches Dialog- und Erzähltheater, denn dahinter kehrt er unerbittlich archaische Gefühle hervor, lässt seine Darsteller verausgabend toben, brüllen, schwitzen und rennen. Dem Zuschauer präsentieren sich die Figuren wie unter einem Brennglas als sowohl Handelnde wie Reflektierende.

Es ist auch großes Ensembletheater, in dem die Schauspieler häufig mehrere Rollen übernehmen und jeder irgendwie zu einem Protagonisten wird. André Szymanski gibt seinem Kommissar Escherich eine bewegende Zerrissenheit und Melancholie. Grau der Anzug (Kostüme: Ilse Vandenbussche), grau der Oberlippenbart, angstgeweitet die Augen, umschleicht er Enno Kluge, unter dessen Schirmmütze Daniel Lommatzsch eine weinerliche Jammerlappigkeit zur Schau stellt, diesen Tagedieb, Taugenichts und Frauenbenutzer, der sein Bauernopfer werden muss, weil der monströse SS-Obergruppenführer Prall, den Barbara Nüsse als blutdurstigen Kampfhund gibt, eine Festsetzung in der Postkartenangelegenheit, "der Sache Klabautermann", verlangt.

Kluge, der gerade mal wieder an einem wogenden Busen, diesmal der gutherzigen Tierhändlerin Hete Häberle (eine Wucht: Gabriela Maria Schmeide), Unterschlupf gefunden hat, wird verraten von Emil Barkhausen, einem weiteren Kleinkriminellen, der mit einer kleinen Denunziation auf dringend benötigtes Geld hofft und den Alexander Simon hampelnd mit Nerdgestell auf der Nase als etwas überzeichnete Dieter-Hallervorden-Karikatur gibt. Der Showdown zwischen Escherich und Kluge ist in seinem nebligen Purismus ein Glanzstück von vielen an diesem Abend. Mit großem Gespür lotet das Ensemble alle tragischen Facetten von Angst, Zynismus, Zartheit, aber auch der Groteske bis zur Knallcharge aus.

Der Untergang der Quangels ist natürlich besiegelt. Beide nehmen ihn mit Würde auf sich. Dieser wunderbare, schreckliche Abend wäre nicht zu ertragen, wenn am Ende nicht doch ein utopischer Funken glimmte. Fallada setzt ihn in Gestalt von Eva Kluge (Cathérine Seifert), jener Postbeamtin, die alles verloren hat, aus der Partei ausgetreten ist und sich aufs Land zurückgezogen hat. Damit tritt sie zwar keine Revolution los, aber sie findet einen Weg, "anständig" zu bleiben. Der Totalitarismus, er ist bekanntlich nicht ausgemerzt in unserer Welt. Auch daran ermahnt dieser bravouröse Aufruf zur Wachsamkeit, zum Mut und zum Handeln.

"Jeder stirbt für sich allein" wieder am 27.10., 13./18./23.11., Thalia-Theater, Kartentel. 32 81 44 44

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