27.12.12

"Selbstverständlich gleichberechtigt"

Flammendes Plädoyer für die permanente Emanzipation

Die ehemalige Hamburger Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit hat eine fesselnde "autobiographische Zeitgeschichte" vorgelegt.

Von Stefan Grund
Foto: Irene Jung
Lore Maria Peschel-Gutzeit war Justizsenatorin in Hamburg und Berlin, Rallyefahrerin und arbeitet auch noch mit 80 Jahren als Familienanwältin
Lore Maria Peschel-Gutzeit war Justizsenatorin in Hamburg und Berlin, Rallyefahrerin und arbeitet auch noch mit 80 Jahren als Familienanwältin

Hamburg/Berlin. Das wichtigste Buch für Frauen als solche, das zum Jahresende erschienen ist, trägt den Titel "Selbstverständlich gleichberechtigt" und stammt aus der Feder der Hamburgerin Lore Maria Peschel-Gutzeit. Die erfolgreiche Juristin und Politikerin, über lange Jahre zugleich alleinerziehende Mutter von drei Kindern, arbeitet mit 80 Jahren immer noch voller Energie als Familienanwältin in Berlin. Sie erzählt eine "autobiographische Zeitgeschichte". Und die hat es in vielerlei Hinsicht in sich. Anekdoten lockern die Hauptränge der persönlichen Erzählung auf. So liebt Peschel-Gutzeit schnelle Autos und ist jahrelang Ralleys gefahren, was manche hübsche Episode garantiert. Doch ist die Autobiographie, die Peschel-Gutzeit gemeinsam mit Nele-Marie Brüdgam verfasste, zugleich ein fundiertes Sachbuch zu Fragen der Emanzipation und ein flammendes Plädoyer für die Gleichberechtigung von Frauen und Kindern.

Der Stil ist fesselnd und lebendig, denn die ehemalige Hamburger und Berliner Justizsenatorin schreibt, wie sie spricht, und wenn sie spricht, redet sie zugleich druckreif und wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das ist jedoch nicht die einzige seltene Gabe, über die Peschel-Gutzeit verfügt. Schlagfertig setzt sie sich für gewaltfreie Erziehung ein, humorvoll und entschlossen kämpft sie gegen männliche Respektlosigkeiten. Und erfolgreich hat sie einige Gesetze initiiert oder mit gestaltet, die Rechte von Frauen und Kindern in Deutschland gestärkt haben.

Die bleibenden Erfolge reichen von der sogenannten "Lex Peschel", dem Gesetz, das 1969 die Teilzeitarbeit und den Familienurlaub für Beamtinnen mit Kindern möglich machte und regelte, bis zur Einführung der Pflicht, bei Sorgerechtsentscheidungen auch die davon betroffenen Kinder anzuhören. Vor der Lex Peschel waren Lehrerinnen oder Richterinnen mit Kindern gezwungen, deren Erziehung ganz in fremde Hände zu legen oder den Beruf zu quittieren. Vor der Anhörung von Kindern bei Scheidungen wurden Entscheidungen häufig über deren Kopf hinweg getroffen, häufig nicht zum Wohl der Kinder. Ein anderes von Peschel-Gutzeit erfolgreich erkämpftes Gesetz ist das "Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege", das erst 1998 in Kraft trat.

Die Meilensteine der Emanzipation und Gerechtigkeitsfördertung errichtete Peschel-Gutzeit mit Beharrlichkeit, Mut und guten Argumenten. Dabei ist sie nicht einmal ansatzweise das, was böswillige Männer als "Emanze" verunglimpfen würden. Klar definiert sie in ihrem Buch die Gemeinsamkeiten mit Frauen wie Alice Schwarzer: "Als die Feministinnen … gegen den Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches protestierten, den 'Abtreibungsparagraphen', habe ich ihr Anliegen selbstverständlich unterstützt." Doch zieht sie auch klare Grenzen: "Doch die Methoden der 'Mein Bauch gehört mir'-Bewegung und die radikalfeministischen Weltanschauungen, die jene Frauen zum Teil vertraten, waren nicht die meinen."

Die einleuchtende Begründung folgt wie immer in diesem überzeugenden Buch auf dem Fuße: "Wenn Frauen frech und provokant auftreten, können sie damit etwas anstoßen, die Menschen zum Nachdenken bringen, auch Empörung hervorrufen, das alles ist wichtig." Doch für "große Umwälzungen" und "langfristige Verbesserungen", so Peschel-Gutzeit, "ist ein sehr langer Atem nötig, der Marsch durch die Instanzen. Außerdem sind Verbündete wichtig, vor allem verbündete Männer."

Anhand vieler Beispiele beschreibt die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Juristinnenbundes, wie viel Ausdauer im Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung mitunter nötig ist, welche Lernprozesse dazugehören, wenn Gesetze verändert werden sollen. Dazu gehört es, Intrigen auszuhalten und zu bekämpfen. Andererseits schildert sie auch, wie die Macht eines Amtes es erleichtert, sinnvolle Entscheidungen ohne lange Verzögerungen zu treffen und durchzusetzen. Zum Beispiel organisierte sie einst in Hamburg, dass pädophile Straftäter auf Freigang von Beamten aus anderen Bundesländern beschattet wurden, damit sie sich nicht an Kindern vergehen konnten.

Trotz ihrer privaten und beruflichen Erfolge hat Peschel-Gutzeit es – wie andere Menschen auch – keineswegs immer leicht gehabt im Leben. Doch verschweigt sie private und berufliche Krisen keineswegs, sondern schildert, wie es ihr gelang, diese zu meistern und meist auch an ihnen zu wachsen. Und auch in der Bilanz ihres Lebens bleicht Peschel-Gutzeit selbstkritisch. Die Autobiographie – von der Jugend nach 1945 über das Studium bis hin zur eigenen Familie mit drei Kindern, zur ersten weiblichen Vorsitzenden eines Familiensenats am Oberlandesgericht in Hamburg und zur erfolgreichen Justizsenatorin – wirkt bei der Lektüre des ganzen Buches wie ein kleiner Roman, als Spannungsmotor. Doch auch die wissensvermittelnden Abschnitte sind lebendig erzählt, es macht Freude, sie zu lesen.

Auf der Basis eines klaren und sympathischen Frauen- und Männerbildes erklärt Peschel-Gutzeit, was sie in Abgrenzung zu Seilschaften unter Netzwerken für Frauen versteht und welche Vorteile eine weibliche Führungskultur Unternehmen bringt. Daraus leitet sie eine der Forderungen ab, für die sie immer noch kämpft: Die gesetzliche Quote für Frauen in Aufsichtsräten deutscher Unternehmen. Und sie fordert das Wahlrecht für Kinder. Obwohl diese beiden Forderungen auf den ersten Blick nicht zwingend viel miteinander zu tun haben, spricht aus ihnen das gleiche Gerechtigkeitsempfinden. Das Judiz einer Frau, die sich auch in vielen ehrenamtlichen Positionen stets für das Gemeinwohl engagiert hat und die das emanzipatorische Prinzip stärker verkörpert als die Emanzipation. Schon insofern ist "Selbstverständlich gleichberechtigt" auch das wichtigste Buch, das zum Jahresende für Männer als solche erschienen ist.

Lore Maria Peschel-Gutzeit: "Selbstverständlich gleichberechtigt", Hoffmann und Campe, 304 Seiten, 22,99 Euro

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