Laeiszhalle

Eine dramatische Liebesgeschichte als musikalisches Wunder

Sir John Eliot
Gardiner wurde
1943 in Dorset/
England geboren

Foto: Sim Canetty-Clark

Sir John Eliot Gardiner wurde 1943 in Dorset/ England geboren

Was für ein Abend: Überwältigender Jubel für die konzertante Aufführung von Glucks "Orphée et Eurydice".

Hamburg.  Am Ende war der Jubel so gewaltig, dass man um das Überleben der Anzeigenadel eines Applausometers gefürchtet hätte, wäre einer in Betrieb gewesen. In den Maßstäben der üblichen Hamburger Begeisterungsskala jedenfalls war der Beifall nicht mehr zu messen, mit dem das Publikum Sir John Eliot Gardiner und seine unfassbar aufspielenden Ensembles mitsamt den drei Gesangssolisten überschüttete.

Völlig zu Recht: Deren konzertante Aufführung der Oper "Orphée et Eurydice" von Christoph Willibald Gluck, mit der die Elbphilharmonie-Konzerte am Montag ihre Saison eröffneten, war absolut überzeugend und ließ keinen Moment das Szenische vermissen. Nur die finale Ballettmusik, die nach dem letzten verklungenen Gesangston noch rund 15 Minuten orchestrales Brausen und Schwelgen aufbietet, machte ohne Ballett im konzertanten Rahmen nicht so viel Sinn.

Dieser "Orphée" versprühte das Glück fortwährenden multiplen Gelingens. Einfach alles stimmte: Der Monteverdi Choir, der ohne Noten sang, bot ein Maximum an lichter Präzision und Textverständlichkeit auf. Allein schon dank seiner klanglichen und artikulatorischen Farben wurde der "Orphée" zur gleichermaßen fesselnden wie bewegenden Erzählung; herrlich etwa, wie schroff der Chor in seiner Rolle als Furien den armen Orpheus zu Beginn des zweiten Akts mit seinen "Non!"-Rufen erst wiederholt abwies, um sich schließlich – wie es schien – fast dankbar dessen übermächtigem Gesang in süßen Tönen geschlagen zu geben.

Die Streicher von Gardiners herz- und verstandgesteuerter Spezialtruppe riefen auf ihren Instrumenten spielend alle Emotionen vom fadendünnen Hauch der Trauer bis zum beißenden Gezeter ab. Die drei Barockposaunen begleiteten den Eingangschoral so fein, als seien sie aus Seide gefertigt. Später aber ließen sie keine Gelegenheit verstreichen, wo nötig auch ihre Zähne zu zeigen, und in dem fantastischen Instrumentalrausch im zweiten Akt vor Eurydices erstem Auftritt, mit dem Gardiner den ersten Teil beschloss, hupten sie mit so viel Schmackes in den Hörner- und Trompetenschall, dass es einen kaum auf den Sitzen hielt. Den beiden Traversflötistinnen später im Duett und Rachel Beckett in ihrem nahezu senza vibrato geblasenen Solo zuzuhören war die reine Wonne. Sie spielte ihre Melodien mit einer wunderbaren Gelassenheit und Intimität.

Gluck und seine Librettisten waren so frei, dem Orpheus-Mythos seine tragische Strenge zu nehmen, indem sie Eurydice, statt sie – zur Strafe für die Hybris ihres Mannes, sich entgegen dem Göttergebot doch nach ihr umgedreht zu haben – auf ewig in den Hades zu sperren, ein zweites Mal ins Leben zurückkehren lassen. Der dies Happy end im "Orphée" bewerkstelligt, ist Amor selbst. Amanda Forsythe gab der Figur neben ihrem herrlichen Sopran die nötige Portion Keckheit und Stolz, so wirksam Schicksal spielen zu dürfen. Lucy Crowe verströmte als Eurydice mit ihrem sonnenhaft üppig strahlenden Sopran erst Honig, dann Galle. Man musste Michele Angelini dafür bewundern, wie es ihm als Orphée gelang, so lange und tapfer den Blick von dieser betörend klangmächtigen Sängerin fernzuhalten. Auch er bot eine Glanzvorstellung, selbst wenn den Koloraturen in "L'espoir renaît dans mon âme" die letzte Geschmeidigkeit (noch) fehlte. Gardiner aber war der souveräne, leidenschaftlich agierende Architekt dieses Wunders. Noch die kleinste Phrase hatte Gestalt, Dynamik, Farbe. An diesem Abend wurde die Musik zum unmittelbaren Ausdruck des Lebens in seiner ganzen schönen Fülle.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.