Konzertsaison in Hamburg

Bach erstrahlt in der Laeiszhalle in einem neuen Licht

Michael Hammers’
Lichtinstallation
ergänzte die Aufführung
im Großen
Saal der Laeiszhalle

Foto: Andreas Laible / HA

Michael Hammers’ Lichtinstallation ergänzte die Aufführung im Großen Saal der Laeiszhalle

Die Symphoniker starteten mit einer illuminierten Aufführung der h-Moll-Messe, dirigiert von Jeffrey Tate, in die Konzertsaison.

Hamburg.  Buhrufe, so unartikuliert sie ihrer Natur nach auch sind, fallen in die Kategorie der freien Meinungsäußerung und müssen deshalb selbstverständlich toleriert werden. Als am Sonntagabend in der Laeiszhalle nach dem frenetischen Jubel insbesondere für den Chor der Gächinger Kantorei und wärmstem Applaus für die Gesangssolisten und die Hamburger Symphoniker deren Chefdirigent Jeffrey Tate mit einem Fingerzeig schließlich den Lichtkünstler Michael Hammers nach vorn bat, schallten ihm im Beifall auch einige sehr kräftige Buhrufe entgegen. Sie bezogen sich auf die Illumination, die Hammers auf Einladung der Symphoniker zur Aufführung der h-Moll-Messe von Bach beigesteuert hatte. Man darf über das Maß des Gelingens seiner Arbeit unterschiedlicher Meinung sein; aber diese Buhrufe nach einem der größten Werke der abendländischen Sakralmusik waren beschämend.

Schon klar, wir leben im Zeitalter des Anything goes, jeder darf alles, und bedeuten tut nichts mehr irgendwas. Und ja, die Symphoniker hatten das Werk vom sakralen in den säkularen Raum geholt. Aber ging mit diesem Wandel des Aufführungsortes etwa eine Profanierung der Messe einher, die so derb unchristliches Verhalten rechtfertigt? Empfindsame Seelen im Saal dürften diese Buhrufe für Herrn Hammers als Eklat in Erinnerung behalten.

Tatsächlich fügten die Farbstrahlungen zwischen Lila, Gelb und Weiß – eben jene der h-Moll-Messe vermeintlich innewohnende "Lichtstimme", die Hammers selbst dem Werk abgelauscht haben will – der Aufführung eine gewisse Unvergesslichkeit hinzu. Dass die dann doch entgegen aller ehrenwerten Intentionen des Lichtkünstlers eher im Trivialen lag, mag die Buhrufer befeuert haben. So stieg etwa im Credo bei der Textzeile "descendit de coelis" ein lila Farbkreis über die Orgel an der Wand hinter Chor und Orchester hinab, um beim "Ressurexit est" als weißer Lichtkreis wieder aufzuerstehen.

In der Absicht, das Publikum auch optisch an der Messe teilhaben zu lassen, sandte Hammers sein Scheinwerferlicht immer mal wieder in den Saal und ließ es Ränge und Reihen umarmen. Beim besten katholischen Willen ließen sich bei diesen Kommunionsversuchen durch Licht Assoziationen an Suchscheinwerfer nicht aus dem Kopf bannen. Auch eignet sich die schön schnörklige Innenarchitektur der Halle nur bedingt zur Illumination. Die Projektionsflächen dort – Orgel, Balkone, Stukkaturen – sind zu plastisch, als dass das auf sie gerichtete Licht als autonome Kraft erscheinen könnte.

Hammers hatte sich vorgestellt, die Ausführenden auf der Bühne in einem Halbkreis zu formieren, der sich mit dem Publikum zu einem ganzen runden würde, und dass die Mitte dieses Kreises frei bleiben sollte. Diese Konstellation hätte ein schönes Bekenntnis zu menschlicher Gemeinschaft sein und zumindest visuell die Kraft eines mit einem einzigen Zen-buddhistischen Pinselstrich gemalten Kreises entfalten können. Der aber kam nicht wirklich zustande, weil die Sänger der Gächinger Kantorei sich auf die Idee mit dem Kreis offenbar nicht einlassen wollten und in zwei geraden Reihen nebeneinander Aufstellung nahmen. Tate aber räumte tatsächlich den Mittelpunkt und saß abseits – leider manchmal zu weit, um Continuo, Orchester und Chor präzis zu einen. Mehrfach geriet die rhythmische Einheit ins Schlingern.

Der Chor hatte allen Jubel verdient, unter den Solisten hinterließen Chen Reiss (Sopran) und Daniel Behle (Tenor) den stärksten Eindruck. Der eingesprungene Bass Alastair Miles kam klanglich erst in seiner zweiten, von kleiner Besetzung begleiteten Arie zur Entfaltung, die ebenfalls eingesprungene Altistin Gerhild Romberger hatte bei der finalen "Agnus dei"-Arie einige intonatorische Mühen. Weder das Werk noch der herausgehobene Anlass seiner Aufführung brachten die Symphoniker und ihre Solisten an Flöte, Violine, Oboe, Horn und Trompeten dazu, wesentlich über sich hinauszuwachsen. Was von dem Abend bleibt, ist der Eindruck einer dramaturgisch noblen und ambitionierten, künstlerisch indes nicht vollends befriedigenden Erfahrung – weit oberhalb freilich jedes Gedankens an ein Buh.

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