Konzert-Tipp

"Jazz Matters" bläst zur ersten Hamburger Jazz-Völkerverständigung

Foto: Pressefoto,Pressefoto / Foto: PR

In der Hamburger Fabrik teilen sich zwei Oldtime-Kapellen und zwei Modern-Jazz-Bands die Bühne. Sie wollen zeigen: Wir Musiker sind einander viel grüner als manche Fans der einen und der anderen Spielart.

Hamburg. Es gab Zeiten in Hamburg, da schien der ideologische Graben zwischen den Fans des Oldtime-Jazz und jenen, die zeitgenössische Spielarten des Jazz bevorzugten, fast so unüberwindlich wie die Berliner Mauer. Die einen rümpften die Nase über die vermeintlich Ewiggestrigen, die auf Kornett, Klarinette, Posaune und Banjo mit bescheidenen musikalischen Mitteln für gute Laune sorgten. Die Oldtimer wiederum kriegten Pickel, wenn die Modernisten in ihren Soli kein Ende finden wollten. Zu verkopft, zu abstrakt, zu anstrengend. Die einen waren zufrieden, dass sie beim Frühschoppen Musik zum Vormittagsbier geliefert bekamen. Die anderen verstanden sich als Speerspitze künstlerischen Wagemuts, als Nachteulen, ausschließlich befasst mit musikalisch Hochprozentigem.

Was die ausübenden Musiker selbst betrifft, so gehört solches Lagerdenken wohl ins Reich der Legenden. Gewiss gab es manche unter den alten Recken, die vor den Kompliziertheiten des Bebop die Waffen streckten und sich von der Entwicklung des Jazz abgekoppelt fühlten. Und es gab die Hochnäsigen unter den Jungspunden, die sich mit Fleiß in Codes verständigten, bei denen die Alten nicht mehr mitkamen. Zugleich aber war gerade der Jazz immer eine der Vermischung der Generationen gegenüber offene Kunstform; die Jungen lernen im Zusammenspiel mit den Alten, und die profitieren von den Impulsen, die die Jungen mit in die Band bringen. Heute begegnen einem junge Musiker, die sogar hauptsächlich die Stilistik der Alten pflegen.

Wie in der großen Politik folgte auf den kalten Krieg unter den Fans des Jazz eine lange Phase der friedlichen Koexistenz; auf das Wort Oldtime reagiert schon lange kaum ein Free-Jazz-Liebhaber mehr mit Schaum vor dem Mund. Man lässt die Vielfalt der Stile gelten, ohne sich doch dem anderen ernstlich anzunähern.

Die Mauer in den Köpfen abtragen

Jetzt aber versuchen 24 Hamburger Jazzmusiker, die in den Köpfen vieler Fans noch immer vermutete Mauer mit eigenen Händen abzutragen. Sie haben ein Konzert organisiert, das sich "Jazz Matters" nennt und das am morgigen Donnerstag in der Fabrik vier Bands beider Spielarten zusammenbringt: Addi Münsters Old Merry Tale Jazzband, Dan Gottshall's Artful Earful, Shreveport Rhythm und das Quintett Jean Paul um Gabriel Coburger.

"Wir sind zwei Minderheiten, und wir sollten uns nicht zerstreiten oder auseinanderdividieren lassen", sagt Jost "Addi" Münster, der 1957 die Old Merry Tale Jazz Band mitbegründete. Seine Kapelle eröffnet den Abend und gibt nach einer halben Stunde den Staffelstab an das Quintett des Posaunisten Gottshall weiter. Über den Standard "Lester Leaps In" werden beide Gruppen ein paar Takte lang zugleich spielen. Nach der Pause wiederholt sich der erwünschte Zusammenstoß der Jazz-Kulturen mit dem Traditional- und Swing-Quartett Shreveport, das dann beim Song "Children's Funk" das Holz an Coburgers Truppe weiterreicht. "Wir werden elektronisch verzerrt spielen und den Gegensatz richtig auskosten", kündigt Coburger an. Als Zeichen aktiver Hamburger Jazzvölkerverständigung wollen sich zum Finale alle beteiligten Musiker auf der Bühne versammeln, um gemeinsam eine vom "Jazz Matters"-Initiator Volker Reckeweg komponierte Nummer zu spielen.

Das Pilot-Konzert – Erfolg vorausgesetzt, sollen sich solche Begegnungen wiederholen – kommt zu einer Zeit, da der Jazz in Hamburg nach recht prekären Jahren wieder vorsichtig floriert. Die zarte Blüte verdankt sich einem vielerorts zu beobachtenden neuen Geist des Teilens und der Kooperation. So hat das Birdland nur deshalb wieder aufgemacht, weil die beiden Musikersöhne des Gründerehepaars Reichert eine Fusion mit den gastronomisch gewieften Betreibern des auf Singer-Songwriter und Folk abonnierten Lokals Freundlich & Kompetent eingegangen sind. Die Sessions am Donnerstag laufen prächtig, sogar vor noch jüngerem Publikum als früher, sagt Wolf Reichert vom Birdland. Mindestens jeden ersten Sonnabend im Monat gibt es dort jetzt wieder ein Konzert.

"Mixed Generations" gibt Nachwuchs eine Chance

Die Jazz Federation Hamburg, die im Juni 2013 nach der Schließung des Birdland lange heimatlos war, profiliert sich mit guten Programmideen im neuen Domizil, der Cascadas Bar. So soll die Reihe "Mixed Generations" talentierten Hamburger Nachwuchs mit manchem Helden des Jazz zusammen bringen. In der ersten Ausgabe am 15. April präsentiert sie den eminent vital und sensibel spielenden jungen Schlagzeuger Nathan Ott im Zusammenspiel mit dem US-Saxofonisten Dave Liebman.

Gabriel Coburgers dienstäglicher Reihe "Fat Jazz" ist der nach der Schließung der Bar 227 notwendig gewordene Umzug in den Golem sehr gut bekommen. Die Konzerte ziehen deutlich mehr Publikum. Und die stets erfindungsreiche Elbjazz-Macherin Tina Heine hat jüngst am Oberhafen eine neue, äußerst charmante Spielstätte für Jazz aufgetan. Unter dem Titel "Elbjazz Tracks" treten künftig in loser Folge Bands in der Halle 424 in der Stockmeyerstraße 43 auf. Nächster Termin: Marius Neset Quartet am 28. Februar.

Jazz Matters, Do, 8.1., 20.00, Fabrik (S Altona), Barnerstr. 36, Tickets zu 15,- unter T. 39 10 70

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.