Abendblatt-Interview

"Hamburg sollte im Musikmarkt eine Pionierrolle einnehmen"

Foto: Marcelo Hernandez

Die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, die auch den Musikpreis Hans vergibt, fordert eine Gesamtstrategie für den Musikstandort Hamburg. Und das ist längst nicht das einzige Ziel.

Hamburg. Am 26. November wird in der Markthalle zum sechsten Mal der Hamburger Musikpreis Hans verliehen, der nicht nur die Künstler, sondern auch ihr Umfeld wie Designer, Manager und Produzenten auszeichnet. Vergeben wird der Preis von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM), die 2014 zehntes Jubiläum feiert und die die erste sowie mitgliederstärkste Vertretung ihrer Art in Deutschland ist. So eben hat die IHM anlässlich der Bürgerschaftswahl 2015 ein Grundsatzpapier mit Forderungen an Hamburgs Parteien, aber auch an Bund und EU veröffentlicht. Im Gespräch mit dem Abendblatt bilanzieren Geschäftsführer Timotheus Wiesmann sowie Benedikt Lökes, Kommunikationsdirektor bei Warner Music, und Mojo-Club-Betreiber Leif Nüske aus dem IHM-Vorstand, wie es um die Musikstadt Hamburg bestellt ist und welche Ziele sie noch umsetzen möchten.

Hamburger Abendblatt: Die IHM hat sich gegründet, als die Krise der Musikindustrie in vollem Gange war. War das ausschlaggebend, sich zusammen zu tun?

Benedikt Lökes: Anfang der Nuller-Jahre gab es einen gewaltigen Aderlass in der Hamburger Musikwirtschaft. Universal ist weggegangen, MTV, Teile von BMG. Wir haben festgestellt, dass eine Musikstadt ausbluten kann, wenn man nicht gegensteuert. Damals war offensichtlich die Erkenntnis auf Seiten der Stadt noch nicht so ausgereift, um wirklich einzugreifen. Ich erinnere mich, dass ich vor zehn Jahren einem Senator gesagt habe, dass es an der Zeit wäre, mehr für die Popkultur und die Musikbranche in Hamburg zu tun. Er antwortete: Aber den Musicals geht's doch prächtig. Das zeigt ungefähr, wo wir damals standen.

Leif Nüske: Bis zu unserer Gründung hat jeder in der Musikwirtschaft individuell seine Kontakte genutzt. Sei es zu Politik, Verwaltung oder den Medien. Mit der IHM hat eine Bündelung stattgefunden, von Kleinstfirmen wie Herzog Records bis zu großen Unternehmen wie Warner Music, die jetzt gemeinsame Interessen definieren.

Aber was die Wahrnehmung von Popkultur angeht ist im Vergleich zu Musicals doch durchaus Platz nach oben, oder?

Lökes: Ich finde, beides kann wunderbar nebeneinander existieren. Ich würde da gar nicht in Konkurrenz gehen wollen. Die Musicals sind klasse. Toll, dass jetzt zwei weitere Häuser in Betrieb genommen werden. Aber auch die Musikkultur hat mehr und mehr an Relevanz gewonnen. Stichwort: Reeperbahn-Festival. Da feiern wir im nächsten Jahr das Zehnjährige. Es ist eine Grundstimmung entstanden, die Größeres möglich macht. Seit vielen Jahren gibt es den Mediendialog, seit zwei Jahren laden Bürgermeister und Kultursenatorin als Spin-off zum Musikdialog ins Rathaus. Dort wurde nun eine Studie in Auftrag gegeben, die die volkswirtschaftliche Bedeutung der Musikwirtschaft untersucht. Aus Hamburg heraus für ganz Deutschland. Die Ergebnisse sollen 2015 beim Reeperbahn-Festival präsentiert werden.

Was konnte die IHM in den vergangenen zehn Jahren erreichen, und wo sind Sie auf Hindernisse gestoßen, gescheitert?

Timotheus Wiesmann: Ganz am Anfang ging es darum, überhaupt bei Politik und Verwaltung Gehör zu finden. Das bedeutete, viele dicke Bretter zu bohren. Zum Beispiel haben wir dafür gekämpft, dass das Reeperbahn-Festival stärker finanziell unterstützt wird. An dem Aufbau des Radiosenders 917xfm waren wir beteiligt. Von Anfang an auf unserer Agenda steht der Bau einer Musikhalle mit 4000er-Kapazität. Die gibt es noch nicht. Aber da ist nicht alleine die Stadt in der Pflicht, sondern das liegt auch in der Verantwortung privater Betreiber. Insgesamt zahlt sich unsere langfristige Arbeit jetzt aus. Die Politik hat erkannt, dass Musikwirtschaft wirtschaftlich, touristisch, kulturell und gesellschaftlich bedeutend ist für Hamburg.

Mit wem in der Stadt reden Sie konkret?

Nüske: Wir haben themenbezogen ganz unterschiedliche Ansprechpartner. Das reicht von der Kultur- über die Wirtschafts- bis zur Baubehörde. Das spiegelt auch wider, wie vielfältig Musik in die Stadt hinein wirkt. Dass derart verschiedene Fachbereiche zuständig sind, ist aber zugleich auch die Schwierigkeit.

Wünscht sich die IHM da klarere Strukturen auf städtischer Seite? In ihrem Grundsatzpapier zur Wahl 2015 schreiben Sie ja zum Beispiel vom "Förderdschungel".

Wiesmann: Was für uns wichtig ist: Dass die Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Behörden verbessert und an die neuen Anforderungen einer wachsenden Musikbranche angepasst wird.

Lökes: Wir sind nach zehn Jahren an einen Punkt angekommen, an dem wir – etwa was Internationalisierung angeht – den nächsten Sprung machen müssen. Hamburg muss sich nicht mit London und Paris messen, aber wir sollten uns angucken, wie Städte wie Kopenhagen, Barcelona und Wien die Kraft der Musikwirtschaft genutzt haben. Der internationale Austausch ist deshalb extrem wichtig.

Wiesmann: Andere Standorte expandieren deutlich mehr. Hamburg sollte hier eine Pionierrolle einnehmen und den Labels, Verlagen, Veranstaltern und Agenten helfen, ihre Produkte zu exportieren. Das muss nicht immer Amerika sein, es gibt auch bedeutende Musikmärkte in den Nachbarländern der EU.

Der Senat verwendet gerne die Vokabel "Musikmetropole", gerade in Hinblick auf die geplante Eröffnung der Elbphilharmonie 2017. Wird, kann und soll Hamburg diese Rolle ausfüllen?

Nüske: Ich würde so einem Etikett immer widersprechen. Denn das ist etwas, worauf man sich ausruht. In Hamburg wird es immer ein großes kreatives Potenzial geben. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Wie gehe ich mit Freiräumen um? Welchen Bereich lasse ich in Ruhe, welchen Bereich unterstütze ich?

Wiesmann: Grundsätzlich ist es wichtig, eine Gesamtstrategie für den Musikwirtschaftsstandort zu entwickeln. Von der Elbphilharmonie bis zu den Clubs, von Bildungsangeboten bis zur Vermarktung. Das alles muss zusammen gedacht werden. Und das passiert noch nicht in ausreichendem Maße. Das muss der nächste Senat angehen.

In Ihrem Grundsatzpapier steht der sehr anschauliche Satz "Kleine Lichter werden bald zu Leuchttürmen". Hat die Stadt denn genug Vertrauen in die kleinen feinen Projekte jenseits von Mainstream-Events?

Wiesmann: Es gibt da seit einigen Jahren eine Besserung. Initiativen wie das Gängeviertel haben den Stein in der öffentlichen Wahrnehmung ins Rollen gebracht. Mit der Viktoria-Kaserne gibt es ein weiteres tolles Projekt. Ein gutes Beispiel, wie Sparten übergreifend zusammen wirken. Wie sich bildende Künstler mit Musikern mischen. Es geht darum, Kultur ohne Schubladendenken von unten aufzubauen, damit auch in zehn, 20, 30 Jahren etwas da ist.

Was tut die IHM da konkret?

Lökes: Eines unserer Anliegen ist die Förderung der Club-Landschaft. Unser Künstler Ed Sheeran ist zum Beispiel 2011 im Grünspan noch vor wenigen Fans aufgetreten. Vorletzte Woche hat er in der O2 World eine ausverkaufte Show gespielt. Wir brauchen also eine lebendige Club-Szene, damit sich die Künstler ausprobieren können. Günstiger Wohnraum für junge Künstler ist für uns ein weiterer wichtiger Aspekt. Wenn wir eine vitale Popkultur-Szene haben möchten, dann müssen wir ganzheitlich denken.



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