Online-Dating Und wenn sie nicht verliebt sind, dann chatten sie noch heute

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Nirgends wird so oft im Internet nach dem oder der Richtigen gesucht wie in der Hansestadt. Eine Hamburgerin stellte jetzt zwölf Profile von sich ins Netz und dokumentierte die Reaktionen der Männer – ein Bericht.

Es gibt diese Tage, an denen man froh ist, ein Steak auf dem Teller zu haben und nicht an Ohrläppchen rumkauen zu müssen." Wo wir uns befinden? In einer Block-House-Filiale? Vor einem Argentinien-Werbeplakat? Auf einer Rinderfarm? Nein, wir sind auf einer Online-Datingplattform – und gleichzeitig auf der Zielgeraden eines spannenden Internet-Experiments. Eine Hamburgerin hat sich zwölf verschiedene Charaktere ausgedacht, von der Femme fatale über die Luxusschnepfe bis zur biederen Hausmutti, um herauszufinden, wie und auf wen die Männer reagieren. Mit Akribie wechselte sie kostenlose Foren, das Alter der erdachten Identitäten und ihre Wohnorte. Für die Fotos, die die jeweiligen Profile erforderten, reichten ein paar Perücken und andere Klamotten, schon sah sie wie eine andere aus.

Ein Jahr lang chattete sie mit Typen wie Badeschlumpf, Obstnase, Borstilein, Käptn Subtext, JamesBlond oder Schinkenpeter. "Es waren seltsame Wesen, die mir dort begegneten. Männer können es nicht gewesen sein", sagt amaryllis26, so lautet ihr Pseudonym. Ihren richtigen Namen möchte die Hamburgerin jetzt lieber nicht verraten, denn sie hat ein Buch über ihre Erlebnisse in den Abgründen des Internetdatings geschrieben. Es heißt "Lust auf Fikken?", und der Titel verrät bereits, dass Besprechungen darüber eher nicht im Feuilleton stattfinden werden. Außerdem könnten einige Männer vielleicht verärgert sein, unfreiwillig zu Akteuren einer öffentlichen Untersuchung geworden zu sein.

Amaryllis26 ist Anfang 40, wir treffen sie im Café Paris, hier ist es schön laut und durcheinander, niemand hört, worüber wir sprechen. Und außerdem: Paris, die Stadt der Liebe, welcher Ort wäre geeigneter für die große Frage: "Wo finde ich meinen Traumpartner?" Amaryllis26 bestellt sich einen Crêpe aus Buchweizen. Sie sieht hübsch aus und wirkt fast zu harmlos für das Ding, das sie durchgezogen hat. Denn so lange in so verschiedenen Rollen zu kommunizieren, das erfordert als Vorbereitung mindestens den Schauspielkurs für Fortgeschrittene. "Die düstere belledejour darzustellen, fiel mir besonders schwer." Belledejour ist eine depressive Ästhetin, ihr persönliches Statement im Dating-Forum lautet: "Es gibt diese Tage, wo ich mir eine Louis-Vuitton-Tasche für 1200 Euro kaufen muss, um nicht zu sterben." Außerdem hält sie Romantik für "ein Kindermärchen" und: "Fitness ist für Sportidioten". Würde man diese Frau unbedingt kennenlernen wollen? Eigentlich nicht.

Doch sie bekommt erschreckend viele Zuschriften. "Das lässt mich an der geistigen Gesundheit der Männer zweifeln", sagt amaryllis26. So antwortet zum Beispiel ein Kerl namens Play-it-again (Filmfan?) mit dem bereits zitierten Steak/Ohrläppchen-Vergleich. Nicht besonders charmant vielleicht, aber immerhin hat er sich belledejours Statement durchgelesen. Die meisten Männer sparen sich das zeitaufwendige Lesen der Selbstporträts und verschicken an jede Frau, die auf den ersten Blick nicht zu abstoßend aussieht, einen Standardtext oder die immer gleichen Sprüche wie: "Hallo, ich lass mal einen lieben Gruß da." Oder: "Alles gut bei dir?" Es geht sogar noch kürzer: "Moin. Moin." "Wenn sie ein Auto kaufen möchten, machen sich Männer wochenlang Gedanken. Aber bei der Onlinesuche nach der Frau fürs Leben bemühen sie sich überhaupt nicht", lautet amaryllis26' Fazit.

In den Texten über sich selbst schreiben die Kandidaten so gut wie nichts, manchmal bringen sie einfach nur ihre Ratlosigkeit zum Ausdruck: "Was soll man hier nur groß reinschreiben... muss ja kreativ sein... ach, wird mir zu doof, melde dich einfach!" Heino-64 präsentiert sich mit der Beobachtung: "Muss sagen, die ganze Sache hier ist irgendwie...merkwürdig!" Ein paar Kerle werden jedenfalls konkret, so wie Kalle1407: "Bin zu Hause gerne nackt und liebe guten Sex! Wenn es hier eine Frau mit gleichen Interessen gibt, dann melde dich schnell."

Wer sich nur ein bisschen anstrengt, überragt schnell alle Konkurrenten

Es läuft nicht immer gut mit der Kommunikation, ja, einige Akteure scheinen gar nicht in der Lage, vollständige Sätze zu schreiben, von Orthografie und Grammatik mal ganz abgesehen. Dabei böte Schreiben so viele Vorteile. Man könnte sich in Ruhe ein paar kluge, gewinnende Sätze überlegen. Schüchternheit, Lispeln, Mundgeruch, schwitzige Hände – das alles spielt keine Rolle. Der große Vorteil des Internetdatings, dass die sonst so dominante Ästhetik gegenüber dem Wesen eines Menschen zurücktritt, verpufft ungenutzt im Chat-Universum. "Warum machen fast alle Männer in diesen Foren fast alles falsch?", fragt amaryllis26. Positiv formuliert bedeutet das: Jungs, ihr müsst euch nur ein bisschen anstrengen, schon überragt ihr alle Konkurrenten und bekommt alle Frauen.

Beim Online-Dating geht es nur um den Anfang einer Beziehung, den Prolog, die Möglichkeit, eine Geschichte entstehen zu lassen. Die Portale helfen dabei, die ersten Buchstaben passend zusammenzusetzen, aber die Story müssen die Helden dann schon selbst schreiben. Doch anstatt in Chatforen eine neue Liebesbriefkultur entstehen zu lassen – und diese Chance bestünde durchaus –, wird Sprache teilweise bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. "Es ist dort fast egal, wie etwas geschrieben wird, was eine Verrohung der Schriftsprache zur Folge hat", sagt Peter Schink, Experte für digitale Medien. "Die Kommunikation im Internet verkürzt sich. Ich selbst denke schon häufig in Schlagwörtern."

Was das Schlagwort im Kopf (oder in der Hose) von Topgun87 war, als er sweetsweetkiss schrieb: "Hi! Ich will nur vögeln, wäre das okay für dich?", erscheint klar. Nicht jeder, der bei einer Partnerbörse angemeldet ist, sucht einen Partner. Ungefähr 13 Millionen Singles gibt es in Deutschland, aber nicht nur sie zählen zur Zielgruppe der Online-Datingbranche, sondern auch Menschen in unglücklichen Partnerschaften, Fremdgeher sowie Swinger. Sex ist ein großes Thema, und so bekommen Frauen wie amourdeluxe, die aufregende Erotik verspricht, und sweetsweetkiss, die den Anschein von unverbindlichem Spaß vermittelt, extrem viele Zuschriften.

Geschlagen werden die beiden Kandidatinnen nur von kobold38, die für Fröhlichkeit und Selbstironie steht. Es scheint leider nur noch wenige unkomplizierte Frauen mit Bildung und Humor zu geben. Und amaryllis26 hat eine weitere, für uns Frauen nicht gerade schmeichelhafte Erkenntnis aus ihrem Experiment gezogen: Die Männer haben sich an unsere Stimmungsschwankungen gewöhnt. "Reflexhafte Unterwerfung unter weiblichen Launen und Ansprüche – das scheint das traurige Ergebnis von 30 Jahren feministischer Gehirnwäsche zu sein."

Oje. Wo bleibt da die Romantik? Immerhin: Laut Online-Dating-Report 2013/2014 hatten 16,4 Prozent aller in Deutschland geschlossenen Ehen ihren Ursprung in der Internet-Partnersuche. Ein Forscherteam von der Universität Chicago meint sogar bewiesen zu haben, dass Online-Ehen ein bisschen glücklicher und stabiler verlaufen als Beziehungen, die analog begannen. Die Algorithmen der Online-Agenturen, nach denen Personen mit vielen sogenannten Matchingpoints zusammengeführt werden, scheinen zu funktionieren. Jede dritte Beziehung entsteht heute bereits online. Die Deutschen liegen damit in Europa an der Spitze, und Hamburg ist Deutscher Meister beim Internet-Flirten. Mit durchschnittlich 176 Online-Datern auf 1000 Einwohner verzeichnet der Stadtstaat die höchste Quote des Landes. Dem hohen Singleanteil und der Aufgeschlossenheit der Hamburger gegenüber neuen Technologien sei Dank.

Die Norddeutschen sind beim Chatten verbindlicher als der Rest der Republik

Auch auf kommunikativer Ebene können sie beim Online-Dating punkten. "Sie machen vielleicht nicht so viele Worte, sind dafür aber bei der Partnersuche etwas verbindlicher", sagt Diplom-Psychologe Markus Ernst. Seit 2007 berät der Paartherapeut mit einer eigenen Praxis auch Online-Dater. Als Parship-Experte coacht er Singles, hört sich ihre Probleme an und hilft bei der Erstellung eines guten Profils. "Die Norddeutschen sind in ihrer Kommunikation klarer", sagt Ernst. "Wenn sie etwas schreiben, dann meinen sie es meist auch so und benutzen nicht viele Floskeln."

Doch hinter welchem Anbieter versteckt sich denn nun meine neue Liebe? Zur Auswahl stehen mehr als 2000 verschiedene Singlebörsen, Partnervermittlungen, Singlechats, Seitensprung-Dienste und Sextreffs. Einen guten Überblick verschafft die Seite www.singleboersen-vergleich.de. Die Hamburger vertrauen vor allem auf Parship. 87.200 Mitglieder verzeichnet der Anbieter, danach folgen ElitePartner (82.900) und eDarling (46.700). Von diesen kostenpflichtigen Partnervermittlungen, bei denen aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen gezielt Vorschläge gemacht werden, streng zu unterscheiden sind Kontaktanzeigen-Portale wie Friendscout24.de, Neu.de oder Singles.de, auf denen jeder Nutzer selbst auf die Pirsch geht und die Profile der anderen Mitglieder durchstöbert. Außerdem gibt es immer mehr Social-Dating-Plattformen wie Lovoo, Badoo oder Jappy, die einen eher unverkrampften "neue Leute kennenlernen"-Ansatz pflegen. Diese Anbieter sprechen auch jüngere Zielgruppen und Singles mit Migrationshintergrund an, sodass inzwischen in Deutschland so viele Nutzer wie nie zuvor aktiv sind.

Eine Zahl ist besonders irritierend: 98,3 Millionen Menschen waren im Dezember 2013 als Mitglieder bei den verschiedenen Portalen registriert, also mehr als Deutschland überhaupt Einwohner hat. Wie kann das sein? Zum einen melden sich viele nicht ab, wenn sie das Portal verlassen, zum anderen gibt es leider auch zahlreiche Fake- Accounts, wie die zwölf verschiedenen Charaktere von amaryllis26 zeigen. Vorsicht also vor irrwitzig hohen Mitgliederzahlen bei kostenfreien Anbietern. Wirklich aktiv sind derzeit "nur" acht Millionen Personen. Darunter übrigens keineswegs nur junge Leute. Eine Statistik des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) zeigt, dass knapp jeder zweite Nutzer von Singlebörsen über 50 Jahre alt ist.

Die Idee, die hinter Online-Dating steht, ist wesentlich älter als das Internet. Schon früher gab es Ehestifter, die Beziehungen arrangierten. Dann kam der Gedanke der romantischen Liebe dazwischen, Bilder von Schmetterlingen im Bauch und Funken, die überzuspringen hätten, verwiesen die alltagsresistenten aber langweiligen Zweckgemeinschaften auf die Plätze. Plötzlich wollte jeder seinen Traumprinzen, doch wer sich ein bisschen mit Königreichen auskennt, der weiß, dass es darin nur wenige Prinzen gibt, dafür jede Menge Fußvolk. Und ab und an sogar ein paar Bösewichte.

Keine Frau schreibt einem Mann namens Wurzelpurzel, Pupeye oder Keineliebe

Im Internet heißen sie "Romance Scammer", virtuelle Heiratsschwindler. Ihre Masche läuft wie folgt: Sie geben sich als Geschäftsreisende oder als Angehörige der US-Streitkräfte aus. Damit erklärt sich, dass sie nur in gebrochenem Deutsch schreiben. Sie umgarnen die Frauen, die Kommunikation wird schnell sehr romantisch. Häufig fragen die Betrüger nach Schicksalsschlägen und geben vor, Ähnliches erlebt zu habe, um eine Verbindung aufzubauen. "Irgendwann erfindet der Scammer dann ein Unglück, das ihm angeblich widerfahren ist und bittet um Hilfe, also um Geld", erklärt Marc Christian von Friendscout24. Als Verantwortlicher für Betrugsprävention kümmert er sich mit einem 30 Mann starken Team um den Schutz der rund eine Million Friendscout-Mitglieder. Bis zu 15.000 Fotos und 30.000 Texte werden täglich geprüft und freigegeben. "Wir betreiben einen massiven Aufwand, um das Betrugsrisiko, mit dem sich alle Anbieter im Internet konfrontiert sehen, so gering wie möglich zu halten", sagt Christian. "Der Imageschaden durch schwarze Schafe kann massiv sein, zumal ein Vorfall gleich den kompletten Dating-Markt überschatten kann."

Aber wie mache ich es denn nun richtig? Amaryllis26 hat basierend auf ihren Erfahrungen ein Regelwerk für Männer und Frauen erstellt. Es fängt mit dem Nickname an, der möglichst gut bedacht sein sollte. Keine Frau schreibt einem Mann namens Wurzelpurzel, Pupeye oder Keineliebe. Die Fotos sollten nicht lieblos vor einem Eimer Wäsche aufgenommen werden, ein freier Oberkörper steht nicht jedem, und wenn der Sportwagen auf dem Bild das Sportlichste an einem ist, dann hat er auf dem Foto nichts verloren. Die Anschreiben sollten orthografisch und grammatisch korrekt sein, romantisch und selbstbewusst rüberkommen. "Frauen wollen lebensfähige, leidenschaftliche Männer. Das macht ihre Attraktivität aus. Möglicherweise musst du dafür dein Leben umkrempeln. Das musst du dann aber sowieso", rät amaryllis26 den Herren.

Den Damen empfiehlt sie weniger Ernst und Oberflächlichkeit ("Ist euch schon mal aufgefallen, dass schöne Männer oft langweilig sind?"), dafür mehr Fröhlichkeit, Ironie und Geduld: "Wer hat gesagt, dass man im Internet die Liebe in nur drei Klicks findet?" Außerdem sollte sich eine Frau nie verstellen, denn selbst für den seltsamsten Topf gäbe es noch einen Deckel: "Wenn ihr eine Kuschelhundsammlung habt oder für David Hasselhoff schwärmt oder für Curling – egal, ihr könnt das alles schreiben!" Vor allem dürfe man ruhig von seinen Online-Dates erzählen. "Internetdating ist cool, romantisch und extrem aussichtsreich. Schämt auch nicht!"

Im Café Paris sind inzwischen die Teller abgeräumt. Amaryllis26 hat ihren Crêpe nicht gegessen, zu salzig. Vielleicht ist der Koch verliebt? Für die Autorin gab es im Internet tatsächlich ein Happy End, sie ist jetzt glücklich mit einem Mann zusammen, den sie beim Online-Flirten kennengelernt hat. Übrigens unter ihrem richtigen Namen.

Das Buch "Lust auf Fikken" ist im Droemer-Knaur-Verlag erschienen